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Berliner Beobachtungen

Gefangen in der Papstfalle

Wieder einer dieser lichtdurchfluteten Berliner Herbstnachmittage, ich mache früher Schluß mit der Arbeit und radele auf den Großen Stern zu, um nach Kreuzberg zu kommen. Irgend etwas ist anders als sonst. Es ist still, sehr still. Die Menschen haben ihre hintereinander aufgereihten Autos ausgeschaltet, die Türen geöffnet oder sich auf die Kühlerhaube gelegt. Andere sitzen am Straßenrand und lesen Zeitung. Polizisten stehen wie Statisten in einem Film herum, Touristen sitzen auf einer Mauer. Hubschrauber kreisen über der Stadt.

Ich radele weiter bis mir einer der Polizisten mit herausgestreckten Armen zuruft: "Hier geht's nicht weiter!". Erst jetzt kapiere ich: Ich stehe im Auge des Sturms - der Papst fährt gleich vorbei! Und ich dachte, er wäre im Olympiastadion...Das Verhandeln mit den immerhin freundlichen Polizisten ("und wenn ich ganz schnell über die Straße fahre..?") bringt nichts, unsere größer werdende Gruppe von Fußgängern und Fahrradfahrern kommt weder vor noch zurück - wir sitzen gemeinsam in der Papstfalle.

Ein älterer Herr holt seine Brote aus dem Rucksack, die asiatische Touristin versucht mit dem Stadtplan in der Hand auf Englisch zu verhandeln, eine junge Frau lästert über die vielen knackigen Assistenten vom Papst, die ja auch noch durchfahren müssen. Dann hören wir ein Pfeifen, Motorräder und Autos, die am Rand standen, setzen sich auf einmal in Bewegung. Ein schwarzer Mercedes nach dem anderen fährt vorbei - und, ja - da war er, wir haben den Papst gesehen! "Siehst schon ganz erleuchtet aus", sagt die junge Frau zu mir. Es war wohl die Erleichterung, an diesem Tag doch noch nach Hause zu kommen.

Blog Action Day: Summer in the City

Christiane Lötsch

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Steht man auf der Oberbaumbrücke, die die Stadtteile Kreuzberg und Friedrichshain pittoresk miteinander verbindet, kann man es sehen – das 45 Meter hohe Riesenrad vom ehemaligen „Kulturpark Plänterwald“. Stoisch ragt es seit Jahrzehnten über den Bäumen, die sich entlang der Spree aufreihen. Der Plänterwald, Sehnsuchtsort meiner DDR-Kindheit und der vieler Berliner. 1,7 Millionen Besucher kamen jährlich. In der Nähe des Treptower Park gelegen, hinter der Insel der Jugend, versteckt in einem Wäldchen. Mitten in Berlin.

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Hatte ich eine gute Note bekommen, ärgerte ich meine Schwester nicht zu sehr und brachte das Altpapier der Nachbarn zurück – dann hatte ich mir einen Besuch im Freizeitpark Plänterwald verdient. Eine Plomben ziehende Zuckerwatte in der Hand durfte ich eine Runde mit der kleinen Bahn fahren, den Plastikschwänen beim Schwimmen zuschauen und natürlich vom Riesenrad aus auf die Stadt herunterschauen. Was für ein erhabenes Gefühl!

Nach dem Fall der Mauer erlebte der Park eine turbulente Zeit. Die Umstrukturierung zum Spreepark Plänterwald durch die Familie Witte gelang zunächst. Doch mangelnde Parkplätze und nicht genügend Fläche für neue Fahrgeschäfte ließen die Besucherzahlen sinken. 2001 meldete die Spreepark GmbH & Co. KG Insolvenz an. 2004 wurden Vater und Sohn beim Heroinschmuggel im Fahrgeschäft „Fliegender Teppich“ in Südamerika erwischt. Das Gelände blieb für Publikum geschlossen; nur Filmregisseure, Theatermacher und Fernsehscouts entdeckten die Location für ihre Zwecke.

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Als im Mai 2011 das Hebbel am Ufer zusammen mit der Besitzerfamilie den Park für ein Wochenende öffnete, strömten die Berliner an diesen verwunschenen Ort, wo inzwischen die Wasserrutsche im Gebüsch verendet, das Riesenrad verbeulte Kabinen von der Berliner Kälte hat und auf den umgekippten Dinosauriern die Kleinkinder klettern. Nur die kleine Bahn fuhr tapfer bis ein Motorschaden auch sie dahin raffte. Der Charme des Ortes liegt zwischen sozialistischer Vergangenheit und gescheitertem kapitalistischem Unternehmertum – die allmächtige Natur, die sich den Ort über die Jahre wieder angeeignet hat, ging als Sieger hervor.

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Seit Ostern 2011 öffnet Sabrina Witte (Tochter von Norbert Witte) jeden Samstag, Sonntag, an Feier- und Brückentagen ihr Café "Mythos" von 11 bis 19 Uhr, um mit den Einnahmen die Auslösung ihres Bruders aus dem Gefängnis in Peru zu finanzieren. Sie wird Euch sicherlich mehr Details und Einzelheiten von der Geschichte des Parks erzählen. Eine echte Berliner Geschichte, die ihr nicht verpassen solltet.

Spreepark Plänterwald Kiehnwerderallee 1-3, 12437 Berlin S Treptower Park Anscheinend findet am 12. und 13. August das „Set us on fire“ Festival auf dem Gelände statt. http://www.setusonfire.com/

Fotos Christiane Lötsch

Gentrifizierung im Kiez

von Stefano Lippiello

Der Reiz des Berliner Charmes zieht immer wieder neue Einwohner in die Stadt, dazu kommen aber auch Geld und Spekulanten.











Je dreckiger, desto Berliner. Viele Jahren lang hieß es so: „Arm aber sexy“. Das was quasi das Motto der Stadt, wie es Bürgermeister Klaus Wowereit in einem Interview 2003 verkündete. Sicherlich haben auch die vielen besetzten Häuser, die in fast jedem Berliner Kiez zu finden sind, dazu beigetragen, den Reiz und den Charme der Stadt zu schaffen. In dem Foto lässt sich das schon saniert Erdgeschoß sehen, während die höheren Etagen noch unsaniert „Berliner“ bleiben.





Die Berichterstattung der letzten Jahre ist voller Beispiele von Räumungen. Nach dreißig Jahren müssen die alten Einwohner, einer nach den anderen, umziehen. Der Druck des Kapitals ist kaum zu wiederstehen.


















Traumberg! Hinter diesem Wort könnte man die Mischung aus Traum und Kapital erkennen. Wird Berlins Reiz diesem giftigen Trank überleben und davon gestärkt werden? So wie man sich nach der Heilung noch stärker fühlt als vor dem Erkranken? Sind diejenigen, die an die frühere Atmosphäre der Stadt mit Sehnsucht denken, nur hoffnungslose romantische Dichter? Oder haben die alten Bewohner Recht, die sich früher aller seit Jahren kannten und jetzt sagen, dass sie kaum ihren Nachbarn kennen?


Die Fassaden sind jetzt im raffinierten Stil des 19. Jahrhunderts.

my city – my river: Berlin und die Spree

Berlin im Sommer – unerträglich ohne die frische Brise der verzweigten Kanäle und der Spree, das Planschen in überfüllten Freibädern und die entspannenden Brandenburger Seen in Kieferwäldern. So aber bietet die Stadt viele Möglichkeiten, sich am Wasser zu erholen, ein Buch zu lesen, clubben zu gehen, die Füße in den Sand zu stecken, in die Bäume zu gucken…die Neu-Berliner Stefano und Elena haben für cafebabel.com die schönsten Wasser-Orte zusammengefasst. Christiane Lötsch

Ein Fluss, der rund um die Uhr fließt
von Stefano Lippiello

No romanticism will last forever
by Elena Pinto

(c) flickr/wester

Ein Fluss, der rund um die Uhr fließt

von Stefano Lippiello

Am Ufer stehen viele Leute, die vom ersten Morgenlicht ertappt wurden.
Sie sind am Ufer der Bar 25 und sie haben die ganze Nacht dort verbracht.
Jetzt stehen sie nicht mehr rund um das brennende Feuer, sondern strömen den
Fluss entlang. Manche Leute werden noch länger dort bleiben, um am Fluss zu tanzen.
In Berlin gibt es viele Kneipen und Clubs, die an der Spree liegen, nicht nur die Bar 25, die wegen ihrer Extravaganz eine der beliebtesten ist, sondern auch das Yaam, das ein Muss für jeden Reggae und Dub Fan ist, oder auch der Club der Visionäre, wo man das Morgengrauen auf einem Lichterschiff erwartet.



Die Fluss strömt weiter und vermischt sich mit den vielen Kanälen,
die Berlin durchqueren. Eines der vielen Wahrzeichen Berlins ist das
Maybachufer, wo nicht nur das Wasser, sondern auch die Leute sich mischen.
Hier findet jeden Dienstag und Freitag der sogenannte türkische
Markt statt, weil es natürlich nur türkische Händler gibt.
Die Marktstände folgen genau dem Kanal, der Kreuzkölln von Kreuzberg
trennt. Hier färbt sich der Fluss mit den Farben, Klängen und Gerüchen, die
aus der Ferne kommen - Länder der Gewürze, des Weihrauch, der
Passionsfrüchte und Olivenbäume. Die Gerüche und Geräusche, die sie umgeben, sind die gleichen wie die von vielen Märkten, zum Beispiel in italienischen Städten.



Nachdem man ein bisschen Fisch und einen Ouzo auf dem Markt zu sich genommen hat, ist es Zeit, sich ein bisschen auszuruhen. Was man jetzt braucht, ist auf jeden Fall eine spanische Siesta. Dafür gibt es nichts Besseres als sich im Treptower Park zu entspannen. Entweder auf den Wiesen am Fluss entlang oder auf der Insel der Jugend, wo man viele Leute, die Gitarre spielen oder richtige Konzerte während des Sommers hören kann. Wenn man wegen der Hitze Lust auf Schatten hat, gibt es genau gegenüber der Insel einen schönen Wald, der Plänterwald heißt, wo man durch die Zweige hindurch die Reste des alten Vergnügungsparks sehen kann. Dieser Park, der zu Ost-Berlin gehörte, war sehr beliebt bei denjenigen, die in den Bezirken Treptow und Köpenick aufgewachsen sind - jetzt ist er bei allen Berlinern sehr beliebt.

Innerhalb der Stadt folgen nicht nur die Leute dem Strom des Flusses. Sie steigen in die S-Bahn ein, die sie in weniger als einem halben Stündchen dahin bringt, wo sich die Spree weitet und zum großen Wannsee wird. Der ganze See bietet den Berlinern vielen Strände, die entweder menschenleer oder von Familien und jungen Menschen besucht werden. Wenn man die Kälte vertragen kann, kann man auch im See baden. Während das letzte Licht der untergehenden Sonne ins Wasser rund um die Fähre verglimmt, schalten sich die Lichter der Stadt ein.


Bilder (c) Christiane Lötsch

I, gentrifier

von Christiane Lötsch

Ich bin umgezogen. Eine Tätigkeit, die der gemeine Berliner etwa alle halbe Jahre vollzieht. Ich hatte es immerhin sechs Jahre in der chaotischen aber sehr spannenden Oranienstrasse ausgehalten. Vom Fenster meines WG-Zimmers aus konnte ich in dieser Zeit filmreife Autounfälle, wütende Demonstranten, schwankende Transvestiten am Samstagmorgen beobachten. Meine Fahrräder wurden regelmäßig geklaut oder zu bizarren Skulpturen von Autos zusammengefahren. Einmal rannte ein panisches Pony die Strasse entlang, das erflogreich aus dem Streichelzoo weiter hinten in der Adalbertstrasse ausgerissen war.

Es fing mit der indischen Restaurantkette AMRIT an, dann eröffnete ein Ayurveda-Restaurant, der Antifa-Treffpunkt wandelte sich zum Internetcenter, die Designer-Klamottenläden wurden zahlreicher und das SO36 von der Schließung bedroht. Schließlich, an einem Dienstagmorgen, bog ein Touristenbus um die Ecke, dessen Insassen mir fröhlich zuwinkten. Ich beschloss, aus dieser gentrifizierten Strasse wegzuziehen. Sollten doch die zugezogenen Studenten und 5-Tages-Touristen aus ganz Europa in die schicken Bars gehen und dann vor die Hauseingänge kotzen. Wir würden auf ins neue, gelobte, heilige Land ziehen: Neukölln, besser, Kreuzkölln. Wo die Bars noch unentdeckt, die türkischen Familien zahlreich, die erste U-Bahnstation 900 Meter entfernt, die Häuser 100 Jahre alt (und nicht einmal saniert) sind.

Die ausgesuchte Wohnung mit Blick auf den Kanal bekamen wir sofort, zusammen mit der ungläubigen Frage des Vermieters "Und Sie haben wirklich beide einen Job?" Schon beim Umzug wurde klar, dass wir nicht wie die anderen Hausbewohner waren. Unsere antiken (von Oma und Opa zusammengeklaubten) Holzmöbel, das Klavier und die Kisten voller Bücher erweckten sofort den falschen Eindruck bei unseren zukünftigen Nachbarn. Abschätzige Gesten für unsere Umzugshelfer und nachbohrende Fragen an uns. Nein, wir waren nicht aus Süddeutschland zugezogen, nein ursprünglich sogar aus Berlin und stimmt, wir haben Jobs, aber nur befristete Verträge. Nachdem das also geklärt war, wurden wir der Haus-Initiative gegen den Vermieter vorgestellt, der ganz klar das Potential der Gegend erkannt hatte. Die alten Mieter sollten raus und neue, zahlungskräftige Mieter rein. Wir würden schon hundert Euro mehr Miete bezahlen, wie sollte es erst für die anderen Wohnungen werden?

Die Sorgen der Mieter sind durchaus berechtigt. Aus dem Junkie-Park vor dem Haus ist eine riesige Spielanlage geworden, viele Familien ziehen in die Gegend, die Nähe zum Kanal treibt die Mieten hoch und Läden für teure Kinderklamotten und bizarre "Kunsträume" eröffnen. Das Dilemma eines jeden Avantgardisten: Macht man ein Atelier oder einen alternativen Laden auf, zieht man mehr Studenten, Künstler und schließlich das hohe Mieten zahlende Bürgertum an. Die ursprünglichen Bewohner ziehen weiter, die Gegend ist "verbrannt". Ganz so schnell wird es in meiner Strasse nicht gehen, denn nur gute hundert Meter weiter südlich sind die Strassen zwei Wochen nach dem Wintereinbruch noch nicht gestreut und mehrere Sofas stehen seit letztem Jahr auf der Strasse. Als aber das kleine, schmuddelige Café mit dem tollen Kaffee letzte Woche zumachte, wurde uns doch mulmig zumute. Der Kommentar des bärtigen und meist neben der Spur wirkenden Besitzers: "Ich sag' nur: GENTRIFICATION".



Gaza-Krieg, Extremismus und die fehlende Debatte

Im Laufe der drei Wochen des Gaza-Kriegs habe ich mich wegen der in den Medien herrschenden Debatte dauernd unwohl gefühlt. Dieses Gefühl lag im wesentlich darin, dass ich keine richtige Debatte zum Nahostkonflikt mitbekommen habe und anscheinend überhaupt stattgefunden hat. Mir wurde es erst heute frappierend klar, als ich einen Artikel in der aktuellen Ausgabe des Spiegels las.
von Sergio Marx
Im „Komplizen des Terrors“ betitelten Artikel geht es darum, das Verhältnis der deutschen Linken zum Protest gegen die israelische Operation in Gaza zu erläutern. Ein Brief zweier außenpolitischer Sprecher der Linkspartei an den israelischen Botschafter in Deutschland wurde zitiert; die Politiker bezeichneten den israelischen Waffengang als „unmenschlich“ und „durch kein Recht auf Selbstverteidigung oder Notwehr legitimiert“. Eine Behauptung, die zur Empörung des Botschafters und zur Forderung einer Erklärung des Fraktionsvorsitzenden der Partei führte. Nach dem klärenden Gespräch wurde das Problem erledigt, in dem man sich einigte, dass der Brief nun aus der Welt sei. Der Journalist behauptete dabei, dass mit solchen „anti-israelischen Auftritten, Papieren und Wortmeldungen“ „antisemitische Ressentiments“ geschürt wurden. Anschließend berichtet der Spiegel, dass bei einer Solidaritätsdemonstration in Berlin, auf der “Tod Israel“ und „Holocaust in Gaza“ gerufen wurde, die Fahne der Linkspartei flatterte.
 
Dazu folgendes: Es scheint zunächst ziemlich klar, dass der Verfasser des Artikels nie an einer Demonstration aktiv teilgenommen hat. Wenn man eine Demo organisiert, kann man leider nicht alles kontrollieren. Was kann man gegen eine Minderheit unternehmen, die bewusst die Veranstaltung benutzt, um ihre eigene Ziele durchzuführen und eigene Botschaften zu vermitteln? Man sollte sich bewusst machen, dass diese unannehmbaren Äußerungen die Tat einer Minderheit ist und versuchen zu verstehen was die Mehrheit der Demonstranten vermitteln wollte.
 
Hier scheint sich ein stets vorkommender Ansatz der Mediengestalter in Gang zu setzen. Anstatt den von fast 30 Vereinen (darunter jüdischen Vereinen) unterschriebenen Aufruf zur Demonstration zu erwähnen, entscheidet sich der Journalist nur die inakzeptablen radikalen Parolen einer Minderheit als Stimmung der Kundgebung darzustellen. Dadurch wird der Eindruck vermittelt, dass die Gesamtheit der Leute auf die Straße gegangen ist, um die Zerstörung Israels zu fordern.
 
Der als Flugblatt im Laufe der Demonstration verteilte Aufruf forderte das Ende des Krieges, des Massakers und einen gerechten Frieden im Nahen Osten. Anschließend ist die Forderung an die Bundesregierung zu lesen sich für die UN-Sicherheitsratsresolution 1860 einzusetzen. Wenn der Journalist annimmt, dass durch die Stellungnahmen der außenpolitischen Sprecher der Linken, die vergleichbar zum Demoaufruf sind, antisemitischen Ressentiment geschürt werden, wurde auf die Möglichkeit einer Debatte einfach verzichtet.

Im Endeffekt ist folgende Schlussfolgerung zu ziehen: Linke, die sich zu einem unradikalen vernünftigen Aufruf bekennen, werden als „Komplizen des Terrors“ und Antizionisten bezeichnet. Und die einzigen, die im politischen Spektrum die Politik Israels kritisieren werden sofort durch ihren Parteivorsitzenden zum Schweigen gebracht. Wo sind kontradiktorische Meinungen zu erkennen? Wo ist die erwartete journalistische Nuancierung? Wo ist die Debatte?
 
Bedauerlicherweise existieren Antisemiten, die man bekämpfen muss. Aber hinter allen Kritiken an Israel steckt nicht ein Antisemit. Es läßt mich an die Ratschläge, die manche gutbürgerliche Eltern an ihre Nachwuchs verteilen, denken: „Nein! Fang nicht an zu rauchen, so fängt man mit dem Kiffen an und das führt sowieso zur Koks!“. Genau die gleiche Mentalität scheint in der deutschen Nah-Ost „Debatte“ zu herrschen: „Du kritisierst die Politik Israels? Ach, dann wirst du bald Anti-Zionist oder bist du es schon, was ganz klar zum Antisemitismus führt!“.
 
Es ist vielleicht einfacher, sich alles schwarz-weiß vorzustellen ... Leute, die auf die Straße gehen, um sich gegen die Politik Israels zu äußern sind bestimmt radikalen Glaubenskämpfer oder latente Antisemiten. So ist alles einfacher, so muss man sich nicht mit dem Problem befassen, so muss man sich nicht die Frage stellen, ob es eigentlich legitime Gründe zur Kritik an der Politik Israels gibt.
 
Als Verteidiger einer Zwei-Staaten-Lösung, des Friedens, des menschlichen Lebens bin ich zu dieser Demo gegangen. Von den radikalen Islamisten, die Unsinn gebrüllt haben, habe ich mich beleidigt gefühlt, dass der Spiegel mich „Komplize des Terrors“ nannte, war für mich eine zweite Beleidigung. Was meine Teilnahme an diese Demo begründet hat, scheint in der Weltanschauung des Magazins einfach nicht zu passen.

Aufregung in der U-Bahn

beobachtet von Matthias Jekosch

Die U-Bahnen fahren wieder nach dem Streik. Wie habe ich sie vermisst. Endlich nicht mehr durch den schneidenden Wind radeln, endlich trocken am Ziel ankommen. Entspannt sitze ich in einer Reihe neben all den anderen von der Arbeit müde dreinblickenden Gestalten. Eine Gruppe von Jugendlichen balgt sich. Zwei von ihnen boxen auf einen dritten ein. Es soll ein Spiel sein, nervig aber harmlos. Plötzlich steht ein älterer Herr, etwa 70 Jahre alt auf und geht zu den Jungen rüber. „Was soll das“, brüllt er sie so laut an, dass noch die Fahrgäste im hinteren Teil erschrocken aufschauen. Die drei gucken erst einander verdutzt an, dann den älteren Herrn. „Was das soll“, wiederholt er seine Frage, diesmal noch lauter. Dem einen Jugendlichen gefällt die Einmischung nicht. Er macht sich größer, als er ist, und steht nun Kopf an Kopf mit dem Rentner. „Was willst du?“, fährt er ihn an und will ihm mit diesem Spruch sicherlich nichts verkaufen. Einem sportlichen Mittzwanziger wird das Gezeter zu viel. Er geht zu dem Jungen und sagt ihm, dass er sich beruhigen soll. So schnell sich der Streit aufgebaut hat, so schnell kühlen sich die Gemüter auch wieder ab. Rentner und Junge drehen sich um und geben Ruhe. Die anderen Fahrgäste schauen wieder in ihre Zeitungen oder in die Luft. So eine Aufregung. Wie habe ich das auf meinem Fahrrad nicht vermisst.

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