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Berlin aber sexy

Der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit sagte: Berlin ist arm aber sexy. Hier kümmern wir uns um den zweiten Aspekt.

Berlin, Du bist so wunderbar...oder: Warum ich in Berlin bleibe

Happy in Berlin

Viele tolle Menschen und sehr wohl Gemeinsinn – daran kann auch das Flughafen-Desaster nichts ändern. Warum ich nach 15 Jahren immer noch nicht genug von Berlin habe. Von Sandra Wickert.

Tyll Schönemann, ehemaliger stellvertretender Chefredakteur des Stern, flieht aus Berlin und zieht eine bittere Bilanz. Ich kann das nicht so ganz nachvollziehen – leben wir in der gleichen Stadt?

Lieber Herr Schönemann, Sie sind genervt. Von den armen U-Bahn-Schnorrern, der Berliner Schnauze, der angeblichen Gleichgültigkeit der Berliner und den vielen Verrückten. Dabei haben Sie ein paar Kleinigkeiten am Rande übersehen. Ich zähle Sie Ihnen mal auf, denn sicherlich haben Sie sie nur vergessen. Berlin ist tolerant. Wo sonst kann ich mit meiner typischen, unaufgeregten Berlin-Garderobe morgens zur Arbeit in mein hippes Internet-StartUp, am Frühabend zum Nussknacker in die Staatsoper und kurz darauf ins Kater Holzig zum Feiern, ohne dass ich irgendwie over- oder underdressed wirken würde? Berlin ist spannend. Wo sonst kann es einem passieren, dass man beim Feierabendbier plötzlich einen wild knutschenden Quentin Tarantino antrifft wie in der Neuköllner Ankerklause oder man von Daniel Brühl nach Feuer gefragt wird? Wo sonst läuft man bei der morgendlichen Joggingrunde plötzlich in einen spontan organisierten Open-Air-Rave? Innerhalb Deutschlands ist Berlin sowieso immer die erste Stadt, in der was passiert. Während man sich in Hannover oder Karlsruhe gerade noch an den Tapioca-Kügelchen verschluckt, ist der Bubble-Tea-Shop in Berlin bereits zum Obst-Döner umgebaut. Burger-Burrito-Macarons-Trend: wer hat’s erfunden (na gut, zumindest erfolgreich gehypt?) Die Berliner natürlich.

Berlin - Wurst

Berlin ist entspannend. In der grünsten Stadt Europas gibt’s nichts Schöneres, als einen lauen Sommerabend im Park oder an der Spree zu verbringen. Im Winter geht man in die Sauna auf dem Badeschiff oder ins Open Air Kino. Und das ist kein großes Ereignis. Das macht man einfach so. Berlin ist hilfsbereit. Ich weiß nicht, welche Erfahrungen Sie, lieber Herr Schönemann, machen musste, die Sie zu der Aussage „in keiner Stadt gibt es weniger Gemeinschaftsgefühl“ verleitet haben. Ich bin mal in einer Münchner U-Bahn ohnmächtig geworden. Interessiert hat das keinen. In Berlin hab ich mich schon mehrfach mit dem Fahrrad auf die Fresse gelegt. Jedes Mal hat mindestens einer angehalten und sich besorgt nach meinem Wohlbefinden erkundigt. Von der Mama mit Kindersitz über den Punk bis hin zum türkischen Taxifahrer – alle haben mich erst wieder weiterfahren lassen als ich glaubhaft versichern konnte, dass mir nichts passiert ist. Berlin kann was. Sie beklagen, „dass man hier mit dicker Hose Projekte anschiebt und dann mit der Sammelbüchse durch die Republik zieht“. Berlin hat sich in den letzten Jahren zum deutschen Silicon Valley entwickelt, wo die StartUp-Szene Superbrains und Kreative aus der ganzen Welt anzieht. Ashton Kutcher investiert nicht umsonst immer wieder jede Menge seiner Dollars in aufstrebende Berliner Internetfirmen.

Berlin - Kotti

Berlin ist cool. Hier hat David Bowie erst mit Iggy Pop und dann mit Bianca Jagger rumgemacht und danach wahrscheinlich mit beiden gleichzeitig, hier gibt’s Barkeeper, die Banane heißen und Pete Doherty nicht erkennen und Journalisten, die eine Satirepartei gründen.

Berlin hat von allem etwas. Barcelona hat Messi und das Meer, wir haben die Alte Försterei und den Mauerpark. London hat Herzogin Kate und die Tower Bridge, wir haben Angela Merkel und die Modersohnbrücke. Dem Pariser Croissant und dem Eifelturm haben wir die Currywurst und den Fernsehturm entgegenzusetzen. An Istanbul kommen wir nicht ganz ran, aber wahrscheinlich gibt’s nirgendwo in Deutschland außer am Kreuzberger Kotti das Original Gaziantep-Baklava zu kaufen.

„Und nur weil in Berlin Leben ist, ist Berlin noch lange nicht lebenswert“. ¬Da haben Sie aber etwas falsch verstanden, Herr Schönemann. Lebenswert ist, dass ich, auch unter der Woche, solange ausgehen kann, wie ich möchte, und zwar ohne Sperrstunde. Lebenswert ist, dass ich mitten in Kreuzberg ein Kanu ausleihen und damit bis an den Müggelsee paddeln kann. Lebenswert ist, dass ich innerhalb einer Laufdistanz von zehn Minuten zwischen einem argentinischen, asiatischen, türkischen, schwäbischen, äthiopischen, italienischen oder griechischem Mittagsimbiss wählen kann. Lebenswert ist, dass man auch noch jenseits der 30 in einer WG wohnen kann und keiner das irgendwie komisch findet. Lebenswert ist, dass ich hier alles tun kann, von dem meine Freunde in anderen Städten nur träumen können: Deutschlands einziger Kurs im Rollerdance? – In Berlin. Deutschlands einziges Filmfestival mit internationalem Flair? – In Berlin. Dinner-Clubs, Abrissparties, Raucherkneipen, Fashionweek, Chaos Computer Club, popkomm, Freiluftkaraoke, Schwarzlicht-Minigolf, verfallene Freizeitparks mit Dinosauriern: Berlin, Berlin, Berlin.

Berlin - Gemeinschaftssinn

In einer Sache, haben Sie, lieber Herr Schönemann, natürlich recht: „Berlin ist Leinwand für allerlei Fantasien.“ Das ist es. Und dass diese Fantasien manchmal Wirklichkeit werden, dass kann einem wirklich nur hier, in dieser sonderbar-wunderbaren, sich immer verändernden Stadt passieren. Ihnen nun leider nicht mehr. Machen Sie’s gut in Hamburg, München oder Bayreuth. Und wenn Sie ihren Abgang dann doch mal bereuen sollten, dann zögern Sie nicht, zurück zu kommen. Sie werden sehen: Berlin wird Sie mit offenen Armen wieder aufnehmen. Denn so sind wir.

Warum deutsche Männer nicht flirten

Ich lebe bereits seit einem Jahr in Deutschland. Jedoch waren die mit viel Lager Bier angeregten verbalen Beschimpfungen, denen ich mich eines Abends ausgesetzt sah, so ziemlich das einzige, was einem Annäherungsversuch nahe kam. Ich hoffe nur, sie waren nicht als Anmachsprüche gedacht.
von Anna Patton

Natürlich wäre ich bereit zu glauben, das Problem läge bei mir – ich bin schließlich keine Angelina Jolie und ich besitze nicht mal einen Push-up-BH. Ich habe wirklich angenommen, dass die Schuld bei mir liege. Bis ich herausfand, dass ich nicht die einzige bin, die so eine unverfrorene Gleichgültigkeit gegenüber den eigenen femininen Reizen erlebt.

Es zeigt sich sogar, dass jede Frau die ich in Berlin kenne, unter dem gleichen männlichen Desinteresse leidet. Fiona, die bereits seit zwei Jahren hier lebt, war überhaupt nicht überrascht, als ich befand, dass es schwierig sei, Männer in Berlin kennen zu lernen: „Ja absolut, du musst hier richtig aufdringlich werden – deutsche Männer machen niemals den ersten Schritt.“ Und Carola erzählte mir, dass sie in ihrem ganzen Leben nicht einmal von einem deutschen Mann charmant angesprochen worden sei: sie ist gebürtige Berlinerin. Männer hier machen einfach keine Annäherungsversuche.

Dabei verlange ich noch nicht einmal viel. Schließlich stammen meine Maßstäbe aus Erfahrungen mit der charmanten doch meist hoffnungslosen britisch-irischen Kultur, wo Flirten selten mehr als ein ungeschicktes Heranrutschen an die Auserwählte an der Bar gefolgt von einem unverständlichen Gestotter ist. Zu späterer Stunde könnte es auch zu einem betrunkenen Überfall auf sie mitten auf der Tanzfläche kommen.

Meine koketten Begegnungen waren demnach bislang eher undenkwürdig und selten romantisch. (Der Tiefpunkt war: „Ich mag die Art wie dein Haar in der Briese weht.“ Wir saßen zu dem Zeitpunkt im Wohnzimmer.) Aber selbst diese albernen Zeilen oder ungeschickten Gesten - so peinlich, dass man automatisch zusammenzuckt - geben dir trotzdem etwas, und wenigstens lassen sie dich wissen wo du stehst. In Deutschland könnte dieser ernst dreinschauende Mann, der da drüben sitzt, leidenschaftlich in dich verliebt sein und du wirst es niemals wissen.

Opfer der Venustraphobie

Also was ist hier eigentlich los? Wollen deutsche Männer nicht flirten – oder sind sie in der Tat physisch nicht in der Lage dazu? Ein genetisches Ding, so in der Art – weiße Menschen können nicht rappen und Europäer können nicht tanzen? Hat das Erscheinen des italienischen Hengstes und des französischen Charmeurs vor vielen Jahrhunderten zur Ursache gehabt, dass die deutsche Spezies sich in die andere Richtung entwickelte – Mutter Naturs Weg um das Gleichgewicht für die Frauen Europas herzustellen?

Wie zum Beweis der deutschen Unfähigkeit zu flirten sind Flirtschulen und Kurse wie Pilze aus dem Boden geschossen und heute weit verbreitet. Sie könnten kaum einen Geschäftstag in der Mediterranen Welt überleben. Ein vor kurzem veröffentlichter Bericht der Times Online verglich Flirtgewohnheiten in verschiedenen Kulturen. Deutsche Männer, so war dort zu lesen, “sehen die Eroberung einer deutschen Frau als einen Extremsport an ... Die Komponente Charme ist nicht so wichtig.“ Es scheint eindeutig, dass deutsche Männer nicht sehr an Hochrisiko-Sportarten interessiert sind. Laut Autor des Artikels sind sie sogar Opfer der „Venustraphobie“ – der Angst, schöne Frauen anzusprechen. Manche glauben, diese Furcht wurde durch eine übermäßig emanzipierte weibliche Bevölkerung ausgelöst, welche nun die Jäger-Rolle im sexuellen Räuber-Beute-Spiel übernommen hat.

Flirten auf Deutsch

Aber könnte es auch einfach sein, dass Männer sich so verhalten wie die Gesellschaft es vorgibt? Deutsche Frauen, so sagt man, erwarten von ihren Männern Beherrschung. Spiegel Online hatte im Vorfeld zur Weltmeisterschaft 2006 in Deutschland einige Flirt-Richtlinien für ausländische Fans veröffentlicht, welche befolgt werden sollten, wenn Mann bei deutschen Frauen punkten wollte. Potentielle Verführer sollten vorsichtig sein, warnte der Artikel, da selbst ein einfaches "Hallo" einer deutschen Frau „zu direkt erscheint.“ Hallo? Befinden wir uns etwa im 19. Jahrhundert?

Die Deutsche Welle, die internationalen Studenten gute Ratschläge zum Thema Flirten erteilt, riet ebenso zur Vorsicht. Ihrer Meinung nach sollten dich „Augenkontakt und gutes Benehmen“ weiter bringen als „übertriebenes Machogehabe.“ Es scheint, als ob die Definition von Flirten auf Deutsch weiterhin auf ein unbewegtes, emotionsloses Starren von der anderen Seite des Raumes reduziert bleibt. Aber ich kann mir nicht vorstellen, dass irgendeine deutsche Frau einen verständlichen Grund finden könnte, warum der freundliche Annäherungsversuch eines Fremden sie beleidige – das ist nur eine Entschuldigung.

Es ist eigentlich so, dass Männer Angst haben sich lächerlich zu machen, und das ist genau das Risiko beim Flirten. Deutsche sind nicht risikofreudig. Sie mögen es, die Dinge genau und sorgfältig zu tun, nicht spontan und irrational. Vergiss genetische Erbanlagen oder kulturelle Gegebenheiten. Deutsche mögen einfach keine Extremsportarten.

Obwohl, wo ich gerade davon spreche, Ich fand auch noch nie etwas Besonderes am Adrenalinkick. Vielleicht wird es Zeit, dass ich einen der Flirtkurse besuche?

*Alle Namen wurden geändert.



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U-Bahn-Liebe

Die liebe Liebe findet in einer Stadt mit knapp 3,5 Millionen Einwohnern viele Formen, sich zu entfalten. Wir sind ihnen hier auf der Spur. Ist euch ein sexy Aspekt Berlins aufgefallen? Dann schreibt uns davon.
Von Sergio Marx

Da sitzt sie, mir direkt gegenüber. Ihre hinter dem Kopf zusammengeknoteten, blonden Haare geben die feinen Züge ihres Gesichts frei und ein Hauch Lippenstift gibt ihren Lippen die Farbe einer begehrenswerten Frucht. Sie hat die Beine übereinander geschlagen, wir tauschen ein kurzes Lächeln aus. Ich fühle mich sehr von ihr angezogen. Ich würde sie gern ansprechen, ein Gespräch beginnen, ich überlege, zaudere, fasse mir ein Herz – zu spät: „Alexanderplatz, dieser Zug endet hier, bitte alle aussteigen!“. Sie steht schlagartig auf, geht aus dem Zug hinaus und verschwindet in der dichten Menge. Ich versuche, ihr zu folgen, doch sie ist schon verschwunden. Meine Verzückung war nur kurz. Schade! Wo wollte ich noch hin? Ach ja, in die Uni!

Vorher-Nachher: So soll es mit dem Nachbarn klappen. Grafik: BVG

Bei Begegnungen wie diesen will die BVG (Berliner Verkehrsbetriebe) nun Abhilfe schaffen. Sie hat die Kampagne ‚Augenblicke’ gestartet. Haben Sie die Frau ihres Lebens in der Linie U5 gesehen? Einen unwiderstehlichen Mann am Potsdamer Platz? Lassen Sie einfach dem Objekt ihrer Begierde eine kleine Nachricht auf der Seite und vielleicht wird er Sie erkennen und … wer weiß? Hilfe in Liebesdingen von der BVG. Wer hätte das innerhalb des ansonsten strengen Internetauftrittes vermutet?

Aber nicht nur online wirbt die BVG für ihr Kuppelangebot. Sie hat auch ein paar Plakate in ihre Züge gehängt. Sie zeigen zwei Jungendliche die nebeneinander sitzen. Auf den Plakaten steht: ‚Ich habe mich nicht getraut’ oder ein bloßes ‚Ich bin da’. Sie deuten ein Happy End an: Auf den Plakaten trinken die Jugendlichen zusammen oder küssen sich gar voller Leidenschaft. Machen Sie sich keine Sorgen, mein Ziel ist überhaupt nicht eine Kampagne zu unterstützen, die die Jugend von dem rechten Weg oder den guten Sitten abbringt: diese Plakate haben nicht nur die Jugend als Zielgruppe, sie stellen auch ältere Leute dar, die sie auffordern, sich miteinander zu unterhalten. Eine gesellige Gemütlichkeit in der U-Bahn kann ja nun wirklich nicht schaden.

Wir wollen Nähe

Und da liegt ein Paradox unserer Gesellschaft. Seit der Demokratisierung des Internets oder des Handys, ist es immer einfacher geworden, mit jemandem auf der anderen Seite der Erde zu kommunizieren. Aber in unserer direkten Umgebung fällt es uns schwer Nähe herzustellen. Nachbarn sprechen immer weniger miteinander. Seit die Ladenbesitzerin an der Ecke alle sechs Monate wechselt, kennt man sich dort auch nicht mehr mit Namen. 

Wir leiden an einem Gefühl des Mangels, wir brauchen den Austausch mit unserer Umgebung. Die BVG hat das erkannt: Los! Miteinander schwatzen! Laut der Gesellschaft, hat die Internetseite bemerkenswerte Ergebnisse: seit Start der Aktion am Valentinstag 2007 klickten rund 1,4 Millionen Nutzer die Seite an. Wie viele U-Bahn-Paare sich seither gefunden haben ist nicht zu überprüfen. "Wir haben mehrfach versucht, über unsere Kanäle Aufrufe zu starten, dass sich Pärchen bei uns melden, leider ohne Erfolg", sagt ein Sprecher des Unternehmens. Die Klickzahlen alleine deuten aber schon darauf hin, dass die BVG einen Zeitgeist erkannt haben könnte. So finden auch Internetseiten wie meetic regen Zulauf. Da, so die Hoffnung, findet sich eine verwandte Seele. (Näheres dazu auf Cafe Babel)

Die Leute sind noch neugierig aufeinander und wollen nicht griesgrämig und eingeengt wie in einer Konservenbüchse nebeneinander hocken. Sie trauen sich nur nicht, das vor Ort zu ändern. Also gehen sie einen Umweg über die neuen Technologien auf Höhe des Zeitgeistes.Dann stellen sie sich an eine Station, warten und genießen kurz den Stillstand. Bis die nächste Bahn kommt und sie wieder mit in die Dunkelheit reißt, wo Blicke sich manchmal begegnen…

Ach ja, ein schöner Gedanke, aber ich glaube meine blonde Angebetete bleibt unauffindbar!

Wofür Romantik? – Kauf ein Bett!

Berlin ist das geistige Zuhause der Untentschlossenen. Der Ausdruck “Lebensabschnittsgefährte” fasst es recht gut zusammen. Diese wunderbar sperrige Bezeichnung für die bessere Hälfte passt wohl nirgendwo besser als in Berlin. Vergesst die Romantik: dies ist eine Stadt für die Beziehung des 21. Jahrhunderts – unverschämt unverbindlich, ständig wechselnd und gefangen im Hier und Jetzt.
Von Anna Patton

Mit ihrer berühmt-berüchtigt freizügigen Einstellung zum Thema „Sex“ – Berlin ist die stolze Heimat der Fetischpartys, Swinger Clubs, eines Schwulen- und eines Erotikmuseums – hält sich die Stadt nicht wirklich an das Bild des puritanischen Preußens. Und deshalb ersetzen und recyceln die Berliner ihre „Gefährten“ und bringen ihren Beziehungsstatus innerhalb eines Augenblickes auf den neuesten Stand. Kein Wunder, dass sich so viele Einheimische mit dem schrulligen „Museum of Broken Relationships“ identifizieren konnten, einer kroatischen Wanderausstellung, die 2007 mit großem Erfolg in Berlin Halt machte.

Diese Einstellung so sehr in der Gegenwart zu leben gilt nicht nur für Beziehungen. Sie scheint ebenso tief in die Art wie die Berliner leben und arbeiten eingedrungen zu sein. Die extrem lange Zeit, die sie in der Universität verbringen – in Deutschland beenden die Studenten ihr Studium im Durchschnitt mit 28 Jahren – und die hohe Arbeitslosigkeitsquote in Berlin rücken ein Sesshaft werden für die meisten „Twens“ in weite Ferne. Und selbst wenn jemand bereit ist, Wurzeln zu schlagen, gibt es keine Tradition in Deutschland sich eine feste Bleibe zu kaufen – ganz anders als bei den vom Gedanken an das eigene Heim getriebenen Londonern. Hier zahlt man eher für Jahre seine Miete, bevor man auch nur daran denkt, eine Hypothek aufzunehmen. Sich in Berlin niederlassen, gilt insofern nur so lange, wie es der Vertrag mit dem Vermieter zulässt. Dies ist eine weitere Ausstiegsklausel, die lebensverändernde Entscheidungen begünstigt.

Ich dachte, dass ich untypisch entscheidungsfreudig wäre, als ich mir beim Umzug nach Berlin ein eigenes Bett zulegte. Es fühlte sich wie eine Festlegung an; immerhin würde sich ein 140 Zentimeter breites Möbelungetüm nicht einfach zusammen mit einem Rucksack über die Schulter werfen lassen, sobald mir nach einem Tapetenwechsel wäre. Ich würde schon etwas bleiben müssen. Aber wie es scheint habe ich mich doch nicht wirklich festgelegt. Denn letztens wies mich eine Freundin darauf hin, dass diese 140 Zentimeter breiten Betten – irgendwo zwischen Doppel- und Einzelbett – genau für die Leute gemacht sind, die sich nicht zwischen einem Leben als Single und einem in festen Händen entscheiden können. Anscheinend habe ich mich bereits vom Berliner Lebensstil, sich nicht entscheiden zu können, anstecken lassen.

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