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Babel Berlin auf Deutsch

Die deutsche Hauptstadt im Herzen Europas.

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08

05

2008

Sonnige Geschäfte

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Ökologie und Ökonomie schließen sich nicht aus. Angela Merkel und ihr Umweltminister Sigmar Gabriel setzen darauf bei den Erneuerbaren Energien
von Sébastien Vannier und Matthias Jekosch

Mittelmeerländer wie Spanien oder Griechenland werden zu Wüstengebieten. Andere Gebiete dagegen werden nahezu unbewohnbar und tausende Umweltflüchtlinge aus Afrika und Asien zieht es nach Europa. So sehen die Schreckensszenarien des Klimawandels aus. Warner, die öffentlich die Klimapolitik der Industrienationen kritisieren wie etwa der ehemalige amerikanische Vizepräsident Al Gore, werden gefeiert. Deutschland ist so etwas wie der Al Gore unter den europäischen Ländern. „Im Ausbau der erneuerbaren Energien ist Deutschland, was die Dynamik angeht am besten“, sagt zum Beispiel Claudia Kemfert vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung in Berlin. Sie ist Beraterin des EU-Präsidenten José Manuel Barroso. So langsam entdeckt das Land, dass sich damit auch gut verdienen lässt. „Deutschland, die grüne Wirtschaftsmacht“. Der Titel der Konferenz mit dem sozialdemokratischen Umweltminister Sigmar Gabriel in der Landesvertretung von Nordrhein-Westfalen in Berlin, lässt keine Zweifel offen: Deutschland will den ersten Platz in der europäischen Umweltpolitik.

Gabriel möchte vor allem zeigen, dass Ökologie und Wirtschaft vereinbar sind. Dafür will er massiv in Zukunftstechnologien investieren, um damit einen Rückgang des Energieverbrauchs zu bewirken und Tausende von neuen Arbeistplätzen zu schaffen. Die Deutschen sollen die Technik liefern in einer globalisierten Arbeitswelt. „Wenn China die Werkbank der Welt wird und Russland die Zapfsäule, dann müssen wir die Techniker sein“, sagte Gabriel. Bereits jetzt seien 250.000 Jobs im Bereich der erneuerbaren Energien entstanden. „Das wollen wir bis 2020 verdoppeln“, kündigte Gabriel an. Damit auch andere Staaten sehen, dass es sich lohnt, auf erneuerbare Energien zu setzen, geht Deutschland gleich voran. Die Regierung von Angela Merkel hat sich ehrgeizige Ziele gesetzt: sie will den CO2-Ausstoß um 40% bis 2020 senken (das Doppelte der für Europa vorgesehenen Menge) und bis 2020 30% der Energieproduktion durch erneuerbare Energien sichern. Das Ziel Europas sind 25 Prozent.

Gutes Geschäft: Erneuerbare Energien.

Das Erneuerbare-Energien-Gesetz entwickelt sich derweil zu einem Exportschlager. „Das ist von allen Instrumenten in Europa deutlich am produktivsten“, sagt Kemfert. Spanien zum Beispiel habe es bereits kopiert und marktwirtschaftlich verfeinert. Das deutsche EEG regelt unter anderem, dass Netzbetreiber erneuerbaren Energien Vorrang geben müssen. Die anfallenden Kosten werden in einem bundesweiten Ausgleich unter den Versorgern und Netzbetreibern aufgeteilt. Über die Preise zahlen letztlich auch die Endverbraucher mit.

Angst vor der Lücke

Frankreich schielt etwas unbeholfen auf die deutschen Ambitionen. Nicolas Sarkozy hatte zwar im vergangenen Oktober eine „ökologische Revolution“ versprochen, indem er einen Umweltgipfel einberief, der alle beteiligten Parteien der Klimadiskussion an einen Tisch brachte. Die Vorgaben dieses „historischen“ Treffens waren hoch gesteckt: kein Ausbau von Autobahnen, die Erhöhung erneuerbarer Energien auf 20% bis 2020. Sechs Monate später jedoch lässt die Umsetzung auf sich warten. Und noch ein entscheidender Punkt unterscheidet die Franzosen von den Deutschen: die Atomenergie. Sigmar Gabriel hat wiederholt betont, dass eine Wiedereinführung in Deutschland nicht infrage käme. Das letzte Atomkraftwerk soll 2021 vom Netz gehen. Vor allem die Netzbetreiber warnen deshalb vor einer Energieversorgungslücke. „Wir brauchen einen breiten Energiemix, der auch Atomenergie einbezieht“, fordert deshalb Ulrich Jobs, Vorstandsmitglied der RWE AG. Kohlekraftwerke könnten eine Alternative sein. Doch sind sie es wirklich, angesichts der Emmissionswerte, die einer strikten Umweltpolitik zuwider laufen? Die Anlagen geben ein Kilogramm Kohlendioxid pro Kilowattstunde Strom an die Umwelt ab - oder mehr.

Die Glaubwürdigkeit in Umweltfragen innerhalb Europas könnte auch durch die Geschwindigkeitsbegrenzung auf Autobahnen Schaden nehmen. Wie soll Deutschland einerseits die europäische Vorreiterrolle in umweltpolitischen Dingen spielen und andererseits kategorisch verweigern, die Höchstgeschwindigkeit für die schnellen Mercedesse, Audis oder BMW auf den Autobahnen einzuführen? Sigmar Gabriel verspricht zwar eine dritte industrielle Revolution, die kann aber auch bei Tempo 130 kommen.

02

05

2008

Das bewegte Berlin: Tag der Arbeit

In „Das bewegte Berlin“ nehmen Babel-Autoren rückblickend das Top-Thema der vergangenen Woche in der deutschen Hauptstadt auf. Die Sichtweise ist subjektiv, analytisch, kommentierend aber immer auch informierend. Schreibt uns in Kommentaren eure Meinung zum Thema.
Von Matthias Jekosch

Am Abend musste selbst Berlins Polizeipräsident Dieter Glietsch die Beine in die Hand nehmen. Einige Autonome hatten ihn erkannt und warfen Flaschen nach ihm. Personenschützer brachten ihn daraufhin in einem Mannschaftswagen in Sicherheit. Kreuzberg am 1. Mai – ein gefährliches Pflaster.

„Die Randale am Rande ist bedauerlich, hat den 1. Mai aber nicht geprägt“, sagte ebenjener Glietsch am Tag darauf und präsentierte Zahlen zum Beweis: 138 Personen wurden fest genommen. Das sind mehr als zuvor und zwar deshalb, so erklärte Innensenator Ehrhart Körting, weil die Polizei konsequenter Steine- und Flaschenwerfer aus der Menge herausgreife. 90 Polizisten wurden leicht verletzt. Im vergangenen Jahr waren es noch 115. Die Krawalle passierten am Rande des berüchtigten SO36-Kiezes, des ehemaligen Postzustellbezirkes, in dem die ersten heftigen Straßenschlachten 1987 statt fanden und seitdem jährlich ritualisiert wurden. Blutige Nasen auf beiden Seiten gab es, ja. Aber die Gewalt geht zurück. Mittendrin in dem einstigen Krawallstadtteil zwischen Kottbusser Tor und Mariannenplatz feierten beim sechsten „Myfest“ nach Veranstalterangaben etwa 20000 Menschen friedlich. Kreuzberg am 1. Mai – Volksfeststimmung.

Irgendwann hatten die Anwohner keine Lust mehr auf mit Brettern vernagelte Fensterscheiben und Gewaltausbrüche in ihrer Mitte. Zusammen mit dem Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg riefen sie 2003 das „Myfest“ ins Leben. Es riecht nach Gegrilltem. Bratwürste, Salate und vor allem türkische Spezialitäten werden alle paar Meter angeboten. „Es macht Spaß mit den Leuten zu quatschen“, findet Ediybe Kirac. Sie wohnt in der Oranienstraße und bietet vor ihrer Haustür auf einem Bierzelttisch Kaffee, Kuchen und Salate an. Wie viele Nachbarn und Gewerbetreibenden insgesamt mitmachen weiß Organisatorin Silke Fischer nicht genau, aber sie versichert: „Die Beteiligung ist enorm.“

Keine Krawalltouristen

Auf 17 Bühnen spielen mehr als 17 Bands. „Ich bin hier wegen der Party“, sagt zum Beispiel der Spanier Gabriele Radelio. Noch vor wenigen Jahren trauten sich höchstens Krawalltouristen zum Kottbusser Tor vor. Eine Zeit, die manche auch zurücksehnen. Ein Mann mit angegrauten Haaren, die zum Pferdeschwanz zusammengebunden sind, stellt sich als „Atze“ vor. Atze erzählt, dass er seit über 25 Jahren im Bezirk wohnt. „Das Fest wird zu viel, irgendwann gibt es gar keine Demo mehr“, fürchtet er. Mitglieder der linken Szene bezeichnen die Feier deswegen als „Konsumfest“.

Der politische 1. Mai fand tatsächlich nicht in Kreuzberg statt, obwohl alleine dort drei Demos angemeldet waren. „Viele wissen doch gar nicht mehr um was es geht“, findet Tine Blisse, die in einem linken Jugendprojekt arbeitet. Viele politisch motivierte Linke reisten stattdessen nach Hamburg, wo es die schwersten Ausschreitungen am 1. Mai seit langem gab. Dort hatte die rechtsextreme NPD eine Demo angemeldet, gegen die mehr als 6000 Gegendemonstranten aufliefen. Die Zahl der Verletzten war mit 59 zwar geringer als in Berlin, erschreckend war aber die Brutalität. Der Hamburger Einsatzleiter der Polizei sagte, nur der Eingriff der Beamten habe verhindert, dass es Tote gab.

Der Tag der Arbeit wird traditionell weltweit am 1. Mai begangen. In Europa ist der Tag nur bei Dänen, Engländern, Iren, Holländern und Türken kein Feiertag. Ausschreitungen gehören leider dazu. Schon der Beginn der Arbeiterbewegung 1886 in den USA endete nach einem Bombenwurf in Chicago blutig. Vier der Anführer wurden damals gehenkt. Auch in anderen Ländern eskaliert die Gewalt. In diesem Jahr gab es zwölf Verletzte in Zürich und in Istanbul setzten 20000 Polizisten Tränengas gegen Demonstranten ein. Trotz des Festes - auch in Berlin waren die Feiernden vorsichtig. „Abends gehe ich lieber hoch“, sagte Anwohnerin Kirac. Sie wohnt im dritten Stock in der Oranienstraße. Da oben ist sie sicher und hat alles im Blick.

07

04

2008

Das bewegte Berlin: Glücklich an der Spree

In „Das bewegte Berlin“ nehmen Babel-Autoren rückblickend das Top-Thema der vergangenen Woche in der deutschen Hauptstadt auf. Die Sichtweise ist subjektiv, analytisch, kommentierend aber immer auch informierend. Schreibt uns in Kommentaren eure Meinung zum Thema.
Von Lena Meier

Spontan hab ich mir am Sonntag eine interessante Ausstellung angeschaut, letzte Woche auch schon. Gehe ich ins Kino, dann immer in die Originalversion oder mit Untertiteln, auch beinahe wöchentlich. Aus einer Laune heraus habe ich mich für einen Swingtanzkurs angemeldet. Die Tanzschule ist 10 Minuten mit dem Fahrrad entfernt. Mein Job ist zwar fest, aber nur eine Drei-Tage Stelle mit prekärer Bezahlung. Trotzdem wohne ich in einer eigenen Wohnung und kaufe Fleisch im Bioladen. Das Angebot stimmt, die Lebensumstände auch. Ich kann also als rundum glückliche Berlinerin gelten.

Damit liege ich im Trend. Denn laut einer Anfang April veröffentlichten Studie sind Berliner freudige Großstädter und sogar glücklicher mit ihrer Stadt als andere Europäer. 89 Prozent der Befragten schätzen die deutsche Hauptstadt als Lebensraum. Gründe sind etwa das breite Kultur- und Freizeitangebot, die kulturelle Dynamik, die Wohnmöglichkeiten, der öffentliche Verkehr und die gut bezahlbaren Lebenshaltungskosten.

In Auftrag gegeben wurde die Studie von Veolia, einem international agierenden privaten Wasser- und Entsorgungskonzern. Neben Berlinern wurden Menschen in 13 weiteren Metropolen weltweit befragt. In Europa waren das Paris, Lyon, Prag und London. Dass Frankreich mit gleich zwei Städten vertreten ist, erklärt sich aus der Unternehmensgeschichte. Veolia begann, damals noch unter anderem Namen, als Wasserversorger von Paris und Lyon im 19. Jahrhundert.

Genau so ergiebig: Kleinstumfrage im Bekanntenkreis

Besonders neu sind die Ergebnisse der Studie nicht. Denn dass Berlin seinen Einwohnern dreckig vorkommt, sie aber finden, dass es recht viel Grün gibt, man hier auch Kinder großziehen kann und das Leben wirklich preiswert ist, hätte man auch mit einer Kleinstumfrage im Bekanntenkreis herausgefunden. Auch über die anderen untersuchten Metropolen ließen sich aufgrund von eigenen Erfahrungen genauso treffende Aussagen machen, wie Veolia sie liefert.

Pariser beispielsweise finden, dass man sehr gut verdienen muss, um in der französischen Hauptstadt angenehm leben zu können. 87 Prozent der Befragten gaben dies an. Das war vorhersagbar. Ein Freund aus Paris arbeitet sieben Tage die Woche, er wohnt in der Innenstadt, aber in einem Viertel, in das sich einige Pariser auch tagsüber nicht trauen. Seine Wohnung verschlingt den halben Verdienst. Auch die Pressesprecherin von Veolia Deutschland, Barbara Helten zog in einem Interview auf Deutschlandradio Kultur Schlüsse, die man getrost als Allgemeinwissen abtun kann: „Man hat erhoben, dass Pariser sich zwei Stunden mehr Schlaf wünschen. Das Leben scheint dort anstrengender zu sein.“

Was also soll eine Studie, die nur Offensichtliches erzählt? Veolia gibt an, sich angesichts der ständig steigenden Stadtbevölkerung um die Zukunft der Städte verdient machen zu wollen. Es menschelt sehr, wenn zu Beginn der Berliner Präsentation, die als Powerpoint auf der Firmenseite zu finden ist, vom besseren Verständnis der Großstädter und ihrer Bedürfnisse die Rede ist. Doch wo bleiben Untersuchungen aus Lateinamerika, Afrika oder Indien? Die Metropolen aus diesen Weltregionen klammert Veolia aus. Die Studie gibt – auch aufgrund ihrer geringen Anzahl von nur etwas mehr als 600 Befragten pro Stadt – wenig repräsentative Antworten auf die Frage nach den „urbanen Lebensstilen“ weltweit.

Die von einigen Berliner Medien begeistert aufgenommenen Erkenntnisse kaschieren zumindest in Berlin nur die düstere Wirklichkeit. Tatsache ist, dass Veolia zusammen mit RWE vor neun Jahren in die Berliner Wasserversorgung eingestiegen ist und seitdem die Preise für Wasser ständig gestiegen sind, allein in den letzten vier Jahren um 26 Prozent. 2007 machten die Berliner Wasserbetriebe Rekordgewinne, über die Hälfte streichen die privaten Investoren ein. Somit bezahlt der Verbraucher, also der Berliner, viel Geld an Veolia. Man wünscht sich, dass Veolia dafür im Gegenzug die Ergebnisse der Umfrage genau studiert und die Zukunftsängste der Berliner Ernst nimmt. Denn was das positive Denken für die Zukunft angeht, liegt Berlin unter dem Durchschnitt.

Berliner Ergebnisse der Studie „Urbane Lebensstile

05

04

2008

Warum deutsche Männer nicht flirten

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Ich lebe bereits seit einem Jahr in Deutschland. Jedoch waren die mit viel Lager Bier angeregten verbalen Beschimpfungen, denen ich mich eines Abends ausgesetzt sah, so ziemlich das einzige, was einem Annäherungsversuch nahe kam. Ich hoffe nur, sie waren nicht als Anmachsprüche gedacht.
von Anna Patton

Natürlich wäre ich bereit zu glauben, das Problem läge bei mir – ich bin schließlich keine Angelina Jolie und ich besitze nicht mal einen Push-up-BH. Ich habe wirklich angenommen, dass die Schuld bei mir liege. Bis ich herausfand, dass ich nicht die einzige bin, die so eine unverfrorene Gleichgültigkeit gegenüber den eigenen femininen Reizen erlebt.

Es zeigt sich sogar, dass jede Frau die ich in Berlin kenne, unter dem gleichen männlichen Desinteresse leidet. Fiona, die bereits seit zwei Jahren hier lebt, war überhaupt nicht überrascht, als ich befand, dass es schwierig sei, Männer in Berlin kennen zu lernen: „Ja absolut, du musst hier richtig aufdringlich werden – deutsche Männer machen niemals den ersten Schritt.“ Und Carola erzählte mir, dass sie in ihrem ganzen Leben nicht einmal von einem deutschen Mann charmant angesprochen worden sei: sie ist gebürtige Berlinerin. Männer hier machen einfach keine Annäherungsversuche.

Dabei verlange ich noch nicht einmal viel. Schließlich stammen meine Maßstäbe aus Erfahrungen mit der charmanten doch meist hoffnungslosen britisch-irischen Kultur, wo Flirten selten mehr als ein ungeschicktes Heranrutschen an die Auserwählte an der Bar gefolgt von einem unverständlichen Gestotter ist. Zu späterer Stunde könnte es auch zu einem betrunkenen Überfall auf sie mitten auf der Tanzfläche kommen.

Meine koketten Begegnungen waren demnach bislang eher undenkwürdig und selten romantisch. (Der Tiefpunkt war: „Ich mag die Art wie dein Haar in der Briese weht.“ Wir saßen zu dem Zeitpunkt im Wohnzimmer.) Aber selbst diese albernen Zeilen oder ungeschickten Gesten - so peinlich, dass man automatisch zusammenzuckt - geben dir trotzdem etwas, und wenigstens lassen sie dich wissen wo du stehst. In Deutschland könnte dieser ernst dreinschauende Mann, der da drüben sitzt, leidenschaftlich in dich verliebt sein und du wirst es niemals wissen.

Opfer der Venustraphobie

Also was ist hier eigentlich los? Wollen deutsche Männer nicht flirten – oder sind sie in der Tat physisch nicht in der Lage dazu? Ein genetisches Ding, so in der Art – weiße Menschen können nicht rappen und Europäer können nicht tanzen? Hat das Erscheinen des italienischen Hengstes und des französischen Charmeurs vor vielen Jahrhunderten zur Ursache gehabt, dass die deutsche Spezies sich in die andere Richtung entwickelte – Mutter Naturs Weg um das Gleichgewicht für die Frauen Europas herzustellen?

Wie zum Beweis der deutschen Unfähigkeit zu flirten sind Flirtschulen und Kurse wie Pilze aus dem Boden geschossen und heute weit verbreitet. Sie könnten kaum einen Geschäftstag in der Mediterranen Welt überleben. Ein vor kurzem veröffentlichter Bericht der Times Online verglich Flirtgewohnheiten in verschiedenen Kulturen. Deutsche Männer, so war dort zu lesen, “sehen die Eroberung einer deutschen Frau als einen Extremsport an ... Die Komponente Charme ist nicht so wichtig.“ Es scheint eindeutig, dass deutsche Männer nicht sehr an Hochrisiko-Sportarten interessiert sind. Laut Autor des Artikels sind sie sogar Opfer der „Venustraphobie“ – der Angst, schöne Frauen anzusprechen. Manche glauben, diese Furcht wurde durch eine übermäßig emanzipierte weibliche Bevölkerung ausgelöst, welche nun die Jäger-Rolle im sexuellen Räuber-Beute-Spiel übernommen hat.

Flirten auf Deutsch

Aber könnte es auch einfach sein, dass Männer sich so verhalten wie die Gesellschaft es vorgibt? Deutsche Frauen, so sagt man, erwarten von ihren Männern Beherrschung. Spiegel Online hatte im Vorfeld zur Weltmeisterschaft 2006 in Deutschland einige Flirt-Richtlinien für ausländische Fans veröffentlicht, welche befolgt werden sollten, wenn Mann bei deutschen Frauen punkten wollte. Potentielle Verführer sollten vorsichtig sein, warnte der Artikel, da selbst ein einfaches "Hallo" einer deutschen Frau „zu direkt erscheint.“ Hallo? Befinden wir uns etwa im 19. Jahrhundert?

Die Deutsche Welle, die internationalen Studenten gute Ratschläge zum Thema Flirten erteilt, riet ebenso zur Vorsicht. Ihrer Meinung nach sollten dich „Augenkontakt und gutes Benehmen“ weiter bringen als „übertriebenes Machogehabe.“ Es scheint, als ob die Definition von Flirten auf Deutsch weiterhin auf ein unbewegtes, emotionsloses Starren von der anderen Seite des Raumes reduziert bleibt. Aber ich kann mir nicht vorstellen, dass irgendeine deutsche Frau einen verständlichen Grund finden könnte, warum der freundliche Annäherungsversuch eines Fremden sie beleidige – das ist nur eine Entschuldigung.

Es ist eigentlich so, dass Männer Angst haben sich lächerlich zu machen, und das ist genau das Risiko beim Flirten. Deutsche sind nicht risikofreudig. Sie mögen es, die Dinge genau und sorgfältig zu tun, nicht spontan und irrational. Vergiss genetische Erbanlagen oder kulturelle Gegebenheiten. Deutsche mögen einfach keine Extremsportarten.

Obwohl, wo ich gerade davon spreche, Ich fand auch noch nie etwas Besonderes am Adrenalinkick. Vielleicht wird es Zeit, dass ich einen der Flirtkurse besuche?

*Alle Namen wurden geändert.

31

03

2008

Das bewegte Berlin: Skandal um Knuts Zuhause

In „Das bewegte Berlin“ nehmen Babel-Autoren rückblickend das Top-Thema der vergangenen Woche in der deutschen Hauptstadt auf. Die Sichtweise ist subjektiv, analytisch, kommentierend aber immer auch informierend. Schreibt uns in Kommentaren eure Meinung zum Thema.
Von Sonia Gigler

Während Tier-Star Knut weiter Karriere macht (ab 10. April gibt’s den weißen Knuddelbär auch auf Briefmarken) steht es um sein Zuhause gerade kritisch. Tierschützer werfen der Zoo- und Tierparkdirektion unter anderem vor, Tiere an Schlachter verhökert zu haben. Warum wurden die Kätzchen umgebracht? Was geschah mit der Kragenbärfamilie und dem Zwergflusspferd? Und wurden Jaguare und Tiger abgegeben um in China zu Potenzmitteln verarbeitet zu werden? Solche Fragen beschäftigen die Berliner Gemüter seit Claudia Hämmerling, Abgeordnete der Grünen, wegen angeblicher Verstöße gegen das Tierschutzgesetz am 17. März Anzeige gegen den Chef von Zoo und Tierpark, Bernhard Blaszkiewitz, erstattete.

Hämmerling, Referentin für Tierschutz und Verkehr bei den Grünen, behauptet, Hunderte von Tieren aus Zoo und Tierpark seien in den vergangenen Jahren spurlos verschwunden. Sie beruft sich dabei auf Kopien aus Zuchtbüchern. Sie warf Blaszkiewitz unter anderem vor, neun Tiger und Jaguare einer Zuchtfarm in China verkauft zu haben. Dieselbe Farm wirbt damit, aus Großkatzen traditionelle Medizin und Potenzmittel herzustellen. Außerdem sei eine Pantherin mit einem Javaleoparden unartgerecht gekreuzt worden. Der unerwünschte Nachwuchs sei erst bei Tierhändlern und dann im Schlachthaus gelandet.

Flusspferd beim Schlachter

Ein ähnliches Schicksal mussten ihrer Meinung nach auch eine vierköpfige Kragenbärfamilie und ein Flusspferd Anfang der neunziger Jahre erleiden. Die Tiere wären an zwielichtige Händler abgegeben und in den belgischen Ort Wortel gekarrt worden. Dort hätte es aber keinen Zoo, sondern nur einen Schlachter gegeben. Hämmerling fordert mehr Transparenz bei Zucht und Verkauf von Zootieren. Dem stimmt auch die Präsidentin des Verbandes Deutscher Zoo-Direktoren Gisela von Hegel in einem Gespräch mit Welt Online zu: "Das Töten und Überleben von Wildtieren in Zoos müssen im Umgang mit der Öffentlichkeit sehr offen und transparent behandelt werden".

In den Boulevard-Blättern ist vom Berliner „Zoo-Krieg“ die Rede: Während Hämmerling aktive Unterstützung von Tierschutzrechtlern wie Frank Albrecht von der Organisation Peta und Marcel Gäding vom Tierschutzbund Berlin erhält, haben sich sowohl der Zoo-Aufsichtsrat als auch der Förderverein von Tierpark und Zoo solidarisch hinter ihren Chef geschart. Im Gespräch mit der Berliner Zeitung meinte Aufsichtratsvorsitzender Jochen Siewers: „Wir stehen voll hinter Herrn Blaszkiewitz.“ Der Aufsichtsrat hatte den langjährigen Tierpark-Chef 2007 auch zum Zoo-Chef berufen. Auch Fördervereinschef Thomas Ziolko sprach sich für Blaszkiewitz aus und bezeichnete Hämmerlings Methode als einen „Feldzug gegen die Hauptstadtzoos“ der „stillos und unwürdig“ sei. Doch fast täglich wird Blaskiewitz neuer Gräueltaten beschuldigt: willkürliche Katzentötung, fragwürdige Tierpflegepraktiken, Manipulation der Zuchtbücher, unartgerechte Tierkreuzungen, keine Geburtenkontrolle und Isolationshaft für Knut. Es scheint kein Ende zu nehmen.

Jedoch, wie die Süddeutsche Zeitung kommentierte, würden die von den Tierschützern vorgelegten Kopien aus Zuchtbüchern nicht belegen, dass die Tiere wirklich umgekommen seien. Zoodirektor Blaszkiewitz wiederholte mehrmals im Gespräch mit der SZ: „Die Schlachtungsgeschichten sind erfunden“ und „wir arbeiten nur mit honorigen Tierhändlern zusammen.“ Für die Vermittlung von Tieren nach China in den neunziger Jahren habe er eine Genehmigung des Bundesamtes für Naturschutz gehabt.

Artgerechte Tötung?

Blaskiewitz' Aussage im Interview mit der B.Z. er habe 1991 vier verwilderte Katzenbabys „artgerecht getötet“ als er ihnen selbst das Genick brach, hat ihm jedenfalls keine Sympathie in der Öffentlichkeit eingebracht. Laut Marcel Gäding im Tagesspiegel gibt es „kein artgerechtes Töten durch Handanlegen.“ Blaskiewitz habe ganz klar gegen die Bestimmungen im Tierschutzgesetz gehandelt. Dort heißt es: „Ein Wirbeltier darf nur unter Betäubung oder sonst, soweit nach den gegebenen Umständen zumutbar, nur unter Vermeidung von Schmerzen getötet werden.“ Weiter wird festgelegt: „An einem Wirbeltier darf ohne Betäubung ein mit Schmerzen verbundener Eingriff nicht vorgenommen werden. Die Betäubung warmblütiger Wirbeltiere ... ist von einem Tierarzt vorzunehmen.“ Laut Gäding reichten weder Blaszkiewitz Ausbildung als Diplom-Biologe noch sein Amt als Tierpark-Chef dazu aus. Weiter befand Gäding die Begründung für die Tötung - die Katzen waren Überträger von Krankheitserregern – als unzureichend, denn auch Zootiere würden Krankheiten übertragen. Blaszkiewitz habe sich durch seine Handlung strafbar gemacht und sei als Zoo- und Tierpark-Direktor untragbar.

Teilweise wurde ihm von Lesern des Tagesspiegel-Onlineauftrittes sogar etwas „Gruseliges“ angehängt; er sei ein „Metzger oder Schlachter“ dem man nachts „nicht alleine auf der Strasse begegnen“ möchte. Aber zeigen solche Kommentare nicht auch wie emotional aufgeladen diese Debatte ist? Meint nicht ein Tagesspiegel Leser zu Recht, dass Kritik an fragwürdigen Tierpraktiken zwar gerechtfertigt sei, dies aber „nicht in einen Hexenwahn mit zunehmend bizarren Zügen ausarten“ sollte? Am Freitag teilte Zoo-Sprecher Detlef Untermann mit, dass Blaszkiewitz sogar einen elektronischen Drohbrief erhalten habe. Die Kritik geht über die Person Blaszkiewitz hinaus. Längst scheinen viele Tierliebhaber die Einrichtung Zoo in ihrer jetzigen Form grundsätzlich zu hinterfragen.

20

03

2008

Aufregung in der U-Bahn

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beobachtet von Matthias Jekosch

Die U-Bahnen fahren wieder nach dem Streik. Wie habe ich sie vermisst. Endlich nicht mehr durch den schneidenden Wind radeln, endlich trocken am Ziel ankommen. Entspannt sitze ich in einer Reihe neben all den anderen von der Arbeit müde dreinblickenden Gestalten. Eine Gruppe von Jugendlichen balgt sich. Zwei von ihnen boxen auf einen dritten ein. Es soll ein Spiel sein, nervig aber harmlos. Plötzlich steht ein älterer Herr, etwa 70 Jahre alt auf und geht zu den Jungen rüber. „Was soll das“, brüllt er sie so laut an, dass noch die Fahrgäste im hinteren Teil erschrocken aufschauen. Die drei gucken erst einander verdutzt an, dann den älteren Herrn. „Was das soll“, wiederholt er seine Frage, diesmal noch lauter. Dem einen Jugendlichen gefällt die Einmischung nicht. Er macht sich größer, als er ist, und steht nun Kopf an Kopf mit dem Rentner. „Was willst du?“, fährt er ihn an und will ihm mit diesem Spruch sicherlich nichts verkaufen. Einem sportlichen Mittzwanziger wird das Gezeter zu viel. Er geht zu dem Jungen und sagt ihm, dass er sich beruhigen soll. So schnell sich der Streit aufgebaut hat, so schnell kühlen sich die Gemüter auch wieder ab. Rentner und Junge drehen sich um und geben Ruhe. Die anderen Fahrgäste schauen wieder in ihre Zeitungen oder in die Luft. So eine Aufregung. Wie habe ich das auf meinem Fahrrad nicht vermisst.

19

03

2008

U-Bahn-Liebe

Die liebe Liebe findet in einer Stadt mit knapp 3,5 Millionen Einwohnern viele Formen, sich zu entfalten. Wir sind ihnen hier auf der Spur. Ist euch ein sexy Aspekt Berlins aufgefallen? Dann schreibt uns davon.
Von Sergio Marx

Da sitzt sie, mir direkt gegenüber. Ihre hinter dem Kopf zusammengeknoteten, blonden Haare geben die feinen Züge ihres Gesichts frei und ein Hauch Lippenstift gibt ihren Lippen die Farbe einer begehrenswerten Frucht. Sie hat die Beine übereinander geschlagen, wir tauschen ein kurzes Lächeln aus. Ich fühle mich sehr von ihr angezogen. Ich würde sie gern ansprechen, ein Gespräch beginnen, ich überlege, zaudere, fasse mir ein Herz – zu spät: „Alexanderplatz, dieser Zug endet hier, bitte alle aussteigen!“. Sie steht schlagartig auf, geht aus dem Zug hinaus und verschwindet in der dichten Menge. Ich versuche, ihr zu folgen, doch sie ist schon verschwunden. Meine Verzückung war nur kurz. Schade! Wo wollte ich noch hin? Ach ja, in die Uni!

Vorher-Nachher: So soll es mit dem Nachbarn klappen. Grafik: BVG

Bei Begegnungen wie diesen will die BVG (Berliner Verkehrsbetriebe) nun Abhilfe schaffen. Sie hat die Kampagne ‚Augenblicke’ gestartet. Haben Sie die Frau ihres Lebens in der Linie U5 gesehen? Einen unwiderstehlichen Mann am Potsdamer Platz? Lassen Sie einfach dem Objekt ihrer Begierde eine kleine Nachricht auf der Seite und vielleicht wird er Sie erkennen und … wer weiß? Hilfe in Liebesdingen von der BVG. Wer hätte das innerhalb des ansonsten strengen Internetauftrittes vermutet?

Aber nicht nur online wirbt die BVG für ihr Kuppelangebot. Sie hat auch ein paar Plakate in ihre Züge gehängt. Sie zeigen zwei Jungendliche die nebeneinander sitzen. Auf den Plakaten steht: ‚Ich habe mich nicht getraut’ oder ein bloßes ‚Ich bin da’. Sie deuten ein Happy End an: Auf den Plakaten trinken die Jugendlichen zusammen oder küssen sich gar voller Leidenschaft. Machen Sie sich keine Sorgen, mein Ziel ist überhaupt nicht eine Kampagne zu unterstützen, die die Jugend von dem rechten Weg oder den guten Sitten abbringt: diese Plakate haben nicht nur die Jugend als Zielgruppe, sie stellen auch ältere Leute dar, die sie auffordern, sich miteinander zu unterhalten. Eine gesellige Gemütlichkeit in der U-Bahn kann ja nun wirklich nicht schaden.

Wir wollen Nähe

Und da liegt ein Paradox unserer Gesellschaft. Seit der Demokratisierung des Internets oder des Handys, ist es immer einfacher geworden, mit jemandem auf der anderen Seite der Erde zu kommunizieren. Aber in unserer direkten Umgebung fällt es uns schwer Nähe herzustellen. Nachbarn sprechen immer weniger miteinander. Seit die Ladenbesitzerin an der Ecke alle sechs Monate wechselt, kennt man sich dort auch nicht mehr mit Namen. 

Wir leiden an einem Gefühl des Mangels, wir brauchen den Austausch mit unserer Umgebung. Die BVG hat das erkannt: Los! Miteinander schwatzen! Laut der Gesellschaft, hat die Internetseite bemerkenswerte Ergebnisse: seit Start der Aktion am Valentinstag 2007 klickten rund 1,4 Millionen Nutzer die Seite an. Wie viele U-Bahn-Paare sich seither gefunden haben ist nicht zu überprüfen. "Wir haben mehrfach versucht, über unsere Kanäle Aufrufe zu starten, dass sich Pärchen bei uns melden, leider ohne Erfolg", sagt ein Sprecher des Unternehmens. Die Klickzahlen alleine deuten aber schon darauf hin, dass die BVG einen Zeitgeist erkannt haben könnte. So finden auch Internetseiten wie meetic regen Zulauf. Da, so die Hoffnung, findet sich eine verwandte Seele. (Näheres dazu auf Cafe Babel)

Die Leute sind noch neugierig aufeinander und wollen nicht griesgrämig und eingeengt wie in einer Konservenbüchse nebeneinander hocken. Sie trauen sich nur nicht, das vor Ort zu ändern. Also gehen sie einen Umweg über die neuen Technologien auf Höhe des Zeitgeistes.Dann stellen sie sich an eine Station, warten und genießen kurz den Stillstand. Bis die nächste Bahn kommt und sie wieder mit in die Dunkelheit reißt, wo Blicke sich manchmal begegnen…

Ach ja, ein schöner Gedanke, aber ich glaube meine blonde Angebetete bleibt unauffindbar!

18

03

2008

Europa in Bildern

„Die Europäische Union hat keine konkrete Grundlage. Sie ist nichts weiter als ein politisches Gebilde, das von elitären Bürokraten regiert wird (die uns nebenbei auch noch die Souveränität wegnehmen).” Soweit ungefähr das Urteil des durchschnittlichen Euroskeptikers. Die Stiftung Alinari aus Florenz, die seit 1852 alle Arten von Fotografie sammelt, will ihn vom Gegenteil überzeugen. Ihre Ausstellung „Europa in Bildern – L’Europa delle immagini” unter der Schirmherrschaft der italienischen Republik und der Europäischen Kommission versucht zu zeigen, dass Europa auf einer großen Zahl verschiedener Kulturen basiert, alle verbunden durch gemeinsame Werte und mit einer gemeinsamen Zukunft. Als Zeugen führen sie 150 Jahre europäische Fotografie an.
Von Sergio Marx

Der erste Teil der Ausstellung besteht aus „Visitenkarten” der 27 Staaten der Europäischen Union. Je vier Fotos sollen die Geschichte und die Kultur eines Landes symbolisieren. Die Bilder, ausgewählt von der jeweiligen Botschaft, zeigen zum Beispiel den Fall der Berliner Mauer, den spanischen König nach dem Tod Francos oder eine Schule der dritten französischen Republik. Der zweite Teil beschäftigt sich mit dem täglichen Leben. Dort sieht man zum Beispiel entspannte Spaziergänger beim Eisessen oder ein klassisches Konzert. Im starken Kontrast dazu erinnert ein lebloser Körper an einem Mittelmeerstrand an die hässlichen Gesichter der Realität, hier das tragische Ende eines gefährlichen Einwanderungsversuches.

Kennen Sie diese Frau? George Charles Beresford, Virginia Woolf, 1902 © Ullstein Bild–Garanger Collection

Der Besucher kann sich daneben auch in originellen Landschaftsaufnahmen, Bildern von Schauspielern, Intellektuellen oder sonstigen Berühmtheiten verlieren. Die Künstler, von denen die Fotografien stammen, reichen von Eugène Atget bis Brassai, von Henri Cartier Bresson zu Gustave Le Gray oder August Sander. Die Präsentation ist sehr gelungen und ist vor allem wegen der Assoziationen interessant, die sie produziert: Ein Bild von Griechischen Ruinen hängt beispielsweise gleich neben einem Foto von Pablo Picassos „Guernica”. Beide Ruinen trennen Jahrtausende, aber sie gehören doch gleichermaßen zum kollektiven europäischen Gedächtnis.

Die Entscheidung allerdings, die Fotos nur mit ihrem Titel und dem Namen des Künstlers zu versehen, ohne Hinweise auf die Biographie des Portraitierten oder den Kontext des fotografierten Ereignisses, sorgt zwar einerseits für unterschiedliche Assoziationen und Gefühle bei verschiedenen Besuchern, lässt sie aber manchmal auch ratlos zurück. Kennt wirklich jeder die englische Schriftstellerin Virginia Woolf oder die Geschichte der Europäischen Integration gut genug, um zu erkennen, wer sich hinter vier Männern beim Unterschreiben eines Vertrages verbirgt? Immerhin hatte Berlins Parlamentspräsident Walter Momper zur Eröffnung der Ausstellung besonders den pädagogischen Charakter der Ausstellung hervorgehoben. Ohne Kontext erfüllt die Ausstellung diesen Anspruch nicht ganz.

Wo sind Norwegen und die Ukraine?

Mehr noch: Warum musste man die „Visitenkarten” auf die 27 Mitgliedsstaaten der EU beschränken? Damit geht doch die Vorstellung einher, dass die nationalen Kulturen überhaupt erst in der Europäischen Union eine europäische Dimension haben. Es scheint, als würde Europa vor den Toren der EU aufhören. Wäre die Ausstellung 2006 zu sehen gewesen, hätten Rumänien und Bulgarien noch nicht dazugehört, obwohl sie natürlich auch schon damals Teil der geistigen Gemeinschaft Europa waren. Und wo sind Norwegen, die Schweiz, Kroatien, die Ukraine und, ohne den Rahmen des Artikel sprengen zu wollen, die Türkei?

Letztlich verlieren die Bilder selbst aber nichts von ihrem Charme. Falls man also gerade in Kreuzberg unterwegs ist und nichts vorhat, ist ein Abstecher in das Willy-Brandt-Haus durchaus zu empfehlen. Die Ausstellung ist kostenlos, und man kann im gleichen Gebäude noch die Picasso-Ausstellung besuchen.

Willy-Brandt-Haus, Stresemannstr. 28, (U-Bhf. Hallesches Tor) Bis zum 30. März, dienstags bis sonntags, 12 bis 18 Uhr. Eintritt frei, Ausweis erforderlich.

15

03

2008

Das bewegte Berlin: Beten in Schulen

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In „Das bewegte Berlin“ nehmen Babel-Autoren rückblickend das Top-Thema der vergangenen Woche in der deutschen Hauptstadt auf. Die Sichtweise ist subjektiv, analytisch, kommentierend aber immer auch informierend. Schreibt uns in Kommentaren eure Meinung zum Thema.
Von Matthias Jekosch

Über 460.000 Einwohner Berlins von insgesamt 3,4 Millionen sind laut Statistischem Landesamt nichtdeutscher Herkunft. Da viele osteuropäische Zuwanderer nicht in der Statistik mitgezählt werden, dürften es in Wahrheit über 600000 sein. In Berlin gibt es Schulen mit über 90 Prozent Anteil an Schülern mit Migrationshintergrund. Fast ein Viertel aller Schüler mit ausländischem Pass schaffen nicht einmal den Hauptschulabschluss. So weit die Fakten.

In Berlin hat jetzt das Verwaltungsgericht angeordnet, dass ein Gymnasium einem muslimischen Schüler das Beten auf dem Schulgelände ermöglichen muss. Dieser hatte geklagt, nachdem die Rektorin der Schule ihm das Beten auf dem Schulflur untersagt hatte. Das Gericht gab dem Schüler Recht und berief sich dabei auf die im Grundgesetz gesicherte Religionsfreiheit. Bei dem Richterspruch handelt es sich um eine einstweilige Verfügung – die Hauptverhandlung wird erst in einigen Monaten folgen.

Doch Folgen hat auch diese einstweilige Verfügung schon jetzt, nicht nur für die Schule, die dem Schüler einen Raum zum Beten bereitstellt. In Berlin ist eine Kontroverse darum entbrannt, ob Schulen wirklich die richtigen Orte sind, um seine Religion auszuüben. „Wir sind einigermaßen entsetzt über diesen Richterspruch, der die Neutralitätspflicht des Staates verletzt“, sagte der Geschäftsführer des Humanistischen Verbandes Berlin, Manfred Isemeyer. Der Verband tritt in seiner Satzung für die strikte Trennung von Kirche und Staat ein. Berlins Bildungssenator Jürgen Zöllner (SPD) kündigte im Berliner Abgeordnetenhaus an, alle Anstrengungen auf das Hauptverfahren zu lenken. Er wolle alle Möglichkeiten prüfen, die Klage des Schülers abzuwehren.

Zwei weitere Urteile haben in Deutschland ähnliche Diskussionen um die Religion in der Schule ausgelöst. 1995 verbot das Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe Kruzifixe in bayerischen Schulen, weil dieses eindeutig christliche Symbol den Schülern keine Ausweichmöglichkeit lasse. 2003 entschied das Gericht knapp (fünf zu drei Stimmen), dass einer Lehrerin in Baden-Württemberg das Tragen eines Kopftuches nicht verboten werden kann. Das Landesgesetz gebe ein solches Verbot nicht her. Im Urteil heißt es, die Bundesländer müssten zwischen „positiver Glaubensfreiheit eines Lehrers einerseits und der staatlichen Pflicht zu weltanschaulich-religiöser Neutralität, dem Erziehungsrecht der Eltern sowie der negativen Glaubensfreiheit der Schüler" eine Lösung finden.

Kieze drohen zu kippen

Wägt Berlin zwischen diesen Punkten ab, muss das Land auch die Fakten vom Anfang berücksichtigen. Und anerkennen: Es gibt Kieze in Berlin, die zu kippen drohen. Erst am vergangenen Mittwoch sagte der Bürgermeister von Neukölln, Heinz Buschkowsky (SPD) über seinen Bezirk: „Die Segregation ist so gut wie abgeschlossen.“ Die Schule ist für viele Migrantenkinder der einzige Ort, an dem sie mit deutscher Kultur in Berührung kommen. Der Schulleiter der Carl-Friedrich-Zelter-Oberschule in Kreuzberg, Robert Hasse, sagte: „Oft ist der Ausflug zu Ikea die einzige Möglichkeit für die Schüler, aus ihrem Kiez herauszukommen.“ Und eine Schülerin des Robert Koch-Gymnasiums erzählt: „Gretchen aus Goethes Faust wurde von muslimischen Schülerinnen als Schlampe bezeichnet.“ Als eine Mitschülerin dem widersprach wurde sie wochenlang gemobbt. Mehrere Schüler berichten, dass sie unter Druck gesetzt werden, wenn sie nicht am Ramadan teilnehmen. Dies ist Teil der Berliner Realität.

In einer solchen Situation kann es sich kontraproduktiv für die Integration auswirken, wenn während der Schulzeit Beträume in der Schule aufgesucht werden können. Mancher Schulleiter hat schon Horrorvisionen von 400 muslimischen Schülern, die gleichzeitig beten wollen. Auch wenn dies übertrieben sein dürfte – die Schule ist keine religiöse Stätte, ihr Bildungsauftrag ist in vielen Gegenden schon schwer genug. Auch praktische Gründe, sprechen gegen das Urteil. So herrscht an Berliner Schulen ein erheblicher Platzmangel. Und da muslimische Frauen nicht mit muslimischen Männern zusammen beten dürfen, wären im Prinzip zwei Räume nötig, die aber nicht jede Schule hat. Wohin das führt, wird deutlich, wenn man bedenkt, dass andere Religionsauffassungen hier noch gar nicht mit berücksichtigt sind.

09

03

2008

Das bewegte Berlin: Verkehrschaos

In „Das bewegte Berlin“ nehmen Babel-Autoren rückblickend das Top-Thema der vergangenen Woche in der deutschen Hauptstadt auf. Die Sichtweise ist subjektiv, analytisch, kommentierend aber immer auch informierend. Schreibt uns in Kommentaren eure Meinung zum Thema.
Von Matthias Jekosch

Gitter versperren die Tore zu den Eingängen, die Kioske und Blumenläden im Innern haben die Rolläden heruntergelassen. So sehen derzeit die U-Bahnhöfe in Berlin aus. Seit Mittwoch bestreikt die Gewerkschaft Verdi die Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) (zu den Hintergründen siehe Eintrag "Das bewegte Berlin: Der Streik"). Bis mindestens Freitag, den 14. März, bleiben alle U-Bahnen, Busse und Trams in ihren Depots. Lediglich wenige Ersatzbusse fahren alle 30 Minuten auf den Hauptstrecken der Stadt.

Bisher hat die deutsche Hauptstadt den Streik noch gut gemeistert. Auch wenn die Straßen deutlich voller sind – zu ernsthaften Staus kommt es nicht. Durch die Automassen schlängeln sich die Radfahrer. Und andere machen sich kurzerhand zu Fuß auf den Weg, manche kombinieren ihren Fußmarsch mit einer S-Bahn-Fahrt. Die musste nach eigenen Angaben alleine am Donnerstag etwa 500.000 Menschen mehr befördern als sonst.

Gut, hier und da äußert sich die der Berliner mit seiner berühmten „Schnauze“, wenn ein Verkehrsteilnehmer sich nicht so verhält, wie er es will. „Haste keene Augen im Kopf?“ Ansonsten verhält sich die Stadt erstaunlich ruhig. Und auch zwischen BVG und Verdi wird es nicht laut, denn keine Partei weicht von ihrer Position ab. Lautstarkes Austauschen von Argumenten erübrigt sich da.

Sieht immer weniger Verkehr: Tower von Tempelhof.

Tempelhofer Vorteil

Einen offenen Schlagabtausch gibt es dagegen an anderer, verkehrstechnisch nicht ganz uninteressanter, Stelle. Wird der Flughafen Tempelhof wie geplant im Oktober 2008 geschlossen, oder können das die Befürworter des Flughafens durch eine Volksabstimmung noch verhindern? Am 27. April können die Berliner über die Zukunft des Flughafens abstimmen. Erzwungen wurde dies von einer Initiative, die über 200.000 Unterschriften für die Offenhaltung sammelte. Der Berliner Senat hat sich schon lange dafür entschieden, Tempelhof zu Gunsten des für 2011 geplanten Großflughafens Berlin Brandenburg International aufzugeben. Er fürchtet juristische Konsequenzen für dessen Ausbau, sollte Tempelhof tatsächlich offengehalten werden.

Tempelhof ist das zweitgrößte Gebäude der Welt, gleich nach dem amerikanischen Pentagon. Es ist gar nicht so einfach, den geschichtsträchtigen Giganten komplett auszulasten. Konzepte für die Zeit nach dem Linienverkehr reichen von der Ansiedlung der Filmstudios Babelsberg über ein Forum für Kreativwirtschaft bis hin zu einem Gesundheitszentrum für reiche Geschäftsleute. Ob die bisherigen Vorschläge das Gebäude komplette ausnutzen können, scheint zumindest zweifelhaft. Die paar Flüge, die dort heutzutage landen, tun es aber auch schon längst nicht mehr. Keine Spur von bewegteren Zeiten, wie etwa 1948, als die „Rosinenbomber“ im Minutentakt landeten, um das abgeschottete Westberlin mit Nahrungsmitteln zu versorgen. Heute registriert die Berliner Flughafengesellschaft gerade mal knapp 2.000 Flugbewegungen im Monat. In Tegel landen und starten sechs mal so viele Flugzeuge.

Einen Vorteil hätte ein offener Flughafen Tempelhof definitiv. Beim nächsten Streik könnten Shuttleflüge zwischen den Flughäfen Tegel und Tempelhof oder Schönefeld und Tempelhof angeboten werden. Davon würden nicht nur die Touristen profitieren. Auch Berliner in den Außenbezirken könnten den kurzen Weg durch die Luft nehmen. Bei den heutigen Flugpreisen wäre das die wahrscheinlich billigste Lösung. Und vom innerstädtischen Flughafen aus wäre das Taxi zum Zielort dann auch nicht mehr teuer.

08

03

2008

Was'n dit!? Warum Deutsche gerne Rot sehen

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In dieser Serie auf Babel Berlin fragen sich Deutsche und andere Europäer in Berlin regelmäßig in bestem Berliner Dialekt gegenseitig: "Was'n dit!?" Dabei spüren sie die kleinen und großen Merkwürdigkeiten der Stadt auf und versuchen herauszufinden, was es eigentlich damit auf sich hat.
von Karsten Marhold

Wir erinnern uns: In der letzten Folge fragte unser französischer Redakteur Sébastien Vannier die Berliner, ob wir Deutsche nicht ein bisschen zu obrigkeitshörig seien. Erstaunt hatte er nämlich festgestellt, dass deutsche Fußgänger offenbar auch dann an einer roten Ampel stehen bleiben, wenn an der entsprechenden Stelle nie ein Auto kommen kann.

Ich wollte es wissen und habe versucht, in Berlin möglichst immer bei Rot zu gehen. Das Ergebnis des Selbsttests: Es ist ganz schön schwierig, an einer „normalen“ Berliner Fußgängerampel nicht bei Grün zu gehen. Die deutschen Ampeln sind einfach besser als ihre französischen oder italienischen Pendants. Meistens sind sie nämlich nur dann rot, wenn auch wirklich Verkehr ist. Versucht man wie ich, absichtlich bei Rot die Straße zu überqueren, macht einem das grüne Männchen regelmäßig einen Strich durch die Rechnung. Fast könnte man denken, es würde wachsam und fürsorglich die Straße beobachten und seinen roten Kollegen ablösen, sobald die Unfallgefahr gebannt ist.

Doch nicht nur die Ampelmännchen sind fürsorglich und wachsam. Die Deutschen sind es auch. Sie gehen nämlich auch deshalb fast nie bei Rot, weil Kinder zuschauen könnten. Und angesichts der beschriebenen Übereinstimmung zwischen Verkehr und Ampelphasen ist die Sorge um die Kleinen wohlbegründet. Während unsere europäischen Nachbarn ihren Dreijährigen vermutlich in langen Monologen beibringen, zwischen dem Wert des eigenen Lebens, der Maxime „Zeit ist Geld“ und ihrem persönlichem Stolz abzuwägen gilt bei uns die einfache Regel: „Rot“ heißt stehen bleiben. Das müssen wir zwar vorleben, aber können dafür den Nachwuchs schon früh alleine den Schulweg bewältigen lassen. Von wegen obrigkeitshörig - dadurch werden die Kleinen ziemlich früh ziemlich selbständig.

Ideenhilfe: Der Ampelmann, hier zu sehen in der ostberliner Variante.

Ideen bei "Rot"

Nein, wir haben uns schon einiges bei unserem Ampel-Verhalten gedacht. Denn gedacht wird in Deutschland, dem Land der Dichter und Denker, gerne und viel. Und wer sagt eigentlich, dass in den kurzen Momenten des Verweilens an einer roten Ampel nicht auch einmal Zeit für den einen oder anderen abschweifenden Gedanken ist? Kommt nicht vielleicht im hektischen Alltag hie und da eine kleine Pause ganz gelegen? Wie viele gute Ideen sind wohl beim Warten auf „Grün“ entstanden?

Wäre das Warten an der roten Ampel gar ein Sinnbild für das moderne Deutschland, dann wäre es um uns sehr gut bestellt. Denn in der Vergangenheit haben wir vielleicht allzu oft überheblich und verantwortungslos alle – im übertragenen Sinne – „roten Ampeln“ auf unserem Weg ignoriert, mal absichtlich und mal nicht. Wir sind vorsichtiger geworden. Selbst wenn wir uns auf der sicheren Seite glauben, wie an der Ampel vor der amerikanischen Botschaft, schauen wir jetzt lieber noch ein- oder zweimal. Und dann ist es meistens wie zur Belohnung sowieso schon lange grün.

Die Frage war nicht einfach zu beantworten. Die Frage an Euch, liebe europäische Freunde, wird nicht einfacher. Denn je nach Tagesform lobt ihr an unserer Stadt Ordnung, Sauberkeit und perfekte Organisation. Aber ihr nennt uns auch obrigkeitshörig und zieht in den Berliner Osten, wo alles noch ein bisschen durcheinander, dreckig und abenteuerlich ist. Ihr nennt uns langweilig und wenig spontan. Aber mit uns feiert ihr die besten Partys. Dabei stellt sich doch die Frage – wie können wir es Euch recht machen? Oder besser, wer und wie müssten sie sein – die perfekten Berliner?

Die Antwort folgt in einer Woche.

04

03

2008

Wofür Romantik? – Kauf ein Bett!

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Berlin ist das geistige Zuhause der Untentschlossenen. Der Ausdruck “Lebensabschnittsgefährte” fasst es recht gut zusammen. Diese wunderbar sperrige Bezeichnung für die bessere Hälfte passt wohl nirgendwo besser als in Berlin. Vergesst die Romantik: dies ist eine Stadt für die Beziehung des 21. Jahrhunderts – unverschämt unverbindlich, ständig wechselnd und gefangen im Hier und Jetzt.
Von Anna Patton

Mit ihrer berühmt-berüchtigt freizügigen Einstellung zum Thema „Sex“ – Berlin ist die stolze Heimat der Fetischpartys, Swinger Clubs, eines Schwulen- und eines Erotikmuseums – hält sich die Stadt nicht wirklich an das Bild des puritanischen Preußens. Und deshalb ersetzen und recyceln die Berliner ihre „Gefährten“ und bringen ihren Beziehungsstatus innerhalb eines Augenblickes auf den neuesten Stand. Kein Wunder, dass sich so viele Einheimische mit dem schrulligen „Museum of Broken Relationships“ identifizieren konnten, einer kroatischen Wanderausstellung, die 2007 mit großem Erfolg in Berlin Halt machte.

Diese Einstellung so sehr in der Gegenwart zu leben gilt nicht nur für Beziehungen. Sie scheint ebenso tief in die Art wie die Berliner leben und arbeiten eingedrungen zu sein. Die extrem lange Zeit, die sie in der Universität verbringen – in Deutschland beenden die Studenten ihr Studium im Durchschnitt mit 28 Jahren – und die hohe Arbeitslosigkeitsquote in Berlin rücken ein Sesshaft werden für die meisten „Twens“ in weite Ferne. Und selbst wenn jemand bereit ist, Wurzeln zu schlagen, gibt es keine Tradition in Deutschland sich eine feste Bleibe zu kaufen – ganz anders als bei den vom Gedanken an das eigene Heim getriebenen Londonern. Hier zahlt man eher für Jahre seine Miete, bevor man auch nur daran denkt, eine Hypothek aufzunehmen. Sich in Berlin niederlassen, gilt insofern nur so lange, wie es der Vertrag mit dem Vermieter zulässt. Dies ist eine weitere Ausstiegsklausel, die lebensverändernde Entscheidungen begünstigt.

Ich dachte, dass ich untypisch entscheidungsfreudig wäre, als ich mir beim Umzug nach Berlin ein eigenes Bett zulegte. Es fühlte sich wie eine Festlegung an; immerhin würde sich ein 140 Zentimeter breites Möbelungetüm nicht einfach zusammen mit einem Rucksack über die Schulter werfen lassen, sobald mir nach einem Tapetenwechsel wäre. Ich würde schon etwas bleiben müssen. Aber wie es scheint habe ich mich doch nicht wirklich festgelegt. Denn letztens wies mich eine Freundin darauf hin, dass diese 140 Zentimeter breiten Betten – irgendwo zwischen Doppel- und Einzelbett – genau für die Leute gemacht sind, die sich nicht zwischen einem Leben als Single und einem in festen Händen entscheiden können. Anscheinend habe ich mich bereits vom Berliner Lebensstil, sich nicht entscheiden zu können, anstecken lassen.

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