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Film

Was gibt's Neues und Interessantes in den Berliner Kinos?

European Shooting Stars 2013 – Mikkel Boe Følsgaard

Interview: Christiane Lötsch // Fotos: Katarzyna Świerc

Ein Shooting Star mit jungenhaftem Charme. Der Däne Mikkel Boe Følsgaard begrüßt im lässigen Karohemd und einem offenen Lächeln die Journalisten im Hôtel de Rome. Seit er 2012 den Silbernen Bären als bester Schauspieler im Film "Die Königin und der Leibarzt - Eine königliche Affäre" gewonnen hat und der Film eine Oscar-Nominierung für den Besten fremdsprachiger Film bekommen hat, wird der 28jährige auf dem europäischen und internationalen Filmmarkt heiß gehandelt.

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Mikkel, wie ging es nach Deinem großen Erfolg letztes Jahr für Dich weiter?
Nun, ich habe endlich meinen Abschluss an der Statens Teaterskole in Kopenhagen gemacht. Zwei Tage, nachdem ich den Silbernen Bären gewonnen hatte, war ich wieder zurück in meinem Alltag in der Filmschule.

Jetzt bist Du zurück. Was hat sich seit der letzten Berlinale für Dich geändert?
Ich stehe dieses Jahr viel mehr im Rampenlicht. Letztes Jahr konnte ich mich hinter der Filmcrew von "Die Königin und der Leibarzt - Eine königliche Affäre" verstecken, dieses Jahr stehe ich voll im Zentrum der Aufmerksamkeit. Aber ich liebe dieses Festival. Immer wenn ich hier bin, gewinne ich einen Preis. Ich mag es, Preise zu gewinnen. Aber das ist nicht der Grund, warum ich Schauspieler geworden bin.

Was waren denn Deine Beweggründe, diesen Beruf zu ergreifen?
Ich will Geschichten erzählen, Charaktere spielen, das Publikum unterhalten. Ich will Menschen durch die Person, die ich spiele, berühren. Im Grunde ist es mir egal, ob ich in einem Sci-Fi-Film, einem Wikinger-Film oder einem historischen Film mitspiele, Hauptsache ich bin von der Geschichte fasziniert.

Wer sind Deine schauspielerischen Vorbilder?
Daniel Day Lewis, Leonardo Di Caprio oder Brad Pitt sind Schauspieler, die nicht nur vorgeben, jemand anderes zu sein, sondern es auf der Leinwand wirklich sind. Mein Mentor Mads Mikkelsen (Gewinner des Europäischen Filmpreis 2011) hat mir geraten, weiterhin Theater zu spielen, weil man dort eine Geschichte von Anfang bis Ende spielen muss. Der Arbeitsprozess ist nicht so zerhackt wie beim Filmemachen.

Würdest Du auch einmal in einer Hollywood-Produktion mitspielen?
Klar, wenn sich die Gelegenheit dazu ergibt!

Gäbe es dann nicht ein Sprachproblem?
Es stimmt, wenn ich auf Englisch drehe, überlege ich die ganze Zeit, ob meine Aussprache richtig ist. Als Schauspieler sind wir aber Weltenbürger, wir müssen andere Sprachen lernen, wenn es die Rolle erfordert. So wie ich auch Klavierspielen lernen würde, wenn es im Drehbuch steht. Wenn ich in einer anderen Sprache spreche, fühle ich auch anders. Das muss beim Zuschauer ankommen.

Denkst Du, dass die European Shooting Stars Dir dabei helfen können?
Also, wenn man daran denkt, dass Daniel Craig auch ein Shooting Star war, dann ja. Es ist aber immer eine Frage des Glücks. Man kann so gut sein wie man will, man braucht immer Glück oder aber den Willen, dass man sich sein Glück selbst schaffen kann.

Videointerviews mit den 10 European Shooting Stars auf cineuropa.org und nisimasa.com

European Shooting Stars 2013 – Saskia Rosendahl

Interview: Christiane Lötsch / Fotos: Katarzyna Świerc

Saskia Rosendahl ist der jüngste European Shooting Star. Dass die zierliche, zarte Hallenserin erst 19 Jahre alt ist und vor einem Jahr ihr Abitur geschafft hat, vergisst man sofort, wenn man ihren überlegten Kommentaren über ihre erste Hauptrolle im Film „Lore“ (Cate Shortland, 2012) hört und in ihre bestechend klaren Augen schaut.

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So jung und schon Filmschauspielerin - Wie bist Du dazu gekommen?
Ich tanze schon seit Jahren Kinderballett der Oper in Halle, da war es nicht weit zur Schauspielerei. Die Tochter meiner Ballettlehrerin hat mir Namen von Schauspieler-Agenturen gegeben, bei denen ich mich beworben habe. Dann kam das E-Casting für die Rolle der Lore und dann ging alles ganz schnell. Ich bin da so „reingestolpert“.

Wie hast Du Dich auf die Rolle der Lore vorbereitet?
Ich habe zwei Wochen lang intensiv mit der Regisseurin Cate Shortland diskutiert; die Familie ihres Mannes ist in den 30er Jahren von Deutschland nach Australien ausgewandert. Ich habe auch Filme gesehen, BDM-Lieder angehört. Nach einer Weile habe ich mich dann so gefühlt, wie Lore sich gefühlt haben muss. Ich konnte ihren Gedanken folgen, was nicht heißt, dass ich komplett verstanden hätte, warum sie an die Nazi-Ideologie geglaubt hat.

internet0010.jpg und nisimasa.com

Und wie hat sich das angefühlt?
Es war paradox. Mein Körper hat sich zum Beispiel gewehrt, den Hitler-Gruß zu machen. Da musste ich in gewisser Weise gegen mich selbst arbeiten. Dann habe ich verstanden, dass man die Figur, die man spielt, nicht beurteilen darf, weil sich das Spiel dann nicht mehr natürlich anfühlt. Es war schwierig für mich, das alles hinter mir zu lassen. Ich musste mir sagen: Das gehört zu Lore nicht zu mir und für sie ist es normal, also tue ich es einfach!

Kannst Du Dir vorstellen, ein Leben lang Schauspielerin zu sein?
Ich bin noch auf der Suche. Nach dem Abitur wollte ich mir eigentlich die Zeit nehmen, mich auf die Suche zu machen, aber dann kamen Drehs oder Veranstaltungen wie diese dazwischen. Das hat die Zeit so zerhackt. Inzwischen denke ich, es wäre gut, noch ein zweites Standbein zu haben. Man kann ja zwischen den Drehpausen nicht immer nur zu Hause herumsitzen. Man weiß nie, was als nächstes kommt. Und wovon soll ich mal eine Familie ernähren? Aber ich weiß, dass ich Schauspielern möchte. Als nächstes kommt der nächste Film, in dem ich mitspiele, in die Kinos: „Wir sind jung, wir sind stark“ (Regie Burhan Qurbani). Da freue ich mich schon drauf!

Videointerviews mit den 10 European Shooting Stars auf cineuropa.org und nisimasa.com

Berlinale 2013: Erste Stars gesichtet

Fotos: Katarzyna Świerc, Text: Christiane Lötsch

Noch ist alles ruhig vor dem Berlinale Palast... Vorbereitungen.jpg

...die Übertragungswagen begeben sich in Stellung Medienvorbereitung.jpg

...das Babel Team übt sich in interkultureller Journalisten-Verständigung Cafebabelfans_aus_Asien.jpg

- doch da! Die Berlinale-Jury in voller Besetzung!!! Jury.jpg

...und ein schüchterner Tim Robbins, der winkt. Tim_Robbins_winkt.jpg

Ein aufregender erster Berlinale-Tag. Weitere Fotos von unserer Fotografin Katarzyna Świerc und Artikel, Interviews und Rezensionen folgen in Kürze!

Jung, talentiert, europäisch: Das sind die SHOOTING STARS 2013

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Jedes Jahr zur Berlinale werden von der European Film Promotion (EFP) zehn außergewöhnliche Schauspieltalente als SHOOTING STARS ausgezeichnet. Gerade eben wurden die Auserwählten für 2013 bekannt gegeben, die zur 63. Berlinale, in der Zeit vom 9.-11. Februar dem filmaffinen Publikum und dem Filmmarkt präsentiert werden.

Eine Expertenjury hat zehn Schauspieler gewählt, die durch besondere schauspielerische Leistungen aufgefallen sind und denen eine vielversprechende internationale Karriere vorhergesagt wird - und natürlich möchte man mit der Initiative SHOOTING STARS auch den weltweiten Markt auf den europäischen Film aufmerksam machen.

Trommelwirbel, bitte:

Die SHOOTING STARS 2013 sind:

DÄNEMARK: Mikkel Boe Følsgaard nominiert vom Danish Film Institute

mikkel © Nicolas Tobias Følsgaard



Filme: A Royal Affair (En kongelig affære) von Nikolaj Arcel (Dänemark 2012) The Keeper of the Lost Causes (Kvinden I Buret) von Mikkel Nørgaard (Dänemark 2013)

Kommentar der Jury: “Wer ihn in 'A Royal Affair' gesehen hat, weiß dass er einfach jede Rolle spielen kann. (...) Emotionen muss er nicht künstlich hervorrufen, sie sind einfach da. Wie ein Wunder.”

FINNLAND: Laura Birn nominiert von der Finnish Film Foundation

laura © Kia and Henrik Karlberg

Filme: Purge (Puhdistus) von Antti Jokinen (Finnland 2012) Naked Harbour (Vuosaari) von Aku Louhimies (Finnland 2012) August Fools (Mieletön Elokuu) von Taru Mäkelä (Finnland, 2013)

Das sagt die Jury: “Laura Birns Performance in 'Purge' war sehr komplex. Der Weg, den ihr Filmcharakter gewählt hat, war schwer nachvollziehbar, doch durch ihre schauspielerische Leistung konnte der Filmzuschauer die Entscheidungen verstehen und akzeptieren ".

FRANKREICH: Christa Théret nominiert von uniFrance Films

christa © Carole Bellaiche / H&K

Filme: La Brindille (Twiggy) von Emmanuelle Millet (Frankreich 2011) Renoir von Gilles Bourdos (Frankreich 2012) Freeway (Voie Rapide) von Christophe Sarh (Frankreich 2011)

Begründung der Jury: Uns hat die Reife ihrer Interpretation der Figur in 'La Brindille' beeindruckt. Sie ist eine sehr präzise Schauspielerin, die in die Tiefe geht und somit niemals in die Falle tappt, zu sentimental zu agieren. Wir lieben die Mischung aus Zerbrechlichkeit, Melancholie und Charisma."

DEUTSCHLAND: Saskia Rosendahl nominiert von German Films

saskia © Peter Hartwig

Filme: Lore von Cate Shortland (Germany, Australien, GB, 2011) Happy Birthday (Zum Geburtsag) von Denis Dercourt (Deutschland, Frankreich 2013)

Das sagt die Jury: “Saskia hat eine unheimlich Breite von Emotionen in ihrem Repertoire - und dazu braucht sie nur sehr wenig Worte. Sie ist ein wahres Naturtalent und mnit 'Lore' hat sie ein sehr beachtliches Debüt hingelegt."

ITALIEN: Luca Marinelli nominiert vom Istituto Luce Cinecittà

luca © Fabio Lovino

Filme: Every Blessed Day (Tutti santi giorni) von Paolo Virzì (Italien 2012) Nina von Elisa Fuksas (Italien 2012) The Solitude of Prime Numbers (La solitudine dei numberi primi) von Saverio Costanzo (Italien 2009)

Jury-Kommentar: ''“Sein hypnotischer, intensiver Blick, wie ihn nur wenige Schauspieler haben, gibt 'Every Blessed Day' eine ganz besondere Note. Seine zurückgenommene Art zu schauspielern haben wir so noch nie zuvor gesehen.” ''

REPUBLIK KOSOVO*: Arta Dobroshi nominiert vom Kosova Cinematography Center

arta © L. Bejta

Filme: Three Worlds (Trois Mondes) von Catherine Corsini (Frankreich 2012) Baby von Daniel Mulloy (GB 2010), Kurzfilm Lorna’s Silence (Le Silence de Lorna) von Jean Pierre & Luc Dardenne (Frankreich 2008)

Begründung der Jury: “In 'Three Worlds' zeigt diese Schauspielerin eine große Portion an Wärme und Menschlichkeit auf. Ihre sensible und schlaue Art nimmt die gesamte Leinwand in dem Moment ein, in dem sie im Film auftaucht. Eine überwältigende schauspielerische Leistung.”

RUMÄNIEN: Ada Condeescu nominiert von Romanian Film Promotion

Ada © Strada Film

Filme: Loverboy von Catalin Mitulescu (Rumänien, Slowenien 2011) Wolf (Lupu) von Bogdan Mustata (Rumänien, Deutschland 2013) If I Want to Whistle, I Whistle (Eu cind vreau sa fluier, fluier) von Florin Serban (Rumänien, Slowenien 2010)

Begründung der Jury: “In 'Loverboy' beeindruckt Ada Condeescu mit ihrem Schauspiel: sie ist sinnlich, liebevoll und überzeugend. Die Kamera liebt sie, ohne dabei vulgär oder voyeristisch zu werden.”

SLOWENIEN: Jure Henigman nominiert vom Slovenian Film Centre

jure © Urska Kosir



Filme: A Trip (Izlet) von Nejc Gazvoda (Slowenien 2011) Feed me with your Words (Nahrani me z besedami) by Martin Turk (Slowenien 2012)

Kommentar der Juryt: “Die Art und Weise, wie er eine Bandbreite von Emotionen über sein Gesicht transportiert ist zugleich präzise und faszinierend. IN 'A Trip' zeigt er sein Talent auf natürlichste Art und Weise.”

SCHWEDEN: Nermina Lukač nominiert vom Swedish Film Institute

nermina © Amerisa Lukac



Filme: Eat Sleep Die (Äta Sova Dö) by Gabriela Pichler (Schweden 2012)

Das sagt die Jury: “Sie trägt den gesamten Film auf ihren Schultern. Wir sind von ihrer Leistung in 'Eat Sleep Die' so beeindruckt, dass wir es kaum erwarten können, mehr von ihr zu sehen. Wir glauben an die Aufrichtigkeit ihres Charakters zu jedem Zeitpunkt des Films, und das schafft ein tiefes Einfühlvermögen, das den ganzen Film lang anhält.”

SCHWEIZ: Carla Juri nominiert von Swiss Film

carla © Christoph Köstlin



Filme: Someone Like Me (Eine wen iig, dr Dällebach Kari) von Xavier Koller (Schweiz 2012) Fossil von Alex Walker (GB 2012) 180˚ von Cihan Inan (Schweiz, Deutschland 2010)

Kommentar der Jury: ''“Sie hat eine große Begabung darin, Menschen mit Geheimnissen darzustellen. Ihr romantisch anmutendes Gesicht versteckt ihre faszinierende Fähigkeit, das Publikum immer wieder damit zu überraschen, was ihre Figur als nächstes tun wird.” ''

Die SHOOTING STARS 2013 erwartet ein dreitätiges Programm während der Berlinale, darunter Face-to-Face Interviews mit internationalen Casting Direktoren, mehrere Präsentationen vor dem Who-is-who der internationalen Filmindustrie, eine Pressekonferenz, Fotoshootings und ein Workshop. Höhepunkt des Programms ist die Preisverleihungsgala, bei der jedes Talent den SHOOTING STARS Peris erhält.

Im Berlin.Babel.Blog werden wir Euch im Lauf der Berlinale einige der Schauspieler noch genauer vorstellen, wir können es kaum erwarten, bis es endlich Februar ist!

Hier geht's zur SHOOTING STARS Website: http: www.shooting-stars.eu

Kinematografie heute: Serbien

von Betina Hurtic

Das Zeughauskino im Deutschen Historischen Museum präsentiert vom 2. bis 30. Mai 2012 eine umfangreiche Filmschau des zeitgenössischen serbischen Kinos. Bernd Buder wirkte an der Programmgestaltung mit und gibt im Interview einen Einblick über die aktuelle serbische Filmszene.

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Berlinale: Warum ich "Cesare Deve Morire" nicht gesehen habe

What a suprise! Das ging wohl nicht nur mir durch den Kopf, als „Cesare Deve Morire“(Caesar Must Die) den Goldenen Bären für den besten Film der diesjährigen Berlinale erhalten hat. Wieder einmal hat sich die Berlinale-Jury gegen die Favoriten entschieden, die schon im Vorfeld und während der Screenings als heiße Kandidaten gehandelt wurden. Worum es im italienischen Gewinnerfilm der Regisseurenbrüder Paolo & Vittorio Taviani geht? Er zeigt Häftlinge aus dem Hochsicherheitstrakt des römischen Gefängnisses Rebibbia, die Shakespeare’s „Julius Caesar“ aufführen. Das ist die vordergründige Handlung - natürlich geht es um viel mehr. Das Grundthema des Films ist ein humanistisches Ideal, wie einer der Tavianis (welcher es war, kann ich leider nicht mehr sagen) bei der Bären-Übergabe kundtat: „Egal, was ein Mensch, der im Gefängnis ist, getan hat: er bleibt immer noch ein Mensch“.

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Die internationale Presse wurde ebenso überrascht von der Wahl der Jury wie die Zuschauer und reagiert mit gemischten Gefühlen. Eine „konservative Wahl“, resümiert zum Beispiel das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“. So wird fast einstimmig Christian Petzolds Drama „Barbara“ als verdienter Sieger genannt, doch da hat es nur für einen Silbernen Regiebären gereicht. War hier das Thema zu deutsch, war es im französisch-senegalesischen „Aujourd’hui“ wohl die zu unkonventionelle, stark filmische Umsetzung, auf deren Lasten die Story ging, die ein positives Juryvotum verhindert hat. Der ungarische Beitrag , "Csak a Szél" von Bence Fliegauf erhielt den Grand Prix der Jury – wenn man die widrigen Umstände, unter denen der Film in einem Land, wo Presse- und Meinungsfreiheit derzeit recht problematisch gehandhabt werden, gedreht wurde betrachtet, hätte das Drama über die Roma-Verfolgung eigentlich den Goldenen Bären gewinnen müssen.

Und warum ich „Cesare Deve Morire“ nicht gesehen habe? Um ehrlich zu sein, das Thema hat mich nicht vom Hocker gehauen. Als Dokufreak habe ich schon zahlreiche Dokumentation zum Thema „Theater im Knast“ und ähnliches gesehen, manche davon herausragend, manche davon weniger gut. Dieses Jahr habe ich andere Themen als wichtig erachtet, war ergriffen von Filmen wie „Diaz – Don't Clean Up This Blood“ von Angelo Vicari, der allerdings in der Sektion Panorama, und nicht im Wettbewerb lief. Ist der Sieg nun ein verdienter oder nicht? Diese Frage kann ich nicht mit letzter Gewissheit beantworten, und es ist auch fraglich, ob ich den Film jemals sehen werde. Mit absoluter Bestimmtheit kann ich nur eins sagen: Der spanische Trash-Horror-Streifen„Dictado“ (Childish Games) von Ciprian David ist so ziemlich das Übelste, was es jemals in den Wettbewerb geschafft hat. Insofern kann ich mich mit „Cesare Deve Morire“ vielleicht doch noch anfreunden.

Berlinale Talent Campus: Berlin Today Award

Every Step You Take – unter diesem Motto lief der diesjährige Kurzfilmwettbewerb des Berlinale Campus. Unter 170 Bewerbern haben es fünf Filme ins Finale geschafft, unter denen am Mittwoch der israelische Beitrag Batman at the Checkpoint als Sieger gekürt wurde. Alle fünf Filme hatten als Grundthema die kleinen Entscheidungen, die wir in unserem Leben jeden Tag bewusst oder unbewusst treffen, und die daraus folgenden Auswirkungen. Der praktischen Umsetzung waren dabei kaum Grenzen gesetzt, lediglich die Postproduction sollte in Berlin und Brandenburg stattfinden. Zwei Dokumentationen, zwei Spielfilme und ein Animationsfilm, das ist die Auswahl, die auf der Berlinale uraufgeführt wurde.

Im Animationsfilm A Little Suicide von Ana Lily Amirpour (USA) begleitet der Zuschauer einen Tag lang eine lebensmüde Kakerlake, und sieht die Welt mit den Augen einer der meistgehassten Insekten auf unserer Erde. Am Ende wird man tatsächlich zum Fan dieser nicht gerade ansehnlichen, aber sehr liebenswert dargestellten Kreatur – so muss es wohl auch der Filmemacherin gegangen sein, die erst durch eine ausgesprochene Kakerlakenphobie auf dieses Thema gekommen ist.

alittlesuicide © Peter Himsel

In der Dokumentation A Stands For ABC zeigt Madli Lääne aus Estland den Alltag von Vele aus Liberia, die mit 17 zum ersten Mal in die Schule geht, um dort Lesen und Schreiben zu lernen. Nebenbei wird die schwierige Vergangenheit, geprägt durch Krieg, Flucht und Gewalt des jungen Mädchen dargestellt, die mittlerweile schon Mutter ist. Anrührend porträtiert ist die Annäherung an ihre Tochter, die aus einer Vergewaltigung entstanden ist und zu der Vele anfangs keine Muttergefühle entwickeln konnte.

astandsforabc © Detailfilm

David Lale (Großbritannien) porträtiert in White Lobster drei Schicksale in Nicaragua, in deren Leben das bizarre Phänmoemn des White-Lobster-Kokains irgendeine Rolle spielt. Während Randy eine harte Drogenvergangenheit hinter sich hat, geht Captain Ed tagtäglich die Strände auf und ab um angeschwemmtes Schmuggelkokain zu finden. Das hat Seeman Tiger schon hinter sich, was ihm einige Jahre Knast eingebracht hat – was ihn aber nicht davon abhält, von einem erneuten, lukrativen Fund zu träumen.

whitelobster © Sunday Filmproduktion

Im Gewinnerfilm Batman at the Checkpoint (Rafael Balulu/Israel) werden die alltäglichen Komplikationen im Westjordanland auf interessante Weise filmisch verdeutlicht. Im Stau vor den Grenzkontrollen vor Jerusalem zeigen ein kleiner palästinensischer und ein gleichaltriger israelischer Junge, dass die Freude am Spielen nichts mit der Nationalität zu tun hat. Das jugendliche Gerangel um das Begierdeobjekt, einen Spielzeug-Superhelden, führt letztendlich zu einem Kampf um Haben oder Nichthaben – ein Moment, in der sich schließlich auch die Eltern über die Absurdität der politischen Situation gewahr werden.

batman © Lichtblick Media

Christopher Bisset aus Südafrika macht mit Five Ways to Kill a Man auf die Konsumentscheidungen aufmerksam, die die meisten von uns tagtäglich bewusst oder unbewusst treffen. Hauptcharakter Sam lebt alleine mit seinem Goldfisch Clownface, dach über den Tag hinweg begleiten ihn immer wieder Menschen aus exotischen Ländern. Was die Brasilianerin im Coffeeshop, die philippinischen Kinder in seinem Schlafzimmer und der Scheich an der Zapfsäule macht, wird dem Zuschauer erst nach und nach klar. Ein überraschendes Ende lässt den Zuschauer mit einem leicht mulmigen Gefühl zurück und veranlasst ihn, zumindest ab und an mal über sein Kauf- und Verbraucherverhalten nachzudenken. Das alles schafft Bisset mit einem liebenswert-lakonischen Blick für’s Detail und lässt dabei die Moralkeule im Gepäck stecken.

fiveways © Peter Himsel

Interview mit Christopher Bisset, Regisseur von 5 Ways to Kill a Man

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© Foto: Berlin Today Award

Wie kam es zur Idee für Deinen Kurzfilm? Mein Co-Writer Stephen Hitchcock und ich wollten eine Welt darstellen, in der die Konsequenzen unserer täglichen Entscheidungen, sei es bei der Wahl unserer Kleidung, beim Kaffeetrinken oder beim Tanken, sichtbar gemacht werden.

Lebst Du einen bewusst nachhaltigen Lifestyle und möchtest andere dazu bewegen? Ich versuche,so gut es geht ethisch korrekt zu leben. Natürlich ist das ein sehr subjektiver Ausdruck, aber als Gesellschaft gibt es nochviel für uns zu tun,wenn es darum geht, ethische Entscheidungen leichter zu machen. Damit diese Veränderungen geschehen können, brauchen wir eine Bewegung von Menschen, die anders leben wollen. Undbevor das passiert, müssten die Menschen sich den Folgen der globalen, hyperkapitalistischen Wirtschaft bewusst werden. Wir würden alle gerne von uns denken, dass wir gute Menschen sind und dass wir uns für die Menschen interessieren, von deren Arbeit wir abhängig sind - aber dennoch kauft jeder weiterhin bei H&M ein und trägt Nike-Turnschuhe.

Du kommst aus Südafrika - wie ist die Situation für junge Filmemacher dort? Die Filmindustrie ist dort stark am Wachsen. In Kapstadt finden jedes Jahr einige große Übersehproduktionen statt, es ist also ein sehr guter Ort für junge Filmemacher. Das soll heißen, dass wir technisch gut ausgerüstet sind. Kulturell gesehen haben wir aber noch einen langen Weg vor uns. Die schwierigsten Aspekte des Filmemachens in Südafrika haben mit unserem Bezug zur Gesellschaft zu tun. Ich kann mich nur sehr schwer in den südafrikanischen Film einfühlen, da er sich für mich oft unauthentisch anfühlt.

Was waren die größten Schwierigkeiten, die Euch bei 5 Ways to Kill a Man begegnet sind? Es war ein sehr ambitioniertes Projekt, was die Zahl der involvierten Menschen, Locations und der gesamten Logistik angeht. Glücklicherweise verlief alles nach Plan!

Wie hat Euch die Zeit in Berlin gefallen? Die war: total geil.

Christopher Bisset, vielen Dank für das Gespräch.

Berlinale: Die Jury hat entschieden!


Die Jury: Anton Corbijn, Asghar Farhadi, Jake Gyllenhaal, Charlotte Gainsbourg, Mike Leigh (Präsident), Barbara Sukowa, François Ozon und Boualem Sansal. 


Goldener Bär: Caesar Must Die (Cesare deve morire) von Paolo & Vittorio Taviani
Silberner Bär: Csak a szél (Just The Wind) von Bence Fliegauf
Beste Regie: Christian Petzold für Barbara (Barbara)
Beste Darstellerin: Rachel Mwanza in Rebelle (War Witch) von Kim Nguyen
Beste Darsteller: Mikkel Boe Følsgaard in En Kongelig Affære (A Royal Affair) von Nikolaj Arcel
Herausragende künstlerische Leistung: Lutz Reitemeier für die Kamera in Bai lu yuan (White Deer Plain) von Wang Quan'an
Bestes Drehbuch: Nikolaj Arcel, Rasmus Heisterberg für En Kongelig Affære (A Royal Affair) von Nikolaj Arcel
Alfred-Bauer-Preis: Tabu von Miguel Gomes
Sonderpreis -Silberner Bär: L'enfant d'en haut (Sister) von Ursula Meier

Fotos : Katarzyna Świerc

Berlinale: Türkei zwischen Tradition und Moderne

Mit mehreren Beiträgen ist die Türkei auf der diesjährigen Berlinale vertreten. Dabei werden Bilder von einem Land und seinen Bewohner vermittelt, die manches Klischee im Kopf der Deutschen bestätigen, viele aber auch komplett über den Haufen werfen.

Reis Çelik konnte für sein Kammerspiel Lal Gece (Night of Silence) den Gläsernen Bären für den besten Film in der Sektion Generation einheimsen. Völlig zu Recht – die Enge des Zimmers vermittelt dem Zuschauer ein beklemmendes Gefühl für die innersten Regungen eines ungleichen Paars, das durch eine arrangierte Hochzeit aneinander gebunden wird.

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Auch der österreichische Beitrag Kuma von Umut Dag handelt vom Dauerbrenner-Thema Zwangsehe, diesmal ist der Ort des Geschehens allerdings die türkische Community in Wien. Der Regisseur schenkt dem Zuschauer einen Blick durchs Schlüsselloch in die für viele so fremde Welt muslimischer Traditionen und ein Plädoyer für Freiheit und Selbstbestimmung.

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In der Natur Ostanatoliens spielt sich in Tepenin Ardi (Beyond the Hill) von Emin Alper ein subtiles Drama ab. Der alte Faik bekommt Besuch aus der Stadt von seinem Sohn und seinen Enkeln. Zwischen Birken und Gräsern thematisiert Faik immer wieder die Bedrohung durch die Nomaden, die seinen Ziegen und seinem Weideland an den Kragen wollen – ein Feind, der für die anderen Beteiligten wie auch den Zuschauern unsichtbar bleibt. Ebenso nur am Rande thematisiert und verharmlost werden die psychischen Probleme des Enkels Zafer, der unter einer posttraumatischen Störung leidet. Alper sieht in seinem Film eine Gleichnis zur ungeklärten Kurdenfrage und lässt Zafer am Ende durch seine schizophrenen Wahnvorstellungen in sein Verderben rennen. Das unaufhaltsame Drama wird durch die starken Bilder mit ruhiger Kameraführung und Tamer Levents brillante Darstellung eines labilen jungen Mannes in Szene gesetzt.

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Ganz anders der Blick in die Welt eines jungen Lehrlings in einer Baklava-Fabrik in Anatolien, wo der 16-jährige Mustafa davon träumt, in die große Stadt abzuhauen um ein großer Baklava-Bäcker zu werden. In einem Wechsel aus dokumentarischen und geskripteten Szenen begleitet der Zuschauer in Mustafa’s Sweet Dreams von Angelos Abazoglou den Jugendlichen und seine Kollegen in ihrem Alltag in einer Backfabrik, ihren Gesprächen über Mädchen, Zukunftsgedanken und Erwachsenwerden. Der Film endet ungewiss – im wahren Leben hat es Mustafa geschafft und ist Baklava-Meister in Istanbul, wie er selbst verraten hat.

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© alle Bilder Filmstills Berlinale / © Mustaf's Sweet Dreams: Mesut Tufan

Berlinale Generation: Jung, weiblich, südamerikanisch

Christiane Lötsch

Der moralische Zeigefinger wird in der Sektion GENERATION aus Prinzip nicht erhoben. Marianne Redpath, Leiterin der Sektion, setzt auf Kommunikation in Augenhöhe und traut jungen Kinobesuchern anspruchsvolle Filme aus allen Ländern zu. Die Spiel- und Dokumentarfilme mit außergewöhnlichen Protagonisten erzählen Geschichten von der ersten Liebe, dem ersehnten Beruf, dem Bedürfnis nach Heimat, aber auch die Konflikte mit Traditionen - immer aus der Perspektive der Jugendlichen.

In der diesjährigen Auswahl fällt die große Anzahl von Filmen mit Protagonistinnen aus Südamerika auf. Die Zuschauer treffen Maria in „Un mundo secreto“ (Gabriel Mariño, Mexiko), Yolanda in „Nosilatiaj. La Belleza“ (Daniela Seggario, Argentinien) und Daniela in „Joven&Alocada“ (Marialy Rivers, Chile).

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Filmstill, Internationale Filmfestspiele Berlin

Die jungen Frauen kämpfen um nichts weniger als um ein selbstbestimmtes Leben: Maria begibt sich nach ihrem letzten Schultag auf die Reise quer durch Mexiko. Ihr Ziel sind die Wale, denn ihr Traum, im Bauch eines Wales durch den endloses Ozean zu schwimmen und das Meer zu beobachten, hat sie oft vor den Vorwürfen ihrer Mutter gerettet. Ähnlich geht es Daniela, die dem sektenartigen Glauben und der evangelikalen Erziehung ihrer Mutter ihren Blog „joven&alocada“ entgegensetzt. Hier kann sie endlich sie selbst sein, über Selbstbefriedigung schreiben und mit der Community über Sex mit Frauen und Männern diskutieren. Und darüber, was passiert, wenn man sich in beide gleichzeitig verliebt! Die eigene Kultur ist der Halt des Wichi-Mädchens Yolanda, das in einer argentinischen Familie als Hausmädchen arbeitet. Ihre langen, dunklen Haare sind wie die „Äste eines Baumes“ und werden zum Neidobjekt der gleichaltrigen Tochter Antonella.

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Filmstill, Internationale Filmfestspiele Berlin

Alle Mädchen verfügen über ein Kommunikationsmittel, mit dem sie sich ungezwungen ausdrücken können. Maria schreibt sich selbst Briefe und Texte, die ihr versichern, wie außergewöhnlich und liebenswert sie ist. Yolanda erzählt mit ihren eigenen Worten und in ihrer Wichi-Sprache aus dem Off von ihrer Familiengeschichte. Die geschriebenen Worte sieht der Zuschauer vor verfremdeten Naturmaterialien, die bei genauem Hinsehen als Wasser, Baumrinde oder Erde zu erkennen sind und auf ihren Kultur- und Lebensraum verweisen. Daniela aktualisiert ihren (übrigens wirklich existierenden) Blog täglich mit neuen Einträgen zu ihrem Sex- und Liebesleben, so dass der Zuschauer detailliert erfährt, wie sie die Dinge sieht.

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Filmstill, Internationale Filmfestspiele Berlin

Die einfallsreiche Bildsprache gibt den Filmen eine besondere Ästhetik. „Un mundo secreto“ erzählt Marias Reise in ausgewogen komponierten, ruhigen Einstellungen, durch die sie sich traumwandlerisch bewegt. Geräusche und Stimmen erscheinen oft weit weg, so dass Maria ganz versunken in ihrer eigenen Welt dargestellt wird. Das Spiel mit Schärfen und Unschärfen dirigiert den Blick der Zuschauer und gibt unauffällige Hinweise auf weitere Ebenen der Geschichte. Auch „Joven&Alocada“ spielt mit Nahaufnahmen von Daniela, ihr Blick schwankt zwischen neugierig und verschlossen. Vor allem die geschriebenen Blogeinträge, die auf der Leinwand mitgelesen werden können, die am Evangelium orientierten Blogeinträge, alte Filmszenen, die Danielas Gedankensprünge und Assoziationen bebildern, geben dem Film in manchen Momenten einen erfrischenden Popvideo-Look.

„Un mundo secreto“, „Joven&Alocada“ und „Nosilatiaj. La Belleza“ erlauben einen ganz besonderen Einblick in die Welten junger Frauen in Südamerika, deren Sorgen, Sehnsüchte, Probleme und Ängste letztendlich universell für alle Mädchen dieser Welt stehen.

Berlinale: Warten auf Angelina

Frust wegen der Kälte oder weil der Wunschfilm mal wieder ausverkauft war? Egal - Angelina ist da!

Angelina_Fotowand '' Foto: Kasia Swierc''

Ein Klagelied, das dieses Jahr besonders oft seitens der kritischen wie auch unterhaltenden Presse gesungen wird, ist das Gejammer um die fehlenden großen Stars auf der Berlinale. Während bei den Oscars und in Cannes Hollywoods erste Riege eng gedrängt auf dem roten Teppich steht, werden angeblich nur diejenigen bei arktischen Temperaturen an die Spree geschickt , die sonst keiner haben wollte. Da wird natürlich eine Nachricht wie die von Angelina Jolies Anwesenheit mehr als freudig begrüßt. Als Regisseurin von In The Land of Blood and Honey ist sie angereist, doch Journaille und Fans sind mehr am Star vor ihrer Kameralinse interessiert als an der Künstlerin hinter der Kamera. Wo wohnt sie? Hat sie alle ihre Kinder mitgebracht? Und was macht eigentlich Brad Pitt? Die Ticker laufen heiß mit Meldungen über Angelina-Sichtungen: Angie mit Maddox, Shiloh und Pax im Legoland! Auf dem roten Teppich im goldenen Designerkleid! Im Starbucks mit drei Bodyguards! Die letzte Nachricht erhielt ich übrigens von einem Freund - und zwar genau fünf Minuten nachdem ich eben diesen Coffeeshop verlassen hatte. Spätestens ab da hat es mich auch gepackt, das (Br)Angelinafieber. Ich will sie endlich sehen, die Frau, die Jennifer Aniston den Mann ausgespannt hat, die früher gerne mal innige Zungenküsse mit ihrem Bruder austauschte und die selbst beim Flüchtlingslagerbesuch mehr Glamour versprüht als ich in meinem schicksten Partyoutfit.

Und dann auf einmal scheint sie ganz nah. Am Hinterausgang des Hyatt-Hotels haben die Paparazzi auf ihren Leitern Stellung bezogen, Angelina soll gleich rauskommen und Autogramme verteilen, wie mir ein freundlicher älterer Herr mit Teleobjektiv verrät. Dann sind sie nicht mehr zu überhören, die „Angelina, Angelina“-Rufe und ein wildes Gerangel um den besten Platz am Absperrgitter bricht aus. Ich stehe in zweiter Reihe hinter einer Wand aus Fotojournalisten und Autogrammjägern und sehe: keine Angelina. Knapp zwei Minuten später ist der Spuk vorbei, die Meute löst sich auf und ich sehe noch die Rücklichter der Limousine, in der Frau Jolie es sich wohl gerade gemütlich gemacht hat. „Schön sieht sie aus“, seufzt verzückt ein Teenie mit leuchtenden Augen und geröteten Wangen. Ich mache mich derweil auf nach Prenzlauer Berg. Ich kenne da einen, der kennt eine, die in einem Café am Helmholtzplatz arbeitet, wo Angelina ab und an mal gerne einen Latte zu sich nimmt. Vielleicht setze ich mich dann zu ihr und wir quatschen ein bisschen über Brad, die Kids und das kalte Berliner Wetter.

Berlinale: Marokkanisches Geschichtenpuzzle - "Death for Sale"

von Christiane Lötsch

Ornamentverzierte Moscheen, mit Gemüse und Gewürzen überbordende Märkte, prunkvolle Moscheen, deren Minarette in den blauen Himmel ragen – viele bunte Bilder könnte man sich in einem marokkanischen Film vorstellen. „Death for Sale“ („La Mort à vendre“) bedient keines dieser visuellen Klischees, sondern zeigt modernes Autorenkino von Regisseur Faouzi Bensaïdi.

Death for Sale_2
Filmstill, Internationale Filmfestspiele Berlin

Malik, Allal und Soufiane, junge Männer aus Tétouan, wie sie seit dem Frühjahr 2010 weltweit in den Nachrichten zu sehen sind, sind wütend, enttäuscht und wanken orientierungslos ihrer Zukunft entgegen. Sie haben „nicht genug zum Leben und zu viel zum Sterben“, wie Allal nach einem gelungenen Handtaschenraub über die Stadt schreit. Ambitionen, Hoffnungen und Wünsche der jungen Männer bleiben in verkrusteten Familienstrukturen, politischer Korruption und beruflicher Perspektivlosigkeit stecken. „So kann es nicht weiter gehen.“

Ein Hoffnungsschimmer leuchtet auf, als Malik die schöne Dounia trifft. Verführerisch steht sie an einem Geländer, ihre langen dunklen Haare wehen im Wind, sie schaut auf die Berge, die die Stadt umgeben. Ohne Worte, mit sporadischen Bassgitarrenklängen unterlegt, entsteht ein Moment der Unschuld, der Reinheit der ersten Begegnung, wie es sie nur einmal im Leben gibt. Während Malik seiner Dounia seine Cola anbietet und sich die Körper der Verliebten langsam annähern, fliegen im Hintergrund Kassettenbänder wie Papierschlangen durch die Luft. Die Kamera erweitert ihren Blickwinkel nach unten, wo wir Kinder auf einer Müllkippe sehen, die mit dem analogen Müll spielen. Die Poesie des Augenblicks ist aufgelöst. Allal stellt sich zwischen die beiden Verliebten und Soufiane teilt Malik mit, dass Dounia als Prostituierte im Nachtclub arbeitet. Der Hoffnungsschimmer erlischt.

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Filmstill, Internationale Filmfestspiele Berlin

Es gibt viele dieser Momente in Faouzi Bensaidis Film, die erzählerisch wie in einem Puzzle angeordnet sind. Momente der Hoffnung, die ihr Scheitern jedoch schon beinhalten. Soufiane, der nach einem Handtaschenraub von Jugendlichen malträtiert wird und von aus dem Nichts auftauchende Männer gerettet wird – es sind radikale Islamisten, die Soufiane und viele andere junge Männer in den Bergen für ihre Zwecke ausbilden. Allal, der einen großen Coup plant, der von Anfang an nicht gelingen kann. Malik, der sich dem scheinbar hilfsbereiten Inspektor Dabbaz anvertraut, viel Geld verdient, und der ihn doch nur als Spion für seine Zwecke einsetzen will. Die Poesie des Scheiterns ist eine ganz besondere.

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Filmstill, Internationale Filmfestspiele Berlin

Nichts ist so, wie es scheint, jeder ist auf sich allein gestellt, selbst Liebe und Freundschaft sind verkäuflich – das der Film nicht pessimistisch, sondern klug-nachdenklich gelungen ist, liegt daran, dass es immer eine zweite und dritte Ebene gibt, die durch filmische Mittel erzählt werden. Puzzlestück für Puzzlestück entfaltet sich die Geschichte. Kameraschwenks zeigen die andere Seite einer Szene, Übergänge von Nahaufnahmen zu Totalen erweitern den Raum und Bedeutungsebenen, am Ende steht das Bild sogar auf dem Kopf, so wie Maliks Leben sich am Ende wohl anfühlen muss. Für diese Originalität in Form und Geschichte hätte der Film den Panorama-Publikumspreis verdient!

Interview mit Faouzi Bensaïdi

Faouzi Bensaïdi, 1967 in Meknes (Marokko) geboren, ist einer der wichtigsten zeitgenössischen Filmregisseure Nordafrikas. Nach Engagements am Theater als Schauspieler und Regisseur, wurde er 2003 mit seinem ersten Langspielfilm "Mille Mois" auf dem Festival in Cannes bekannt. Nach seinem zweiten Langspielfilm "WWW - What a Wonderful World" folgt 2011 "La Mort à vendre", beide Filme bestechen durch ihre visuelle Bildkraft. Bensaïdi tritt in seinen Filmen auch als Schauspieler auf. In "La Mort à vendre" spielt er den zwielichtigen Kommissar Dabbaz.


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Wie schaffen Sie es, die verschiedenen Teile der Geschichte miteinander zu verbinden? Ein Film besteht aus mehreren Schichten, die sich übereinanderlegen, die sich aber letztendlich aufheben, um in einem kohärenten Ganzen zu funktionieren. Wenn man sich die einzelnen Teile anschaut, die die Geschichte oder Form eines Films ausmachen, dann verhalten sie sich fast gegensätzlich zueinander. Darin besteht die Kunst des Inszenierens.

Welche Empfindungen werden durch den Film beim Zuschauer angesprochen? Wenn ich mir die Reaktionen des Publikums anschaue, dann erkenne ich die Kraft und die Energie der Schauspieler und ihrer Figuren, die den Film durchdringen. Hinzu kommen Gefühle der Melancholie, des Verlusts, der Schwierigkeit des Seins.

Sie arbeiten mit vielen filmischen Mitteln, um die Geschichte zu erzählen. Wie wichtig ist Ihnen die Ästhetik eines Films? Eigentlich erzähle ich immer die gleiche Geschichte…es interessiert mich vielmehr, WIE man sie erzählt. Es geht mir aber nicht um die Form als Selbstzweck, aber ich glaube fest daran, dass das Tiefe, das Wahre, das Interessante einer Geschichte in der Form liegt. Sie holt die Geschichte aus der Tiefe an die Oberfläche. Ich bin Filmregisseur, weil ich mich mit den eigenen Mitteln des Films ausdrücken möchte. Kameraeinstellungen und Schwenks, eine bestimmte Art der Montage oder des Schauspielens – daraus entsteht eine unglaubliche Kraft…! __ Allal, Malik und Soufiane werden von den außergewöhnlichen Jungschauspielern Fehd Benchemsi, Fouad Labiad und Mouhcine Malzi gespielt. Wie haben Sie zusammen gearbeitet?__ Das Casting war eine ganz entscheidende Phase. Es reichte nicht, einen guten Schauspieler für jede Rolle zu finden, wir mussten ein Trio finden, das miteinander harmonieren würde. Wir haben sehr viel Zeit damit verbracht, verschiedene Trios zusammenzusetzen und wieder aufzulösen, bis wir endlich Fehd, Mohcine und Fouad gefunden hatten. Danach haben wir lange daran gearbeitet, dass sich die Schauspieler so nah wie ihre Figuren im Film kommen. Die zusätzliche Arbeit bestand darin, gemeinsame Erlebnisse für die drei auch außerhalb der Dreharbeiten zu ermöglichen. Da entstand eine Wahrhaftigkeit im Spielen; man glaubt wirklich, dass die drei seit langer Zeit befreundet wären.

Der Film wurde vor dem arabischen Frühling gedreht. Wie beschreiben Sie die junge Generation in Marokko, ihre Hoffnungen und Erwartungen? Es ist eine Jugend, die zwar nicht mit der ständigen Angst aufgewachsen ist, die jedoch nicht viel Glück gehabt hat. Sie ist in eine Welt der Krise hineingeboren worden, der wirtschaftlichen, politischen und vor allem ideellen Krise. Ihre Rebellion ist nötig, damit die Gesellschaft vorankommt. Es stimmt, dass der Film eine gewisse Verunsicherung, ein Gefühl der Verlassenheit und des Verlorenseins, gleichzeitig aber auch ein Gefühl der jugendlichen Wut und Lebenslust einfängt. Von dieser Jugend, ihrem Engagement und Einsatz, hängt die Zukunft der arabischen Welt ab.



Wie ist die Situation für einen Filmemacher in Marokko heute? Wie hat sich das marokkanische Kino in den letzten Jahren entwickelt? Wir sind in einer glücklichen Situation, wenn man Marokko mit der arabischen Welt oder mit Afrika insgesamt vergleicht, wir erhalten Unterstützung und produzieren etwa zwanzig Langfilme und sechzig Kurzfilme pro Jahr. Ich kann mich ganz auf die Arbeit des Regisseurs, auf meine künstlerischen und moralischen Ansprüche und auf die Arbeit mit den Schauspielern konzentrieren. Ich kann endlich von meinem Beruf leben!

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