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Berlinale: Warten auf Angelina

Frust wegen der Kälte oder weil der Wunschfilm mal wieder ausverkauft war? Egal - Angelina ist da!

Angelina

Ein Klagelied, das dieses Jahr besonders oft seitens der kritischen wie auch unterhaltenden Presse gesungen wird, ist das Gejammer um die fehlenden großen Stars auf der Berlinale. Während sich bei den Oscars und in Cannes Hollywoods erste Riege eng gedrängt auf dem roten Teppich steht, würden angeblich nur diejenigen bei arktischen Temperaturen an die Spree geschickt , die sonst keiner haben wollte. Da wird natürlich eine Nachricht wie die von Angelina Jolies Anwesenheit mehr als freudig begrüßt. Als Regisseurin von In The Land of Blood and Honey ist sie angereist, doch Journaille und Fans sind mehr am Star vor ihrer Kameralinse interessiert als an der Künstlerin hinter der Kamera. Wo wohnt sie? Hat sie alle ihre Kinder mitgebracht? Und was macht eigentlich Brad Pitt? Die Ticker laufen heiß mit Meldungen über Angelina-Sichtungen: Angie mit Maddox, Shiloh und Pax im Legoland! Auf dem roten Teppich im goldenen Designerkleid! Im Starbucks mit drei Bodyguards! Die letzte Nachricht erhielt ich übrigens von einem Freund - und zwar genau fünf Minuten nachdem ich eben diesen Coffeeshop verlassen hatte. Spätestens ab da hat es mich auch gepackt, das (Br)Angelinafieber. Ich will sie endlich sehen, die Frau, die Jennifer Aniston den Mann ausgespannt hat, die früher gerne mal innige Zungenküsse mit ihrem Bruder austauschte und die selbst beim Flüchtlingslagerbesuch mehr Glamour versprüht als ich in meinem schicksten Partyoutfit. Und dann auf einmal scheint sie ganz nah. Am Hinterausgang des Hyatt-Hotels haben die Paparazzi auf ihren Leitern Stellung bezogen, Angelina soll gleich rauskommen und Autogramme verteilen, wie mir ein freundlicher älterer Herr mit Teleobjektiv verrät. Dann sind sie nicht mehr zu überhören, die „Angelina, Angelina“-Rufe und ein wildes Gerangel um den besten Platz am Absperrgitter bricht aus. Ich stehe in zweiter Reihe hinter einer Wand aus Fotojournalisten und Autogrammjägern und sehe: keine Angelina. Knapp zwei Minuten später ist der Spuk vorbei, die Meute löst sich auf und ich sehe noch die Rücklichter der Limousine, in der Frau Jolie es sich wohl gerade gemütlich gemacht hat. „Schön sieht sie aus“, seufzt verzückt ein Teenie mit leuchtenden Augen und geröteten Wangen. Ich mache mich derweil auf nach Prenzlauer Berg. Ich kenne da einen, der kennt eine, die in einem Café am Helmholtzplatz arbeitet, wo Angelina ab und an mal gerne einen Latte zu sich nimmt. Vielleicht setze ich mich dann zu ihr und wir quatschen ein bisschen über Brad, die Kids und das kalte Berliner Wetter.

Berlinale: Marokkanisches Geschichtenpuzzle - "Death for Sale"

von Christiane Lötsch

Ornamentverzierte Moscheen, mit Gemüse und Gewürzen überbordende Märkte, prunkvolle Moscheen, deren Minarette in den blauen Himmel ragen – viele bunte Bilder könnte man sich in einem marokkanischen Film vorstellen. „Death for Sale“ („La Mort à vendre“) bedient keines dieser visuellen Klischees, sondern zeigt modernes Autorenkino von Regisseur Faouzi Bensaïdi.

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Filmstill, Internationale Filmfestspiele Berlin

Malik, Allal und Soufiane, junge Männer aus Tétouan, wie sie seit dem Frühjahr 2010 weltweit in den Nachrichten zu sehen sind, sind wütend, enttäuscht und wanken orientierungslos ihrer Zukunft entgegen. Sie haben „nicht genug zum Leben und zu viel zum Sterben“, wie Allal nach einem gelungenen Handtaschenraub über die Stadt schreit. Ambitionen, Hoffnungen und Wünsche der jungen Männer bleiben in verkrusteten Familienstrukturen, politischer Korruption und beruflicher Perspektivlosigkeit stecken. „So kann es nicht weiter gehen.“

Ein Hoffnungsschimmer leuchtet auf, als Malik die schöne Dounia trifft. Verführerisch steht sie an einem Geländer, ihre langen dunklen Haare wehen im Wind, sie schaut auf die Berge, die die Stadt umgeben. Ohne Worte, mit sporadischen Bassgitarrenklängen unterlegt, entsteht ein Moment der Unschuld, der Reinheit der ersten Begegnung, wie es sie nur einmal im Leben gibt. Während Malik seiner Dounia seine Cola anbietet und sich die Körper der Verliebten langsam annähern, fliegen im Hintergrund Kassettenbänder wie Papierschlangen durch die Luft. Die Kamera erweitert ihren Blickwinkel nach unten, wo wir Kinder auf einer Müllkippe sehen, die mit dem analogen Müll spielen. Die Poesie des Augenblicks ist aufgelöst. Allal stellt sich zwischen die beiden Verliebten und Soufiane teilt Malik mit, dass Dounia als Prostituierte im Nachtclub arbeitet. Der Hoffnungsschimmer erlischt.

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Filmstill, Internationale Filmfestspiele Berlin

Es gibt viele dieser Momente in Faouzi Bensaidis Film, die erzählerisch wie in einem Puzzle angeordnet sind. Momente der Hoffnung, die ihr Scheitern jedoch schon beinhalten. Soufiane, der nach einem Handtaschenraub von Jugendlichen malträtiert wird und von aus dem Nichts auftauchende Männer gerettet wird – es sind radikale Islamisten, die Soufiane und viele andere junge Männer in den Bergen für ihre Zwecke ausbilden. Allal, der einen großen Coup plant, der von Anfang an nicht gelingen kann. Malik, der sich dem scheinbar hilfsbereiten Inspektor Dabbaz anvertraut, viel Geld verdient, und der ihn doch nur als Spion für seine Zwecke einsetzen will. Die Poesie des Scheiterns ist eine ganz besondere.

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Filmstill, Internationale Filmfestspiele Berlin

Nichts ist so, wie es scheint, jeder ist auf sich allein gestellt, selbst Liebe und Freundschaft sind verkäuflich – das der Film nicht pessimistisch, sondern klug-nachdenklich gelungen ist, liegt daran, dass es immer eine zweite und dritte Ebene gibt, die durch filmische Mittel erzählt werden. Puzzlestück für Puzzlestück entfaltet sich die Geschichte. Kameraschwenks zeigen die andere Seite einer Szene, Übergänge von Nahaufnahmen zu Totalen erweitern den Raum und Bedeutungsebenen, am Ende steht das Bild sogar auf dem Kopf, so wie Maliks Leben sich am Ende wohl anfühlen muss. Für diese Originalität in Form und Geschichte hätte der Film den Panorama-Publikumspreis verdient!

Interview mit Faouzi Bensaïdi

Faouzi Bensaïdi, 1967 in Meknes (Marokko) geboren, ist einer der wichtigsten zeitgenössischen Filmregisseure Nordafrikas. Nach Engagements am Theater als Schauspieler und Regisseur, wurde er 2003 mit seinem ersten Langspielfilm "Mille Mois" auf dem Festival in Cannes bekannt. Nach seinem zweiten Langspielfilm "WWW - What a Wonderful World" folgt 2011 "La Mort à vendre", beide Filme bestechen durch ihre visuelle Bildkraft. Bensaïdi tritt in seinen Filmen auch als Schauspieler auf. In "La Mort à vendre" spielt er den zwielichtigen Kommissar Dabbaz.


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Wie schaffen Sie es, die verschiedenen Teile der Geschichte miteinander zu verbinden? Ein Film besteht aus mehreren Schichten, die sich übereinanderlegen, die sich aber letztendlich aufheben, um in einem kohärenten Ganzen zu funktionieren. Wenn man sich die einzelnen Teile anschaut, die die Geschichte oder Form eines Films ausmachen, dann verhalten sie sich fast gegensätzlich zueinander. Darin besteht die Kunst des Inszenierens.

Welche Empfindungen werden durch den Film beim Zuschauer angesprochen? Wenn ich mir die Reaktionen des Publikums anschaue, dann erkenne ich die Kraft und die Energie der Schauspieler und ihrer Figuren, die den Film durchdringen. Hinzu kommen Gefühle der Melancholie, des Verlusts, der Schwierigkeit des Seins.

Sie arbeiten mit vielen filmischen Mitteln, um die Geschichte zu erzählen. Wie wichtig ist Ihnen die Ästhetik eines Films? Eigentlich erzähle ich immer die gleiche Geschichte…es interessiert mich vielmehr, WIE man sie erzählt. Es geht mir aber nicht um die Form als Selbstzweck, aber ich glaube fest daran, dass das Tiefe, das Wahre, das Interessante einer Geschichte in der Form liegt. Sie holt die Geschichte aus der Tiefe an die Oberfläche. Ich bin Filmregisseur, weil ich mich mit den eigenen Mitteln des Films ausdrücken möchte. Kameraeinstellungen und Schwenks, eine bestimmte Art der Montage oder des Schauspielens – daraus entsteht eine unglaubliche Kraft…! __ Allal, Malik und Soufiane werden von den außergewöhnlichen Jungschauspielern Fehd Benchemsi, Fouad Labiad und Mouhcine Malzi gespielt. Wie haben Sie zusammen gearbeitet?__ Das Casting war eine ganz entscheidende Phase. Es reichte nicht, einen guten Schauspieler für jede Rolle zu finden, wir mussten ein Trio finden, das miteinander harmonieren würde. Wir haben sehr viel Zeit damit verbracht, verschiedene Trios zusammenzusetzen und wieder aufzulösen, bis wir endlich Fehd, Mohcine und Fouad gefunden hatten. Danach haben wir lange daran gearbeitet, dass sich die Schauspieler so nah wie ihre Figuren im Film kommen. Die zusätzliche Arbeit bestand darin, gemeinsame Erlebnisse für die drei auch außerhalb der Dreharbeiten zu ermöglichen. Da entstand eine Wahrhaftigkeit im Spielen; man glaubt wirklich, dass die drei seit langer Zeit befreundet wären.

Der Film wurde vor dem arabischen Frühling gedreht. Wie beschreiben Sie die junge Generation in Marokko, ihre Hoffnungen und Erwartungen? Es ist eine Jugend, die zwar nicht mit der ständigen Angst aufgewachsen ist, die jedoch nicht viel Glück gehabt hat. Sie ist in eine Welt der Krise hineingeboren worden, der wirtschaftlichen, politischen und vor allem ideellen Krise. Ihre Rebellion ist nötig, damit die Gesellschaft vorankommt. Es stimmt, dass der Film eine gewisse Verunsicherung, ein Gefühl der Verlassenheit und des Verlorenseins, gleichzeitig aber auch ein Gefühl der jugendlichen Wut und Lebenslust einfängt. Von dieser Jugend, ihrem Engagement und Einsatz, hängt die Zukunft der arabischen Welt ab.



Wie ist die Situation für einen Filmemacher in Marokko heute? Wie hat sich das marokkanische Kino in den letzten Jahren entwickelt? Wir sind in einer glücklichen Situation, wenn man Marokko mit der arabischen Welt oder mit Afrika insgesamt vergleicht, wir erhalten Unterstützung und produzieren etwa zwanzig Langfilme und sechzig Kurzfilme pro Jahr. Ich kann mich ganz auf die Arbeit des Regisseurs, auf meine künstlerischen und moralischen Ansprüche und auf die Arbeit mit den Schauspielern konzentrieren. Ich kann endlich von meinem Beruf leben!

Berlinale: Ugandas Schwule und Lesben im Kampf für Gleichberechtigung

In ihrer berührenden Dokumentation „Call Me Kuchu“ zeigen die Regisseurinnen Katherine Fairfax Wright und Malika Zouhali-Worrall das Leben und den Kampf von schwulen und lesbischen Aktivisten und Aktivistinnen in Kampala, der Hauptstadt Ugandas. Die „Kuchus“, wie sie vor Ort genannt werden, kämpfen mutig gegen die Widerstände eines repressiven Systems für ihre Gleichberechtigung.

Der berühmteste dieser Aktivisten, David Kato, wurde im Januar 2011 ermordet. Knapp ein Jahr nach seinem Tod feiert „Call Me Kuchu“ am 11. Februar auf der Berlinale Weltpremiere. Cafebabel Berlin hatte Gelegenheit, die beiden Regisseurinnen per E-Mail zu interviewen, bevor sie in den Flieger in die deutsche Hauptstadt stiegen.

Katherine Fairfax Wright und Malika Zouhali-Worrall

Katherine Fairfax Wright und Malika Zouhali-Worrall. Fotos von ''Call Me Kuchu''


Cafebabel Berlin: Katherine, Malika, ihr habt es geschafft, den Aktivisten sehr nahe zu kommen. Da ihr beide nicht aus Uganda kommt: War das schwierig?
David Kato war die erste Person, mit der wir in Uganda Kontakt hatten, als wir 2009 noch in Amerika anfingen, für den Film zu recherchieren. Nach unserer Ankunft in Kampala war David auch derjenige, der uns den Mitgliedern der Kuchu-Community vorstellte. Wie sich später zeigen sollte, war dies der entscheidende erste Schritt, um das Vertrauen der Community zu gewinnen. Wir haben uns große Mühe gegeben, alle in der Community sehr respektvoll anzusprechen und genau zu erklären, was wir eigentlich vorhaben. Wir haben auch versucht, klar zu machen, dass wir ihre Geschichten viel stärker dokumentieren wollten, als sie das von den Schnipseln gewohnt waren, die Journalisten normalerweise verlangen. Natürlich gab es Menschen, die nicht gefilmt werden wollten, und wir haben diesen Wunsch selbstverständlich respektiert. Diejenigen aber, die sich entschieden haben, uns ihr Leben zu öffnen, haben das gemacht, weil sie bei einem Projekt mitmachen wollten, das ihre Geschichten nach außen trägt, und wir waren überrascht über die Intimität, die das erzeugt.

Cafebabel Berlin: Ihr habt dabei auch David Kato sehr persönlich kennen gelernt. Wie unterscheidet sich der David Kato, den ihr getroffen habt, von dem öffentlich bekannten Menschenrechts-Aktivisten?
Seit seiner Ermordung wurde David in der Öffentlichkeit mythologisiert und als mutiger und leidenschaftlicher Menschenrechts-Aktivist dargestellt – und das ist auch exakt das, was er war. Aber wir haben in der Zeit, während der wir mit ihm gearbeitet haben, auch einen Mann kennen gelernt, der charismatisch war, aber auch verletzlich; der scharfsinnig war, der aber auch Angst hatte, alleine zu schlafen. Wie bei den Helden jeder Bewegung wurden einige dieser Nuancen überdeckt durch seine Leistungen. Wir hoffen, dass „Call Me Kuchu“ als Charakterstudie hilft, das öffentliche Bild David Katos zu ergänzen, damit die Leute verstehen, dass er ein normaler Mann war, der erstaunlich weit ging, um Ugandas lesbische, schwule, bisexuelle und transgender-Community (LGBT) zu befreien.

Cafebabel Berlin: Was war eure Motivation, gerade nach Uganda zu fahren, und dort einen Film über LGBT-Rechte zu machen?
Wir hatten beide über die Vorlage von Ugandas Anti-Homosexualitäts-Gesetz gelesen und waren zunehmend wegen dessen Konsequenzen beunruhigt. Malika beschäftige sich auch mit dem Fall von Victor Mukasa, einem Transgender-Mann, der, kurz bevor das Gesetz vorgelegt wurde, einen wichtigen Prozess vor dem Obersten Gerichtshof gewonnen hatte. Es war interessant zu sehen, dass einerseits die Unzuchtsgesetze immer noch regelmäßig angewandt wurden und sogar härtere Gesetze im Gespräch waren, gleichzeitig aber das Justizsystem des Landes unabhängig genug war, Kuchus zu gestatten, ihre Rechte einzufordern. Wir haben auch gelernt, dass die Auseinandersetzungen vor Gericht von einer zunehmend organisierten LGBT-Bewegung in Uganda genutzt wurden, um die staatlich sanktionierte Homophobie zurückzudrängen. Wir haben uns darüber unterhalten, nach Uganda zu fliegen, um uns die Situation vor Ort anzuschauen – und schon zwei Wochen später saßen wir an Bord eines Flugzeugs nach Kampala.


Call Me Kuchu


Natürlich hat Davids brutale Ermordung die Entwicklung des Films verändert – und bis zu einem gewissen Grad auch unsere Motivation, an dem Film zu arbeiten. Während wir immer darauf aus waren, die Geschichte von Kampalas Kuchus in der Welt bekannt zu machen, wurde dieses Gefühl nach Davids Tod viel dringender und auch persönlicher. Wir haben mehr oder weniger das ganze letzte Jahr seines Lebens dokumentiert, und, da sein Leben plötzlich gewaltsam beendet wurde, endete es in der Zeit, als er auf dem Gipfel seiner Aktivität war. Als seine Philosophie am konkretesten und seinen Reden am besten formuliert waren, seine Stimme am kräftigsten und sein Verständnis für die Komplexität der Situation am stärksten. Wir beide haben deshalb die Verantwortung empfunden, sein Leben damit zu ehren, dass wir den besten Film machen, der uns möglich war, und dafür zu sorgen, dass er so viele Menschen wie möglich erreicht.

Cafebabel Berlin: Denkt ihr, dass der Film einen politischen oder sozialen Effekt haben wird?
Während die ugandische LGBT-Community mit Sicherheit unter der scharfen staatlich-gelenkten Homophobie leidet, sind viele der Kuchus, die wir getroffen haben, keineswegs nur Opfer. David Kato und die anderen Aktivisten haben hart gearbeitet, um ihr Schicksal mit allen möglichen Mitteln zu ändern: durch die ugandischen Gerichte, durch die Vereinten Nationen, durch die internationalen Medien. Im Ergebnis ist „Call Me Kuchu“ eine nuancierte Geschichte von Emanzipation und Verfolgung.

Cafebabel Berlin: Was hat sich für euch persönlich durch „Call Me Kuchu“ verändert?
Die wichtigste Erfahrung für uns beide war, die dem Filmemachen innewohnende Verantwortung deutlich vor Augen zu haben, besonders, wenn der Film von echten Menschen und umstrittenen Angelegenheiten handelt. In unserem Fall bedeutete diese Verantwortung nicht nur, kreativ und dennoch richtig die Lebensverhältnisse der Protagonisten darzustellen, sondern auch zu berücksichtigen, welche Folgen der Film für ihre Sicherheit in Uganda haben könnte. Während wir drehten, balancierten wir auf einem dünnen Seil, um sicherzustellen, dass wir intime Geschichten erzählen konnten, ohne Informationen preiszugeben, die irgendjemanden gefährden könnten.

Termine:
Weltpremiere: 11. Februar, 17:00, Cinestar 7

12. Februar, 14:30, Cinestar 7

13. Februar, 22:30, Cinestar 7



Den Trailer könnt ihr hier sehen.

Berlinale: Frauenliebe und die Französische Revolution

von Michael Kienzl



Einen Film über die Anfangstage der Französischen Revolution zu drehen ist erst einmal nichts Ungewöhnliches. Was aber den neuen Film des französischen Regisseurs Benoît Jacquot (Villa Amalia) auszeichnet, ist seine Erzählperspektive. Leb wohl, meine Königin! (Les adieux à la Reine), der die Berlinale eröffnete, interessiert sich nicht für das Volk, von dem die Revolution ausging. Er spielt ausnahmslos bei Hofe, widmet sich dort aber weniger den Herrschenden als dem Dienstpersonal, allen voran der jungen Sidonie (Léa Seydoux), Vorleserin von Marie Antoinette (Diane Kruger).


Basierend auf dem gleichnamigen Roman von Chantal Thomas, spielt der Film in einem Kreis Privilegierter, der von den Problemen der Außenwelt kaum etwas mitbekommt. Weltliches wie die Pest dringt höchstens mal in Form einer toten Ratte, die im venezianischen Kanal treibt, durch. Dann machen allerdings Nachrichten die Runde, die vor allem die Herrschenden stark beunruhigen: Das Volk hat die Bastille gestürmt. Als auch noch ein Flugblatt auftaucht, in dem die Köpfe der Adeligen gefordert werden, macht sich Untergangsstimmung breit. Die ersten Koffer werden gepackt.


Obwohl Jacquot an Originalschauplätzen in Versailles gedreht hat, rückt die beliebte Sehenswürdigkeit nur selten ins Zentrum der Aufmerksamkeit. Leb wohl, meine Königin! grenzt sich von den meisten bei Hof angesiedelten Historienfilmen schon deshalb ab, weil die Bilder eher an den Gesichtern der Schauspieler interessiert sind als an Kostümen oder der glamourösen Kulisse. Auch formal setzt Jacquot nicht auf Opulenz, sondern auf Dynamik. Immer wieder folgt eine Handkamera der Protagonistin, wie sie durch die labyrinthischen Gänge des Schlosses hetzt und in neue Winkel vordringt. So intim und lebendig wie Jacquot das inszeniert, vertreibt er effektiv jenen Mief, der so vielen Filmen mit historischen Sujets anhaftet. Ohnehin ist bei ihm die Welt der Monarchen nicht nur glatte Oberfläche, sondern verfügt etwa auch über andere Vorstellungen von Hygiene. In einer der ersten Einstellungen sehen wir Sidonie, wie sie sich erst ausgiebig an den roten Pusteln kratzt, die sich auf ihren Armen befinden, und anschließend an den verfilzten Haaren.


Sidonies Leben ist im Grunde genommen nur darauf ausgerichtet, der Königin zu dienen. Sich hübsch machen, mit Parfüm einreiben und schnell über den Hof hasten, um Marie Antoinette, die sich derweil im Bett räkelt, nicht warten zu lassen. Dass Leb wohl, meine Königin! die Sichtweise der Bediensteten einnimmt, hat auch gerade vor dem Hintergrund der Französischen Revolution durchaus etwas Subversives. Wenn etwa die Dienerinnen am Fenster stehen und über den König und seine Brüder lästern, zeigt der Film die Zwischenposition, die die Bediensteten einnehmen, irgendwo zwischen Abscheu und Faszination für die Welt der Monarchen.


Das ungleiche Machtverhältnis zwischen Herrschenden und Bediensteten bildet schließlich auch die Grundlage für ein Liebesdreieck unter Frauen, das Jacquot mit subtiler Spannung inszeniert. Sidonie fühlt sich zwar sexuell zu einem Diener hingezogen, der als Casanova gilt, ist im Grunde genommen aber vollkommen der Königin erlegen. Während das Volk draußen revoltiert, schafft sie es selbst nach der tiefsten Demütigung nicht aufzubegehren. Marie Antoinette weiß diese Zuneigung zu erwidern und für sich zu nutzten, ist aber in ihrer unerwiderten Liebe zur Herzogin von Polignac ebenso schwach und hilflos. Am Schluss gibt es nur Opfer. Nicht nur der Revolution, sondern auch der emotionalen Verstrickungen.


Diese Kritik wurde zunächst auf Berlinale im Dialog veröffentlicht, unser Partner für die Berlinale.


Die Bärenjagd beginnt!

Liebe Babelianer,

willkommen auf unserem bescheidenen Berliner Blog, der Euch in der nächsten Woche alle Facetten, Farben und Geschichten der Berlinale zu lesen geben wird - auf Französisch, Englisch und Deutsch. Wie jedes Jahr geht es uns bei der Berichterstattung um eine europäisch-transnationale Perspektive.

Mit ihren 62 Jahren hat die vornehme Dame Berlinale ein Alter erreicht, das uns Respekt einflößt, uns aber auch zweifeln lässt, ob und wie sie uns noch überraschen kann. Das Berliner Team ist da, um Euch von den besten Filmen, den Geheimtipps, den seltenen Perlen, die das Festival hier und dort einstreut, zu berichten.

Viel Spaß beim Lesen wünscht die Berliner Babelbande!

Und hier ein erstes Bild vom roten Teppich: Jake Gyllenhaal und Charlotte Gainsbourg aIMG_1346.jpg
(c) photo : Katarzyna Swierc

SFX, TXL, THF adieu - welcome to BER!

Eine Stadt - vier Flughäfen. Wo gab es das außer im politisch geteilten Nachkriegsberlin? Die historisch wichtigen Flughäfen in Gatow und Tempelhof haben ihren Flugverkehr bereits aufgegeben. Am 3. Juni 2012 folgen auch Flughafen Tegel und Schönefeld, um dem neuen Flughafen Berlin Brandenburg (BER) Platz zu machen. Was das Babel Berlin Team davon hält? Lest selbst!

Erster Stopp ist Tegel: Plaidoyer égoiste pour le maintien de Tegel von Sébastien Vannier. Die deutsche Version findet Ihr hier. Für den zweiten Stopp auf der Flugroute hat sich Christiane Lötsch auf den Weg nach Gatow gemacht: Krieg im Grünen - Besuch auf dem Flugplatz Gatow. Daniel Tkatch beleuchtet Vergangenheit und Zukunft des Flughafen Schönefeld - BER: The Acronyms of Pragmatism. Viel Spaß beim Lesen!

Krieg im Grünen – Besuch auf dem Flugplatz Gatow

von Christiane Lötsch

Berliner Flughäfen liegen immer am Ende einer U- oder S-Bahnlinie und sind grundsätzlich nicht unter einer Stunde zu erreichen; das hat Sébastien im ersten Teil der Serie über Berliner Flughäfen bereits erkannt. Wo Gatow genau liegt, konnte ich auch als gebürtige Berlinerin nicht sagen. Irgendwo im Westen jedenfalls und zwar Jott Wee Dee (= Janz Weit Draußen). Erst die BVG-Online-Anfrage half weiter: Am Ende der U7 und dann noch zwanzig Minuten Fahrt mit dem Bus über die Felder von Kladow.

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Flugplatz Gatow, Foto: Christiane Lötsch

Dass es in Gatow einen Flughafen gibt, hielt ich anfangs für einen Scherz, aber ein Freund bestätigte mir, dass, wenn man von Tegel startet und Richtung Süden fliegt, eine merkwürdig leere Fläche mitten im Nirgendwo zu sehen ist. In Berlin sieht man so manche Merkwürdigkeit, aber die knallharte Recherche ergab: Die Nationalsozialisten hatten den Flugplatz in Gatow 1935 erbaut; Hitler weihte ihn sogar persönlich ein und nutzte ihn regelmäßig für seine Flüge nach Berchtesgaden. Nach dem Zweiten Weltkrieg tauschten die Russen den Flughafen gegen andere Gebiete mit den Briten, die dem Ort den klingenden und vollkommen übertriebenen Namen „Royal Airforce Gatow“ gaben. Während der Luftbrücke 1948 brachten die britischen Alliierten über Gatow bis zu tausend Tonnen Lebensmittel pro Tag in die Stadt. 1994 zogen die Alliierten aus Berlin ab – der Flugplatz wurde geschlossen.

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Flugplatz Gatow, Foto: Christiane Lötsch

Und heute? An einem klirrend kalten aber sonnigen Sonntagnachmittag haben sich viele Gatower aus den umliegenden neu gebauten Einfamilienhäusern aufgemacht und nutzen die breiten Rollbahnen zum Roller fahren, Inlinern und Skaten. Fehlen nur noch bunte Drachen, ein paar Picknicker und Fußballer und ich würde mich nicht anders als in Tempelhof fühlen. Aber nein, einen entscheidenden Unterschied gibt es. Auf den Landebahnen reihen sich idyllisch Roland-Raketen-Abwehrsysteme neben Kampfflugzeugen aller Art, die bei meinem (männlichen) Begleiter sofort Kindheitsträume wahr werden lassen. Ihre geheimnisvollen Namen MIG, SUCHOI oder MIL-MI verweisen auf ihre russischen Herstellerfirmen. In Halle 7 zeigt das Luftwaffenmuseum der Bundeswehr ihre Geschichte von den Anfängen bis Heute, und ich frage mich, warum um alles in der Welt die Bundeswehr hier so viel Platz zur Selbstbeweihräucherung bekommt. Sogar ein Soldat in Uniform ist abkommandiert, dem geneigten Besucher Fragen zum „Massiven Vergeltungsschlag“ oder zum „Gleichgewicht des Schreckens“ zu beantworten.

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Flugplatz Gatow, Foto: Christiane Lötsch

Mir wird mulmig. Denn so niedlich die Helikopter, Jagdbomben und Raketenabwehrstationen in der Nachmittagssonne auch aussehen, so tödlich waren sie, als sie noch im Einsatz waren. Davon sieht man in den Ausstellungen jedoch nichts. Die Sonntagnachmittags-Idylle ist dahin.

Egoistisches Plädoyer für den Flughafen Tegel

von Sébastien Vannier, Übersetzung Christiane Lötsch

Der Berliner Flughafen Tegel wird schließen. Das finde ich blöd. Ob mein kleines, persönliches Plädoyer ohne vernünftiges Argument die Situation kippen kann ? Nichts ist unwahrscheinlicher als das.

Der 2. Juni wird kommen. Jeden Tag etwas näher. Nicht, dass ich nicht informiert wäre, aber es ist so, ich kann mich nur schwer damit abfinden. An diesem Tag, in dieser Nacht, um genau zu sein, wird der Flughafen Tegel seine Schiebetüren schließen und das finde ich einfach sch….und ich werde Euch auch sagen, warum.

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Foto: Günter Wicker (Photur), Berliner Flughäfen, 2008

Erstens : Der Flughafen Tegel war das Erste, das ich bei meinem ersten Besuch in Berlin gesehen habe. Das war zu einer Zeit, als ich noch jung war. Zu einer Zeit, als Frankreich noch Fußballweltmeister und die Linke sowohl in Frankreich als auch in Deutschland an der Macht war (ja, ja, ich sehe Euch nachrechnen. Sagen wir so, es ist einfach lang her). Nicht, dass ich nostalgisch wäre, aber trotzdem, es war mein erstes Mal. In Berlin.

Zweitens : Tegel ist MEIN Flughafen. Wir vergessen jetzt mal Tempelhof, den ich nie wirklich gekannt habe, außer einmal, als er schon außer Betrieb war. Moi, ich bin ein Weddinger. Wedding (französisch ausgesprochen védïng), ist der noch nicht gentrifizierte Bezirk im Norden der Stadt. Deshalb sehe ich eine Unmenge von Flugzeugen vorbeifliegen, jeden Tag. Wenn ich mich ein bißchen aus dem Fenster lehne, kann ich sagen, ob der Typ mit der Krawatte auf Sitz 23F den süßen oder den salzigen Snack gewählt hat. Wenn Zeit und Verkehr miteinander harmonieren, brauche ich 18 Minuten (Den Rekord müsst Ihr erstmal schlagen !), um zum Flughafen zu kommen. Wenn man in der letzten Minute aus dem Haus geht (ach, ich doch nicht…) oder total fertig von einer Reise zurückkommt, ist das schon ziemlich genial. Und nein, weder meine Wände noch mein Trommelfell sind durch den Lärm beschädigt worden.

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Foto: Günter Wicker (Photur), Berliner Flughäfen, 2008

Drittens : Tegel ist ein Flughafen mit übersichtlicher Größe. Das bedeutet nichts, aber ich sage es trotzdem. Keine unendlichen Flure (ich spiele hier überhaupt nicht auf einen bestimmten Flughafen an), um von Halle 2D nach Halle 2F zu kommen, die theoretisch gesehen nebeneinander liegen müssten. Kein stundenlanges Warten, dass Dir den Schweiß auf die Stirn treibt, weil vielleicht Dein Gepäck nicht angekommen ist.

Viertens : Tegel ist immerhin der Flughafen im ehemaligen französischen Teil von Berlin. Ich bin überhaupt nicht nationalistisch, aber wenn Du Deine Freunde aus Frankreich abholst und mit dem Bus an der « Rue Aristide Briand » oder dem Kino « L’Aiglon » vorbei fährst, vereinfacht das den Übergang von Frankreich nach Deutschland erheblich. Nicht wie an dem anderen Berliner Flughafen, wo einen das Plakat « kriminelle Ausländer, raus ! » willkommen heißt.

Kommen wir zum anderen Flughafen. Es ist zwar nicht sehr nett, eine komplett subjektive Lobrede zu halten, ohne ein einziges vernünftiges Argument zu haben, trotzdem darf man nicht vergessen, genauso unbegründet, auf dem Rücken des Gegners herumzureiten.

Schönefeld ? Ein Witz, sage ich Euch. Schönefeld ist die Endstation einer S-Bahn. Und diejenigen, die Berlin kennen, werden verstehen : Die Endstation einer S-Bahn ist das Ende der Welt. Wie Erkner. Oder Henningsdorf. Ortsnamen, die wie Stadtmythen klingen. Jeder kennt sie, weil sie auf den Bahnhofsschildern stehen, aber niemand ist jemals wirklich dort gewesen. Also : Schönefeld, das liegt am Ende der Welt. Vor allem, wenn Du aus Wedding kommst. Wenn Zeit und Verkehr nur suboptimal miteinander harmonieren, brauchst Du 1h45 für den Weg. Und wenn Du einmal die paranormale Erfahrung gemacht hast, dass die Strecke Berlin-Berlin länger dauert als Paris-Berlin, versinkst Du in eine tiefe Raum-Zeit-Depression. Und ich meine, « wenn der Verkehr gut läuft ». Das ist Definitionssache. Wenn man nach Schönefeld fährt, gibt es immer eine kleine Tücke. Ein kleiner Pendelverkehr aus dem Nichts heraus. Ein gestohlenes Kabel auf den Gleisen. Kurz, das normale S-Bahn-Chaos.


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Foto: Günter Wicker (Photur), Berliner Flughäfen, 2006

Ihr lacht, aber stellt Euch die Situation vor : Besuch aus Frankreich. Flug mit einer Low-Cost-Line, deren Namen ich nicht nennen werde. Blöde Ankunftszeiten, sagen wir 22h40 in Berlin. Verspätung inbegrifffen (was, welche Verspätung… ?), 23h15. « Sag’ mal, kommst Du mich abholen ? ». Ihr braucht drei Stunden für den Weg, die S-Bahn ist kaputt oder streikt, die letzte U-Bahn habt Ihr gerade verpasst, Ihr nehmt also den Ersatz-Ersatzverkehr, der das Zahnfleisch bluten lässt, und außerdem regnet es. Ihr verbringt ein scheiß Wochenende, weil Ihr zu wenig geschlafen habt, Ihr habt Euch eine Erkältung eingefangen, als Ihr auf den Bus gewartet habt und streicht Euren Freund von der Facebook-Liste. Jawohl, das ist die brutale Wirklichkeit von Schönefeld. Ihr glaubt, dass ich übertreibe ?

Und glaubt Ihr wirklich, dass der neue Flughafen am 3. Juni fertig sein wird ? Ich jedenfalls nicht, ich bleibe bei meiner Meinung, aber die kennt ihr ja schon. Weil es Berlin ist, weil es Schönefeld ist, das Ganze wird in den Sand gesetzt, ich sag’s Euch. Die Landebahn wird zu kurz sein, die Rolltreppen werden still stehen, die Sitze zu Lounge-mäßig, die Sicherheitskontrollen chaotisch und die Türen nicht breit genug. Ich weiß jetzt schon, wie das wird.

Und nun ? Was machen wir mit einem neuen, leeren Flughafen ? Drachensteigen mit Inliners an de Füßen ? Strandsegler fliegen lassen ? Hausrentiere aufziehen ? Ein Yogging-Platz (das bedeutet yoga-joggen) ? Also, meine Lieben, macht keine Blödheiten, ich bin sicher, wir können uns einigen. Bis zum 2. Juni müssen wir eine Lösung finden. Ich biete Euch 100 Miles Air Berlin und wir vergessen das Ganze einfach !

15. 10: die Welt auf der Strasse

Als Teil einer weltweit organisierten Protest findet heute die Berliner Demonstration vom Alexanderplatz bis zum Kanzleramt statt.


Berlin. Die globale Welle der Empörung erreicht Berlin. Die Menge gegenüber dem Kanzleramt ist aber friedlich. Zwei sind die am Meisten von den freiwilligen Sprechern zitierten Themen: Geld und Demokratie.
Die Versammlung nennt sich „Assemblea“ und funktioniert nach dem spanischen Vorbild, alle sind eingeladen zu reden und haben eine Art von Wahlrecht. Mit den Händen können die Zuschauer die Reden zustimmen, indem sie die Hände schütteln, ablehnen, indem sie ihren Arme kreuzen und den Sprecher wechseln, wenn sie sie im Luft drehen. Aus New York kommt dann die „Human Microfone“, das Konzept ist das alle die näherer Zuschauer laut wiederholen die Reden von die hinten stehenden Teilnehmer und so weiter bis in die letzten Plätzen.

Auf der Seite der demokratischen Förderungen hat eine Sprecher den Vorschlag „setzen wir uns in den Reichstag!“, andere meinen, dass mehr „Bürgerbewegungen gefragt sind“ und eine andere verteilt die Nummer des Kanzleramt, um eine gesamte Anruf zu machen, um sich über die Finanzsteuertransaktion zu erkündigen und sie zu unterstützen. Alle diese Vorschläge bekommen eine große Zustimmung unten den Zuschauern. Die Lust einer stärkeren und direkten Beteiligung an der demokratischen Prozess ist groß. „Angi, Obama und alle die Sarkozy der Welt schaut uns zu, seid Stolz auf uns“ ruft eine Redner.


Auch deswegen sind kaum politischen Fahnen unten dem Demonstranten zu sehen. Der Moderator der Assemblea bittet alle die Sprecher keine Werbung für einzeln Gruppen zu machen, da alle als einzeln Personen dort sein sollten. Direkte Demokratie durch Blog und Sozial Network, sind die neue Idee der Bewegung, um die alte Netzwerke der Parteien zu überschreiten. Die Fragen zum Geld, das andere große Kapitel der Protest, äußeren sich am meisten durch die Phantasie der zahlreichen Plakaten. Von der Bühne, die aus einem alten Polizeiwagen besteht, plaediert ein Sprecher für eine „demokratische Geldschöpfung“.
Der Protest richtet sich besonders an der politischen Führungselite, die bis jetzt keine neue Idee gefunden hat und nur die von den Banken gefragten Maßnahmen zu rezipieren versucht, wie die Blogger der Bewegung oft klagen. Diese ist  eine gute Chance für die Menschen von jedem Alter, die auf der Wiese des Bundestags sitzen, sich gemeinsam mit den italienischen, spanischen, griechischen Straßen und Plätzen zu verbinden, um eine echte europäische öffentliche Meinung über gemeinsame Themen zu bilden und auszuüben.





Photos und Text von Stefano Lippiello

Gefangen in der Papstfalle

Wieder einer dieser lichtdurchfluteten Berliner Herbstnachmittage, ich mache früher Schluß mit der Arbeit und radele auf den Großen Stern zu, um nach Kreuzberg zu kommen. Irgend etwas ist anders als sonst. Es ist still, sehr still. Die Menschen haben ihre hintereinander aufgereihten Autos ausgeschaltet, die Türen geöffnet oder sich auf die Kühlerhaube gelegt. Andere sitzen am Straßenrand und lesen Zeitung. Polizisten stehen wie Statisten in einem Film herum, Touristen sitzen auf einer Mauer. Hubschrauber kreisen über der Stadt.

Ich radele weiter bis mir einer der Polizisten mit herausgestreckten Armen zuruft: "Hier geht's nicht weiter!". Erst jetzt kapiere ich: Ich stehe im Auge des Sturms - der Papst fährt gleich vorbei! Und ich dachte, er wäre im Olympiastadion...Das Verhandeln mit den immerhin freundlichen Polizisten ("und wenn ich ganz schnell über die Straße fahre..?") bringt nichts, unsere größer werdende Gruppe von Fußgängern und Fahrradfahrern kommt weder vor noch zurück - wir sitzen gemeinsam in der Papstfalle.

Ein älterer Herr holt seine Brote aus dem Rucksack, die asiatische Touristin versucht mit dem Stadtplan in der Hand auf Englisch zu verhandeln, eine junge Frau lästert über die vielen knackigen Assistenten vom Papst, die ja auch noch durchfahren müssen. Dann hören wir ein Pfeifen, Motorräder und Autos, die am Rand standen, setzen sich auf einmal in Bewegung. Ein schwarzer Mercedes nach dem anderen fährt vorbei - und, ja - da war er, wir haben den Papst gesehen! "Siehst schon ganz erleuchtet aus", sagt die junge Frau zu mir. Es war wohl die Erleichterung, an diesem Tag doch noch nach Hause zu kommen.

Der Papst kommt! Interview mit Jörg Steinert vom Lesben- und Schwulenverband in Deutschland

papst

Eine große deutsche Boulevardzeitung hat mit einem Riesenposter an der Fassade seines Verlagshauses in Berlin-Mitte/Kreuzberg dafür gesorgt, dass es auch der Letzte mitbekommen hat: Benedikt XVI. ist ab heute in Berlin. Die Messe im Olympiastadion ist ausverkauft, wer will, kann sich mit Papst-Souvenirs wie einem Coffee-To-Go-Becher oder Einkaufsbeuteln in sakralem Design eindecken. Allerorten herrscht eine reine Papst-Euphorie? Mitnichten. 100 Abgeordnete boykottieren die Rede Benedikts im Bundestag und zahlreiche Gegendemonstrationen haben sich angekündigt. Das Bündnis „Der Papst kommt!“, das aus zahlreichen Organisationen und Privatpersonen besteht, richtet sich gegen die Geschlechter- und Sexualpolitik der katholischen Kirche. Jörg Steinert vom LSVD (Lesben- und Schwulenverband in Deutschland) wird heute auch auf die Straße gehen und erzählt uns, warum er das tut.

Herr Steinert, was haben Sie denn eigentlich gegen den Papst? Wir haben nichts gegen den Papst persönlich und auch im Übrigen nichts gegen seinen Berlinbesuch. Wir kritisieren die Geschlechts- und Sozialpolitik der katholischen Kirchen und wollen seinen Besuch zum Anlass nehmen, gegen die Diskriminierung von Homosexuellen, das Verbot von Kondomen und die Ungleichstellung der Frau, vor allem im Bereich der reproduktiven Recht – also Verhütung und Schwangerschaftsabbruch - zu demonstrieren.

Gibt es denn für diese Themen zu wenig Öffentlichkeit? Der Vatikan steht, was die Menschenrechte angeht, auf einer Ebene mit Staaten wie etwa dem Iran. Die katholische Kirche wirkt daran mit, dass Homosexuelle verfolgt werden. Das wissen viele nicht. Oder lassen Sie mich ein Beispiel nennen: Wenn ein katholischer Kindergarten eine lesbische Putzfrau hat, und diese dann eine gleichgeschlechtliche Ehe eingehen will, kann sie gekündigt werden. Das darf sonst kein anderes Unternehmen, schließlich gibt es ein Diskriminierungsgebot von Seiten des Gesetzgebers.

Hat denn die Meinung der katholischen Kirche immer noch ein so großes Gewicht in Deutschland? Man sieht es ja in der Politik – Homosexuelle sind eben nicht gleichgestellt in Deutschland. Als der Papst noch Kardinal war, nannte er die Zustimmung zu den Gleichstellungsgesetzen Mithilfe bei der „Legalisierung des Bösen.“

Was ist bei der heutigen Demonstration wichtig? Wichtig ist, dass es kein Protest gegen Religion sein soll. Wir haben in unserem Bündnis auch gläubige Menschen und uns stört diese Diskrepanz zwischen Glaubenden und Amtsträgern. Darauf wollen wir heute hinweisen, und zwar friedlich und fröhlich. Dazu ist jeder herzlich eingeladen.

''Demonstration „Der Papst kommt!“ Start am 22. September 2011 um 16.00 Uhr am Potsdamer Platz.''

http://derpapstkommt.lsvd.de

18. September -- Die Qual der Wahl

Schaut man derzeit im herbstlichen Berlin nach oben in die Bäume, entdeckt man neben fallenden Laubblättern eine Unmenge von lächelnden, fordernden oder ernsten Gesichtern. Was wollen die bloß? Am 18. September sind Bürgermeisterwahlen in Berlin. Doch wen soll man nur wählen? Babel Berlin hat sich Wahlplakate, Parteiprogramme und Kandidaten näher angeschaut und leistet Entscheidungshilfe. Die moralische CDU, die soziale Linke, die emotionale SPD, die umständliche FDP, die unglaubwürdigen GRÜNEN, die utopischen Piraten oder die einseitige TIERSCHUTZPARTEI ? Lest unsere Kommentare und entscheidet selbst!

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