Wieder einer dieser lichtdurchfluteten Berliner Herbstnachmittage, ich mache früher Schluß mit der Arbeit und radele auf den Großen Stern zu, um nach Kreuzberg zu kommen. Irgend etwas ist anders als sonst. Es ist still, sehr still. Die Menschen haben ihre hintereinander aufgereihten Autos ausgeschaltet, die Türen geöffnet oder sich auf die Kühlerhaube gelegt. Andere sitzen am Straßenrand und lesen Zeitung. Polizisten stehen wie Statisten in einem Film herum, Touristen sitzen auf einer Mauer. Hubschrauber kreisen über der Stadt.
Ich radele weiter bis mir einer der Polizisten mit herausgestreckten Armen zuruft: "Hier geht's nicht weiter!". Erst jetzt kapiere ich: Ich stehe im Auge des Sturms - der Papst fährt gleich vorbei! Und ich dachte, er wäre im Olympiastadion...Das Verhandeln mit den immerhin freundlichen Polizisten ("und wenn ich ganz schnell über die Straße fahre..?") bringt nichts, unsere größer werdende Gruppe von Fußgängern und Fahrradfahrern kommt weder vor noch zurück - wir sitzen gemeinsam in der Papstfalle.
Ein älterer Herr holt seine Brote aus dem Rucksack, die asiatische Touristin versucht mit dem Stadtplan in der Hand auf Englisch zu verhandeln, eine junge Frau lästert über die vielen knackigen Assistenten vom Papst, die ja auch noch durchfahren müssen. Dann hören wir ein Pfeifen, Motorräder und Autos, die am Rand standen, setzen sich auf einmal in Bewegung. Ein schwarzer Mercedes nach dem anderen fährt vorbei - und, ja - da war er, wir haben den Papst gesehen! "Siehst schon ganz erleuchtet aus", sagt die junge Frau zu mir. Es war wohl die Erleichterung, an diesem Tag doch noch nach Hause zu kommen.




Der Reiz des Berliner Charmes zieht immer wieder neue Einwohner in die Stadt, dazu kommen aber auch Geld und Spekulanten.
Je dreckiger, desto Berliner. Viele Jahren
lang hieß es so: „Arm aber sexy“. Das was quasi das Motto
der Stadt, wie es Bürgermeister Klaus Wowereit in einem
Interview 2003 verkündete. Sicherlich haben auch die vielen
besetzten Häuser, die in fast jedem Berliner Kiez zu finden sind,
dazu beigetragen, den Reiz und den Charme der Stadt zu schaffen. In
dem Foto lässt sich das schon saniert Erdgeschoß sehen,
während die höheren Etagen noch unsaniert „Berliner“
bleiben.
Die Berichterstattung der letzten Jahre ist voller Beispiele von Räumungen. Nach dreißig Jahren müssen die alten Einwohner, einer nach den anderen, umziehen. Der Druck des Kapitals ist kaum zu wiederstehen.




Ich bin umgezogen. Eine Tätigkeit, die der gemeine Berliner etwa alle halbe Jahre vollzieht. Ich hatte es immerhin sechs Jahre in der chaotischen aber sehr spannenden Oranienstrasse ausgehalten. Vom Fenster meines WG-Zimmers aus konnte ich in dieser Zeit filmreife Autounfälle, wütende Demonstranten, schwankende Transvestiten am Samstagmorgen beobachten. Meine Fahrräder wurden regelmäßig geklaut oder zu bizarren Skulpturen von Autos zusammengefahren. Einmal rannte ein panisches Pony die Strasse entlang, das erflogreich aus dem Streichelzoo weiter hinten in der Adalbertstrasse ausgerissen war.






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