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Film

Was gibt's Neues und Interessantes in den Berliner Kinos?

Berlinale: Ugandas Schwule und Lesben im Kampf für Gleichberechtigung

In ihrer berührenden Dokumentation „Call Me Kuchu“ zeigen die Regisseurinnen Katherine Fairfax Wright und Malika Zouhali-Worrall das Leben und den Kampf von schwulen und lesbischen Aktivisten und Aktivistinnen in Kampala, der Hauptstadt Ugandas. Die „Kuchus“, wie sie vor Ort genannt werden, kämpfen mutig gegen die Widerstände eines repressiven Systems für ihre Gleichberechtigung.

Der berühmteste dieser Aktivisten, David Kato, wurde im Januar 2011 ermordet. Knapp ein Jahr nach seinem Tod feiert „Call Me Kuchu“ am 11. Februar auf der Berlinale Weltpremiere. Cafebabel Berlin hatte Gelegenheit, die beiden Regisseurinnen per E-Mail zu interviewen, bevor sie in den Flieger in die deutsche Hauptstadt stiegen.

Katherine Fairfax Wright und Malika Zouhali-Worrall

Katherine Fairfax Wright und Malika Zouhali-Worrall. Fotos von ''Call Me Kuchu''


Cafebabel Berlin: Katherine, Malika, ihr habt es geschafft, den Aktivisten sehr nahe zu kommen. Da ihr beide nicht aus Uganda kommt: War das schwierig?
David Kato war die erste Person, mit der wir in Uganda Kontakt hatten, als wir 2009 noch in Amerika anfingen, für den Film zu recherchieren. Nach unserer Ankunft in Kampala war David auch derjenige, der uns den Mitgliedern der Kuchu-Community vorstellte. Wie sich später zeigen sollte, war dies der entscheidende erste Schritt, um das Vertrauen der Community zu gewinnen. Wir haben uns große Mühe gegeben, alle in der Community sehr respektvoll anzusprechen und genau zu erklären, was wir eigentlich vorhaben. Wir haben auch versucht, klar zu machen, dass wir ihre Geschichten viel stärker dokumentieren wollten, als sie das von den Schnipseln gewohnt waren, die Journalisten normalerweise verlangen. Natürlich gab es Menschen, die nicht gefilmt werden wollten, und wir haben diesen Wunsch selbstverständlich respektiert. Diejenigen aber, die sich entschieden haben, uns ihr Leben zu öffnen, haben das gemacht, weil sie bei einem Projekt mitmachen wollten, das ihre Geschichten nach außen trägt, und wir waren überrascht über die Intimität, die das erzeugt.

Cafebabel Berlin: Ihr habt dabei auch David Kato sehr persönlich kennen gelernt. Wie unterscheidet sich der David Kato, den ihr getroffen habt, von dem öffentlich bekannten Menschenrechts-Aktivisten?
Seit seiner Ermordung wurde David in der Öffentlichkeit mythologisiert und als mutiger und leidenschaftlicher Menschenrechts-Aktivist dargestellt – und das ist auch exakt das, was er war. Aber wir haben in der Zeit, während der wir mit ihm gearbeitet haben, auch einen Mann kennen gelernt, der charismatisch war, aber auch verletzlich; der scharfsinnig war, der aber auch Angst hatte, alleine zu schlafen. Wie bei den Helden jeder Bewegung wurden einige dieser Nuancen überdeckt durch seine Leistungen. Wir hoffen, dass „Call Me Kuchu“ als Charakterstudie hilft, das öffentliche Bild David Katos zu ergänzen, damit die Leute verstehen, dass er ein normaler Mann war, der erstaunlich weit ging, um Ugandas lesbische, schwule, bisexuelle und transgender-Community (LGBT) zu befreien.

Cafebabel Berlin: Was war eure Motivation, gerade nach Uganda zu fahren, und dort einen Film über LGBT-Rechte zu machen?
Wir hatten beide über die Vorlage von Ugandas Anti-Homosexualitäts-Gesetz gelesen und waren zunehmend wegen dessen Konsequenzen beunruhigt. Malika beschäftige sich auch mit dem Fall von Victor Mukasa, einem Transgender-Mann, der, kurz bevor das Gesetz vorgelegt wurde, einen wichtigen Prozess vor dem Obersten Gerichtshof gewonnen hatte. Es war interessant zu sehen, dass einerseits die Unzuchtsgesetze immer noch regelmäßig angewandt wurden und sogar härtere Gesetze im Gespräch waren, gleichzeitig aber das Justizsystem des Landes unabhängig genug war, Kuchus zu gestatten, ihre Rechte einzufordern. Wir haben auch gelernt, dass die Auseinandersetzungen vor Gericht von einer zunehmend organisierten LGBT-Bewegung in Uganda genutzt wurden, um die staatlich sanktionierte Homophobie zurückzudrängen. Wir haben uns darüber unterhalten, nach Uganda zu fliegen, um uns die Situation vor Ort anzuschauen – und schon zwei Wochen später saßen wir an Bord eines Flugzeugs nach Kampala.


Call Me Kuchu


Natürlich hat Davids brutale Ermordung die Entwicklung des Films verändert – und bis zu einem gewissen Grad auch unsere Motivation, an dem Film zu arbeiten. Während wir immer darauf aus waren, die Geschichte von Kampalas Kuchus in der Welt bekannt zu machen, wurde dieses Gefühl nach Davids Tod viel dringender und auch persönlicher. Wir haben mehr oder weniger das ganze letzte Jahr seines Lebens dokumentiert, und, da sein Leben plötzlich gewaltsam beendet wurde, endete es in der Zeit, als er auf dem Gipfel seiner Aktivität war. Als seine Philosophie am konkretesten und seinen Reden am besten formuliert waren, seine Stimme am kräftigsten und sein Verständnis für die Komplexität der Situation am stärksten. Wir beide haben deshalb die Verantwortung empfunden, sein Leben damit zu ehren, dass wir den besten Film machen, der uns möglich war, und dafür zu sorgen, dass er so viele Menschen wie möglich erreicht.

Cafebabel Berlin: Denkt ihr, dass der Film einen politischen oder sozialen Effekt haben wird?
Während die ugandische LGBT-Community mit Sicherheit unter der scharfen staatlich-gelenkten Homophobie leidet, sind viele der Kuchus, die wir getroffen haben, keineswegs nur Opfer. David Kato und die anderen Aktivisten haben hart gearbeitet, um ihr Schicksal mit allen möglichen Mitteln zu ändern: durch die ugandischen Gerichte, durch die Vereinten Nationen, durch die internationalen Medien. Im Ergebnis ist „Call Me Kuchu“ eine nuancierte Geschichte von Emanzipation und Verfolgung.

Cafebabel Berlin: Was hat sich für euch persönlich durch „Call Me Kuchu“ verändert?
Die wichtigste Erfahrung für uns beide war, die dem Filmemachen innewohnende Verantwortung deutlich vor Augen zu haben, besonders, wenn der Film von echten Menschen und umstrittenen Angelegenheiten handelt. In unserem Fall bedeutete diese Verantwortung nicht nur, kreativ und dennoch richtig die Lebensverhältnisse der Protagonisten darzustellen, sondern auch zu berücksichtigen, welche Folgen der Film für ihre Sicherheit in Uganda haben könnte. Während wir drehten, balancierten wir auf einem dünnen Seil, um sicherzustellen, dass wir intime Geschichten erzählen konnten, ohne Informationen preiszugeben, die irgendjemanden gefährden könnten.

Termine:
Weltpremiere: 11. Februar, 17:00, Cinestar 7

12. Februar, 14:30, Cinestar 7

13. Februar, 22:30, Cinestar 7



Den Trailer könnt ihr hier sehen.

Berlinale: Frauenliebe und die Französische Revolution

von Michael Kienzl



Einen Film über die Anfangstage der Französischen Revolution zu drehen ist erst einmal nichts Ungewöhnliches. Was aber den neuen Film des französischen Regisseurs Benoît Jacquot (Villa Amalia) auszeichnet, ist seine Erzählperspektive. Leb wohl, meine Königin! (Les adieux à la Reine), der die Berlinale eröffnete, interessiert sich nicht für das Volk, von dem die Revolution ausging. Er spielt ausnahmslos bei Hofe, widmet sich dort aber weniger den Herrschenden als dem Dienstpersonal, allen voran der jungen Sidonie (Léa Seydoux), Vorleserin von Marie Antoinette (Diane Kruger).


Basierend auf dem gleichnamigen Roman von Chantal Thomas, spielt der Film in einem Kreis Privilegierter, der von den Problemen der Außenwelt kaum etwas mitbekommt. Weltliches wie die Pest dringt höchstens mal in Form einer toten Ratte, die im venezianischen Kanal treibt, durch. Dann machen allerdings Nachrichten die Runde, die vor allem die Herrschenden stark beunruhigen: Das Volk hat die Bastille gestürmt. Als auch noch ein Flugblatt auftaucht, in dem die Köpfe der Adeligen gefordert werden, macht sich Untergangsstimmung breit. Die ersten Koffer werden gepackt.


Obwohl Jacquot an Originalschauplätzen in Versailles gedreht hat, rückt die beliebte Sehenswürdigkeit nur selten ins Zentrum der Aufmerksamkeit. Leb wohl, meine Königin! grenzt sich von den meisten bei Hof angesiedelten Historienfilmen schon deshalb ab, weil die Bilder eher an den Gesichtern der Schauspieler interessiert sind als an Kostümen oder der glamourösen Kulisse. Auch formal setzt Jacquot nicht auf Opulenz, sondern auf Dynamik. Immer wieder folgt eine Handkamera der Protagonistin, wie sie durch die labyrinthischen Gänge des Schlosses hetzt und in neue Winkel vordringt. So intim und lebendig wie Jacquot das inszeniert, vertreibt er effektiv jenen Mief, der so vielen Filmen mit historischen Sujets anhaftet. Ohnehin ist bei ihm die Welt der Monarchen nicht nur glatte Oberfläche, sondern verfügt etwa auch über andere Vorstellungen von Hygiene. In einer der ersten Einstellungen sehen wir Sidonie, wie sie sich erst ausgiebig an den roten Pusteln kratzt, die sich auf ihren Armen befinden, und anschließend an den verfilzten Haaren.


Sidonies Leben ist im Grunde genommen nur darauf ausgerichtet, der Königin zu dienen. Sich hübsch machen, mit Parfüm einreiben und schnell über den Hof hasten, um Marie Antoinette, die sich derweil im Bett räkelt, nicht warten zu lassen. Dass Leb wohl, meine Königin! die Sichtweise der Bediensteten einnimmt, hat auch gerade vor dem Hintergrund der Französischen Revolution durchaus etwas Subversives. Wenn etwa die Dienerinnen am Fenster stehen und über den König und seine Brüder lästern, zeigt der Film die Zwischenposition, die die Bediensteten einnehmen, irgendwo zwischen Abscheu und Faszination für die Welt der Monarchen.


Das ungleiche Machtverhältnis zwischen Herrschenden und Bediensteten bildet schließlich auch die Grundlage für ein Liebesdreieck unter Frauen, das Jacquot mit subtiler Spannung inszeniert. Sidonie fühlt sich zwar sexuell zu einem Diener hingezogen, der als Casanova gilt, ist im Grunde genommen aber vollkommen der Königin erlegen. Während das Volk draußen revoltiert, schafft sie es selbst nach der tiefsten Demütigung nicht aufzubegehren. Marie Antoinette weiß diese Zuneigung zu erwidern und für sich zu nutzten, ist aber in ihrer unerwiderten Liebe zur Herzogin von Polignac ebenso schwach und hilflos. Am Schluss gibt es nur Opfer. Nicht nur der Revolution, sondern auch der emotionalen Verstrickungen.


Diese Kritik wurde zunächst auf Berlinale im Dialog veröffentlicht, unser Partner für die Berlinale.


Die Bärenjagd beginnt!

Liebe Babelianer,

willkommen auf unserem bescheidenen Berliner Blog, der Euch in der nächsten Woche alle Facetten, Farben und Geschichten der Berlinale zu lesen geben wird - auf Französisch, Englisch und Deutsch. Wie jedes Jahr geht es uns bei der Berichterstattung um eine europäisch-transnationale Perspektive.

Mit ihren 62 Jahren hat die vornehme Dame Berlinale ein Alter erreicht, das uns Respekt einflößt, uns aber auch zweifeln lässt, ob und wie sie uns noch überraschen kann. Das Berliner Team ist da, um Euch von den besten Filmen, den Geheimtipps, den seltenen Perlen, die das Festival hier und dort einstreut, zu berichten.

Viel Spaß beim Lesen wünscht die Berliner Babelbande!

Und hier ein erstes Bild vom roten Teppich: Jake Gyllenhaal und Charlotte Gainsbourg aIMG_1346.jpg

Eindrücke von der Berlinale:
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(c) photos : Katarzyna Swierc

Berlinale: Langeweile in Lateinamerika

von Sandra Wickert


Man könnte meinen, in Lateinamerika passiere nicht viel: das Leben plätschert so vor sich da hin, die Einwohner haben sich nichts zu sagen, schlagen ihre Zeit mit Zigaretten rauchen, gelangweilt sein und Musik hören rum. Diesen Eindruck kann man jedenfalls gewinnen, wenn man sich aus den argentinischen Berlinalebeiträgen genau die zwei Filme rauspickt, in denen die Entdeckung der Langsamkeit zelebriert wird. Während es in „Ocio“ (Berlinale Forum) von Juan Villegas und Alejandro Lingenti ein paar jugendliche Tagediebe sind, die sich in einem Vorort von Buenos Aires durch den Tag schweigen, ist es in „Un Mundo Misterioso“ von Rodrigo Moreno (Wettbewerb) der Mittdreißiger Boris, der durch eine Probe auf Trennung, die von seiner Freundin Ana ausgeht, plötzlich zu viel Zeit hat.



Un mundo misterioso


Moreno lässt seinen Filmhelden orientierungslos durch den Tag streifen, wobei ihm die Kamera langsam und stetig bei allem folgt, was er tut. Oder besser: nicht tut. Alle Unternehmungen, die Boris in Angriff nimmt, wirken halbherzig und unmotiviert. Ana zurückgewinnen? Bei zwei kurzen Treffen ihm Café fehlen ihm nicht nur die Argumente, sondern fast gänzlich die Worte. Die Freiheit genießen und sich mit Sex, Drugs and Rock’n’Roll vom Liebeskummer ablenken? Geht nicht, denn aus einer Partyknutscherei wird nicht mehr als eine flüchtige Begegnung, denn auch hier sind es Kommunikationsschwierigkeiten, die ein Vertiefen der Bekanntschaft verhindern. Selbst als Boris sich ein Auto verkauft, kommt nicht viel mehr Bewegung in die Handlung: der rumänische Gebrauchtwagen ist eine echte Schrottmühle und spiegelt den desolaten und hilflosen, aber durchaus liebenswürdigen Zustand seines Besitzers wieder. Quälende zwei Stunden begleiten wir Boris durch sein zielloses Herumirren als Neu-Single, wobei es einige kurze Momente gibt, in denen man mitfühlt und sogar mal lachen muss: in den Momenten, in denen man sich wiedererkennt: das Herumspielen am Handy aus purer Langeweile oder das sich-Fehl-am-Platze-fühlen bei Partyspielen. Leider legt sich die Statik und Sprachlosigkeit der Handlung bleischwer auf den Filmgenuss nieder: das Vergnügen wird erdrückt und nach zwei Stunden tapferen Ausharrens auf dem Kinositz wünscht man sich nur eins: etwas Action, bitte!



Ocio


Einen ähnlichen Ansatz verfolgt Ocio, auch dies ein Film mit geringem Gesprächsanteil. Es werden ein paar typische Tage im Leben von Andrés erzählt, der mit seinem Vater und Bruder in einem Vorort von Buenos Aires wohnt. Viel geredet wird hier auch nicht, allerdings spielen hier Musik und Bilder eine wesentliche Rolle. Der Film basiert auf einem Roman von Fabian Casas, und wenn man den nicht kennt, bleiben einige große Fragezeichen am Filmende stehen. Viele Szenen scheinen keinen Sinn zu machen und einige Aktionen der Beteiligten bleiben unklar, wie auch die beiden Monologe der Nebendarsteller, die einen Großteil des Gesprächanteils des Films ausmachen. Während man sich in Un Mundo Misterioso durch die Zeit des Schweigens quält, schaut man in Ocio den Jungs beim Abhängen eigentlich ganz gerne zu und freut sich, wenn immer mal wieder ein krachiges Gitarenriff die Stille unterbricht. Hier wird zumindest so etwas wie ein sehnsüchtiges, melancholisches Gefühl erzeugt, auch wenn Ocio keinen nachhaltigen Eindruck hinterlässt, einem Musikvideo gleich, dass man sich ganz gerne anschaut, aber auch schnell wieder vergisst.



Karen llora en un bus


Zum Glück gibt es noch Karen aus Karen llora en un bus (Forum) von Gabriel Rojas Verda aus Kolumbien. Die Protagonistin verschlägt es nach zehnjähriger Ehe und einer gesicherten, aber ereignislosen Existenz als Anwaltsehefrau in ein neues Leben, in dem sie zunächst keinen Job, kein Geld und keine Freunde hat. Ganz unten angekommen begleitet der Zuschauer Karen, wie sie sich von alten Gewohnheiten befreit und langsam zu einer neuen, mutigeren und glücklicheren Persönlichkeit findet. Die einst sittsame Gattin aus der Mittelklasse hätte sich wohl früher kaum vorstellen können, sich mit einer Friseuse anzufreunden, vor Hunger nicht schlafen zu können, in Kaschemmen abzuhängen und sogar Fremde um Geld anzuschnorren. Nach und nach wird aus der braven Karen eine selbstbestimmte, glücklichere Frau die sich plötzlich nicht mehr scheut, das zu tun, was sie will und sogar beherzt eine Kakerlake zertritt, vor der sie anfangs schreiend davongelaufen ist. Regisseur Verda erzählt in der anschließenden Q&A-Session von seiner besonderen Liebe zu den Frauen, und das merkt man dem Film in jedem Moment an. „Karen llora en un bus ist übrigens kein Frauenfilm, auch wenn das so scheinen mag. Es ist ein Film über die kleinen, aber stetigen Schritte in Richtung es selbstbestimmten und freien Lebens. Es passiert also doch noch was in Lateinamerika.

Nicht noch ein RAF-Film: Andres Veiels "Wer wenn nicht wir"

Neben der Zeit des Nationalsozialismus zählt die RAF, sowohl ihre Wurzeln als auch ihre Folgen, zu den beliebtesten historischen Themen im deutschen Kino. Schon mehrere Filme haben sich des Themas angenommen und je nach Regisseur - zu den bekanntesten zählen Rainer Werner Fassbinder, Volker Schlöndorff, Christian Petzold und Uli Edel - einen unterschiedlichen Schwerpunkt und eine spezifische filmische Umsetzung gefunden. Andres Veiel stellte mit Wer wenn nicht wir als einen der letzten Beiträge des Berlinale-Wettbewerbs nun seinen RAF-Film Wer wenn nicht wir vor.



Bisher war Veiel als Regisseur von Dokumentarfilmen – allen voran seine ebenfalls der RAF gewidmete Dokumentation Black Box BRD (2001) – sowie der filmischen Adaption seines eigenen Theaterstücks Der Kick (2006) in Erscheinung getreten. Wer wenn nicht wir ist sein erster richtiger Spielfilm und interessiert sich mehr für das Privatleben der späteren Terroristen als für den politischen Hintergrund. Basierend auf Gerd Koenens Buch Vesper, Ensslin, Baader erzählt der Film die unstete Liebesgeschichte zwischen dem Schriftsteller und Verleger Bernward Vesper und Gudrun Ensslin. Dabei wird selbst in den Nebenerzählsträngen das Private mit einbezogen. Bernward kämpft etwa gegen seinen Über-Vater, der zudem noch Ex-Nazi ist, und Gudrun leidet unter ihrem psychisch kranken Bruder.

Die Beziehung zwischen den beiden ist explosiv, besteht aus einem ständigen Streiten und Wiederversöhnen. Veiel weigert sich jedoch – von wenigen Momenten abgesehen – seine Geschichte als Melodram zu erzählen, auch wenn sich das bei dieser Geschichte am ehesten angeboten hätte. Die Folge ist die blutarme Darstellung einer leidenschaftslosen Beziehung, die auch zu einer anderen Zeit an einem anderen Ort hätte spielen können.

Man kann dem Film anrechnen, dass er hinter seiner gewöhnlichen Love-Story zumindest im Kleinen einige interessante Ansätze verfolgt. Veiel weigert sich etwa, die Terroristen zu Ikonen zu stilisieren. Nicht selten wird in den ersten Auftritt einer historischen Persönlichkeit – egal ob nun positiv oder negativ behaftet – ihre gesamte Bedeutung aus heutiger Perspektive hineinprojiziert. Man erkennt also sofort, wer wichtig ist und wer nicht. 



In Wer wenn nicht wir werden Gudrun Ensslin und Andreas Baader in ihren ersten Szenen nicht einmal mit Namen vorgestellt – um wen es sich handelt, so viel traut der Film seinem Publikum dann doch zu, merkt man auch so. Darüber hinaus versucht Veiel den zu Klischees gewordenen Personen neue, aber trotzdem belegte Facetten abzugewinnen. Zuvor gehörte es etwa noch nicht zum Allgemeinwissen, dass Ensslin mal eine Buchrezension für eine nationalistische Zeitung verfasst hat und Andreas Baader in der Schwulenszene verkehrte.

Letztlich nützt das dem Film aber auch nicht viel. Das gewohnte Schema, jüngere Geschichte im Kino zu erzählen, wird auch hier angewandt. Untermalt mit den immergleichen Rocksongs der 1960er und 70er Jahre werden zwischen die Spielszenen immer wider Archivaufnahmen von Vietnamkrieg und Studentenunruhen eingefügt und selbst das qualvoll überstrapazierte „Ich bin ein Berliner“-Zitat von Kennedy wird nicht ausgelassen.

["Wer wenn nicht wir" läuft ab 10. März in deutschen Kinos]

Rezension von Michael Kienzl


In Zusammenarbeit mit Berlinale im Dialog, dem deutschen-französischen Blog des DFJW.

Berlinale: Verloren im Dickicht des Selbst

Der Wettbewerbsbeitrag "The Future" von Miranda July und der Film "Utopians" von Zbigniew Bzymek zeigen das Scheitern im amerikanischen Alltag.

von Christiane Lötsch

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Ein angespannter Yogalehrer, der nach und nach seine Schüler verliert. Eine ungeduldige Tanzlehrerin für Kinder, die „mehr Lehrerin als Tänzerin“ ist. Sowohl Roger in „Utopians“ als auch Sophie aus „The Future“ stehen an einem Wendepunkt im Leben. Sie geben ihre gewohnten Tätigkeiten auf und begeben sich, trotz Anzeichen des kommenden Scheiterns, in das unsichere Nichts eines neuen Lebens. Roger gibt dem Willen seiner Tochter Zoe nach, die – gerade aus dem Krieg zurückgekehrt - ihre schizophrene Freundin Maya aus der Psychiatrie befreien möchte. Zu dritt beginnen sie, ein Haus zu renovieren. Treppengeländer reparieren, Türen abschleifen, Zement anrühren – ein meditativer Weg ins Nichts. Der Hausbesitzer wird nicht mehr hinein gelassen, die drei verstecken sich hinter den Gardinen und vernachlässigen ihre Arbeit. Große Lust hatten sie seit Beginn nicht richtig darauf, die Abnabelung vom Rest der Welt beginnt.

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Ähnlich isoliert lebt das Paar Jason und Sophie in Los Angeles, nur über ihre schicken Apple Computer halten sie Kontakt zur Außenwelt. Ihr formloses Bohemian-Leben in der verrumpelten Wohnung und in vergangenen Träumen („I thought I would be more clever“) ändert sich, als sie beschließen, eine verletzte Katze aufzunehmen. Der letzte Monat in Freiheit muss ausgekostet werden und Jason und Sophie beginnen ihre Suche nach sich selbst. Sie finden unterschiedliches. Während Jason versucht, Bäume für ein besseres Klima zu verkaufen und Sophie keinen einzigen ihrer „30 Tänze in 30 Tagen“, die sie auf You Tube zeigen will, wirklich aufnimmt, entfernen sie sich langsam voneinander. Sophie nimmt Kontakt mit einem Familienvater im Reihenhaus auf und ist besessen von der Idee eines anderen Lebens. Sie will alles ausprobieren und lässt ihr Leben langsam aus dem Ruder laufen.

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Die filigrane Gitarrenmusik in „Utopians“ und die elektronischen Arrangements in „The Future“ betonen die Zerbrechlichkeit der Charaktere, die in einer Gesellschaft mit vielseitigen Ansprüchen an das Individuum nicht zurecht kommen. Auch das helle, fast überbelichtete Licht – beide Filme spielen in Los Angeles - verwandelt die Filme in eine Art Traumwelt. Detailshots und Schwarzbilder verlangsamen die Erzählung, brechen die chronologische Erzählstruktur auf und präsentieren uns Lebensfragmente der Protagonisten. Eine sprechende Katze mit gebrochener Pfote, ein Freund, der die Zeit anhalten kann ein kriechendes T-Shirt in „The Future“ intensivieren die surrealen Momente, die als Rahmen für die eigene Verlorenheit dient. Beide Filme bestechen durch ihre schwankende Atmosphäre, Roger, Jason und Sophie bewegen sich traumwandlerisch durch ihr Leben wie im Auge des Orkans, der sie wenig später davon tragen wird.


Filmstills@Internationale Filmfestspiele Berlin

Berlinale : Schlafkrankheit - Zwischen den Welten

von Michale Kienzl

Sobald Schlafkrankheit vorüber ist, der Abspann über die Leinwand läuft und die sphärische 80er-Nummer „Moments in Love“ von Art of Noise erklingt, sind neben verhaltenem Applaus auch einige Buhs im Berlinale-Palast zu hören. Den Unmut mancher Kritiker muss man aber nicht zwangsläufig auf Ulrich Köhlers neuen Film zurückführen. Vielmehr zeigen sich gerade im Wettbewerb immer wieder Teile der internationalen Presse ignorant gegenüber einem Kino, das keinem Hollywood’schen Ideal folgt. Sobald ein Film keine lineare, sich langsam steigernde und auf einem Höhepunkt endende Geschichte erzählt, ist er misslungen. Bei einem Desaster wie Shahada – der sich immerhin an dramaturgische Regeln hält – im letzten Jahr hat übrigens niemand gebuht. Da traute man sich vielleicht nicht, weil der Film im Namen der Volkerverständigung zumindest ehrenhafte Absichten hatte.

Doch zurück zu Schlafkrankheit, mit dem Ulrich Köhler einen schwerelos schönen Film über Menschen zwischen den Kulturen gedreht hat – die Geschichte ist inspiriert von Köhlers Kindheit in Zaire, wo seine Eltern als Entwicklungshelfer gearbeitet haben. Der deutsche Arzt Ebbo (Pierre Bokma) leistet seit fünf Jahren in Kamerun Entwicklungshilfe und betreut ein Projekt zur Erforschung der Schlafkrankheit. Die Beziehung zur in Deutschland lebenden Tochter ist gestört, und die Frau möchte auch wieder zurück nach Hause. Doch Ebbo bleibt noch in Kamerun und schafft es nicht, sich von seinem neuen Leben zu trennen. Nach einem guten Drittel des Films folgt eine lange Schwarzblende und ein dreijähriger Zeitsprung. Der junge französisch-kongolesische Arzt Alex (Jean-Christophe Folly) macht sich auf die Reise nach Kamerun, um Ebbos Projekt zu evaluieren, und findet einen gebrochenen Mann vor.

Ein vom Westen auf Afrika gerichteter Blick ist immer mit Vorsicht zu genießen. Ulrich Köhler umgeht das Problem einer kolonialistischen Sichtweise auf die dortige Kultur aber weitgehend, indem er von Europäern in Afrika erzählt. Von elitären Ärzten, die sich in einem reichen, weißen Ghetto bewegen und selbst nach Jahren keineswegs in die Gesellschaft integriert sind. Die Figur des Alex bereichert den Film um einen weiteren Aspekt: In Frankreich wird er als Afrikaner gesehen, in Kamerun fühlt er sich dafür umso mehr als Westler. Wenn er Angst hat, dass man ihn beim Zigarettenkaufen übers Ohr haut oder er sich weigert, in ein abgewracktes Taxi zu steigen, schwingt derselbe Chauvinismus mit wie bei seinen weißen Landsleuten.

Das klingt alles nach einem bleischweren Thema, das Köhler aber auf betont schwerelose Weise in Szene setzt. Wer seine Filme Bungalow (2002) und Montag kommen die Fenster (2006) gesehen hat, ahnt schon, dass es sich hier eher um eine Zustandsbeschreibung als eine konventionelle Erzählung handelt. Ohne sich von dramaturgischen Regeln oder Küchenpsychologie einengen zu lassen, öffnet Köhler seinen Film nach allen Seiten, erzählt ein Familiendrama, reflektiert über die Bedeutung von Entwicklungshilfe und zeigt die Unmöglichkeit, als Europäer in einem afrikanischen Land jemals seine Außenseiterrolle zu überwinden. Besonders einnehmend ist Schlafkrankheit durch seine traumwandlerische Stimmung, die sich mit dem Motiv des Schlafes, dem Schwebezustand zwischen den Kulturen und der Einbeziehung mythischer Elemente – etwa einer wiederkehrenden Geschichte über einen Menschen, der sich in ein Nilpferd verwandelt – bis in alle Bereiche des Films erstreckt.

''In Zusammenarbeit mit Berlinale im Dialog, dem deutschen-französischen Blog des DFJW.''

Berlinale-Wettbewerb: ASGHAR FARHADI begibt sich erneut auf Bärenjagd

von Sandra Wickert

Schon 2009 gewann der iranische Regisseur Asghar Farhadi mit „Alles über Elly“ einen silbernen Bären. Mit seinem diesjährigen Wettbewerbsbeitrag „Nader and Simin. A separation“ ist er erneut einer der heißesten Anwärter auf diesen Preis.

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Simin ist eine Frau am Rande des Nervenzusammenbruchs. Endlich, nach ewigem Hickhack hat ihre Familie ein Ausreisevisum erhalten, doch ihr Mann Nader fühlt sich seinem pflegebedürftigen Vater verpflichtet und möchte lieber im Iran bleiben. Um Simin zu halten weigert er sich, in die von ihr eingereichte Scheidung einzuschlagen und somit die gemeinsame Tochter als menschliches Pfand an sich zu binden. Nader ist ein guter Ehemann, seine Tochter liebt ihn, er ist liberal eingestellt und packt auch im Haushalt mit an – keinerlei Gründe, die eine Scheidung für den zuständigen Beamten rechtfertigen würden. Als Simin für zwei Wochen zu ihren Eltern zieht, um ihren Standpunkt klarzumachen, nimmt das Schicksal seinen Lauf.

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„Nader and Simin…“ ist ein vielschichtiger Film: Es geht um Altenpflege, Überforderung der Angehörigen, Verantwortungsgefühl versus persönliche Freiheit, Lügen und Verstrickungen und, fast nebenbei aber ständig präsent, die aktuelle politische und religiöse Situation im Iran. Während Nader und Simin für den fortschrittlich denken, neuen Iran stehen, verkörpert die zur Pflege des dementen Vaters bestellte Haushaltshilfe Razieh den stark religiös geprägten Teil der Bevölkerung. Auf der einen Seite stehen Nader, der die jugendliche Tochter zu selbständigem Denken und Verantwortungsbewusstsein erzieht sowie Simin, die ihrem Mann gegenüber völlig gleichberechtigt ist und sich von nichts und niemandem etwas sagen lässt. Auf der anderen Seite steht die fromme Razieh, die erst eine religiöse Instanz um Erlaubnis befragen muss, bevor sie den Naders Vater, der in seine Hose genässt hat, entkleiden darf.

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Geschickt verstrickt Asghar Farhadi diese Gegenpole zu einer Geschichte, in der plötzlich nicht mehr alles schwarz oder weiß ist, wo nicht mehr klar ist, wer lügt und wer die Wahrheit sagt – und ob es die Wahrheit als solche überhaupt gibt. Was für die moderne Familie Naders als richtig erscheinen mag, kann für Razieh und ihren Mann eine Katastrophe bedeuten. Trotz sozialer Unterschiede sind es, Tochter Termeh eingeschlossen, die drei Frauen, die auf unterschiedlichste Weise versuchen, ihre Familien zu retten, während die Männer eher an ihren eigenen Stolz als an das allgemeine Wohl denken. „Nader and Simin. A separation“ ist anstrengend, weil vieles auf einmal geschieht, weil alle ständig durcheinander reden, weil man oft das Verhalten der Beteiligten nicht nachvollziehen kann, weil man sie rütteln möchte, um sie zur Vernunft zu bringen, weil man ja schon ahnt, dass sich am Ende leider nichts in Wohlgefallen auflösen wird. Realistisch, packend und wichtig: das könnte einen Bären geben.

Filmstills@Internationale Festspiele Berlin

Berlinale : Ausente

von Sandra Wickert

Ausente ist spanisch und heißt „abwesend.“ Abwesend ist in dem Psychodrama um die nicht ausgelebte Homosexualität zwischen einem Lehrer und seinem Schüler vor allem eins: Talent. Ein Verriss.

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Bisher war es Nicholas Cage, der den Dauerpreis in der Kategorie „der Mann mit dem einen Gesichtsausdruck“ für sich beanspruchen konnte. Nun könnte ein junger argentinischer Schauspieler den Hollywoodmimen vom Thron schmeißen. Alejandro Barbero, der in „Ausente“ den Lehrer Juan Pablo mit Gewissenskonflikt darstellt, wechselt nahtlos vom Gesichtsausdruck „wund“ zum Ausdruck „waidwund.“ Potential hat die Story, in der es um die unerfüllte Leidenschaft eines Schülers zu seinem Lehrer geht, grundsätzlich schon und in Ansätzen gelingt es Regisseur Marco Berger auch, so etwas wie psychologisch-spannende Momente zu erzeugen.

Leider kann sich der Film nicht entscheiden, ob er denn nun ein Psychodrama sein will (dafür sprechen die Spielchen, die der Schüler Martín (Javier De Pietro) mit seinem Lehrer treibt, um diesen in die Verunsicherung zu treiben) oder doch lieber ein astreiner Thriller (dafür sprechen wiederum klassische Schockmomente, untermalt mit plötzlich einsetzenden, erschreckenden Klängen). Überhaupt: die Musik. Sie nervt von der ersten Minute an, sie lässt den Film billig klingen, nach Trash-Horrofilm, dabei war das bestimmt nicht so von der Regie gedacht.

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Vieles in „Ausente“ ist nicht nachvollziehbar. Soll es für den Zuschauer gegen Ende des Films eine überraschende Erkenntnis sein, dass Juan Pablo eben nicht nur um seinen Ruf besorgt ist, sondern dass er tatsächlich schwul ist und darunter schrecklich leidet? Eher unwahrscheinlich, denn die Kamera, die von Beginn an über den vor jugendlicher Kraft und sexy Körper des Schülers Martín streift, scheint geradezu die Augenbewegungen von Juan Pablo nach zu verfolgen. Bringt sich Martín am Ende um, in dem er vom Dach springt, oder ist es ein dummer Unfall? Unnötig und konstruiert, denn Martín scheint sich seiner sexuellen Orientierung sicher zu sein und wirkt weder innerlich zerrissen noch am Boden zerstört, auch wenn er sich mitten in der Adoleszenz befindet und natürlich einige Dinge erst mit sich klären muss. Überflüssig auch die Figur Marianas (Antonella Costa), der Freundin von Juan Pablo, die durch ihre Existenz wohl die beiläufige, leidenschaftslose Beziehung der beiden aufzeigen soll, die aber auch einfach nur nervt. Fast schon lächerlich wirken am Ende die Wiederholungs- und Einbildungssequenzen, übersinnlich und mystisch wohl gedacht, was aber ganz schön daneben ging.

„Ausente“ wirkt wie ein halbgarer Versuch eines Filmstudenten, der sich verschiedenster Techniken bedient und daraus seine Semesterabschlussarbeit bastelt. Das ist langweilig, das ist peinlich, das hat eigentlich nichts auf der Berlinale zu suchen. Um diesen Verriss mit einer versöhnlichen Note zu schließen, bleibt zu erwähnen, dass Javier De Pietro mit seiner Verkörperung des Martín eine recht ordentliche Leistung hinlegt, somit ist Marco Berger zumindest zu Gute zu halten, dass er hier mit der Besetzung ins Schwarze getroffen hat.

Filmstills@Internationale Festspiele Berlin

Berlinale : Das Trauma Vergewaltigung – wenn unsichtbare Narben sichtbar werden

von Sandra Wickert

Schwere Kost mit “Lo Roim Alaich“ der israelischen Regisseurin Michal Aviad

Am Anfang ist es ein Zufall, der zwei Frauen eint, die unterschiedlicher nicht sein könnten, die aber ein gemeinsames Schicksal teilen: TV-Journalistin Nira (Evgenia Dodina) erkennt bei einem Dreh im militärischen Sperrgebiet in Israel Polit-Aktivistin Lily (Ronit Elkabetz) die Frau, die einst neben ihr bei einer polizeilichen Gegenüberstellung ihren gemeinsamen Vergewaltiger identifizierte. Dreißig Jahre ist das nun her und beide Frauen scheinen das schreckliche Erlebnis in der Vergangenheit abgeheftet zu haben. Ausgehend von diesem Initialmoment zeigt „Lo Roim Alaich“ von Michail Aviad Stück für Stück auf, wie das Trauma Vergewaltigung nicht nur die Leben zweier Frauen, sondern auch die der sie umgebenden Personen für immer verändert hat.

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Nira will alles mit ihrem journalistischen Auge begreifen. Sie beginnt zu recherchieren, trägt Fakten zusammen, sammelt Aussagen anderer Opfer, sieht Gerichtsakten ein und liest alte Zeitungsberichte. Direkte Konfrontation, sozusagen Schocktherapie und Flucht nach vorn, um das ihr Angetane durch Versachlichung irgendwie fassbar zu machen. Erst nach und nach zeigt sich, dass die Tat, die doch so lange zurückliegt, immer noch ihr alltägliches Leben beeinflusst. Das geschieht in kleinen, subtilen Hinweisen: wenn Nira die Straßenseite wechselt, sobald sie auf einsamer Straße Schritte hinter sich hört, wenn sie erzählt, wie Sex für sie niemals ein normaler Akt sein wird und wie sie versucht, ihre kleine Tochter vor allen Unbillen dieses Lebens zu beschützen.

Während Nira sich Nacht für Nacht an ihre Tochter kuschelt, sucht die toughe Lily Halt in ihrem politischen Aktivismus. Sie scheint stark und mutig, legt sich furchtlos mit Soldaten an, um für ihre Sache einzustehen. Sie hat sich dafür entschieden, ihre Vergangenheit zu verdrängen, doch als Nira auf sie zukommt, bricht die Fassade ein. Ihr oberflächlich gut funktionierendes Leben mit Ikea-Küche, ihrem Job als Fitnesstrainerin und ihrem ansprechenden Äußeren ist längst nicht das, was es scheint. Die Ehe ist schon lange kaputt, mit den erwachsen werdenden Kindern kommt keine normale Kommunikation zustande und eigentlich ist immer noch das junge Mädchen, dem etwas unfassbar Schreckliches angetan wurde und das sich seitdem nicht mehr gefangen hat. Lilys Tochter merkt, dass ihre Mutter etwas mit sich herumträgt: „Manchmal bist du Superwoman und manchmal bist du diese kleine Frau“ – und plötzlich wird aus der starken Person eine unsichere Mutter, die mit Worten ringt, um ihrer Tochter das lange verschwiegene Geheimnis anzuvertrauen. „Spiel nicht das ewige Opfer,“ bricht es aus ihrem Ehemann heraus, als sie ihn anfleht, sie nicht zu verlassen. Dieser Satz, der grausam und kalt klingt, verdeutlicht, wie das lange zurück liegende Ereignis einen großen Kreis zieht um alle Menschen herum, die das Vergewaltigungsopfer umgeben.

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Regisseurin Michail Aviad hat, ausgehend von einem wahren Ereignis, einen Film zwischen Fiktion und Dokumentation über das Verbrechen Vergewaltigung und dessen Auswirkungen im Leben zweier Frauen und deren Familien gedreht. Die Taten des „höflichen Vergewaltigers,“ der seine Opfer zu Zuneigung zwingen wollte, das Verhör, sogar das Muttermal des Täters auf seinem Rücken entsprechen wahren Begebenheiten. Die Story darum, um Nira und Lily, ist fiktiv. Die Regisseurin, deren Motivation für dieses schwere Thema ein zutiefst persönliches ist, möchte mit ihrem Erstlingswerk die Hilflosigkeit, die dieses Trauma mit sich bringt, aufzeigen und die zahlreichen Nebenkriegsschauplätze, die sich nach einer Vergewaltigung auftun. Das sind zum einen die unprofessionelle und entwürdigenden Behandlungen und Befragungen durch Psychiater, Polizisten oder Richter, zum anderen der tägliche Kampf um die Rückkehr zur Normalität.

Der Film braucht eine Weile, um zu seiner vollen Wirkung zu gelangen. Selbst als weibliche Betrachterin wird das Grauen, das dem Thema zu Grunde liegt, nicht immer fassbar. Die nicht inszenierten Original-Tonbandaufnahmen der Verhöre der damaligen Vergewaltigungsopfer gehen erst so richtig unter die Haut, wenn man sie als solche identifiziert hat. Ein leichtes Unwohlsein begleitet den Zuschauer den gesamten Film hindurch, allerdings wird es nie so stark, dass es kaum auszuhalten ist, wie man es aus anderen Filmen mit ähnlichem Thema kennt. Ein guter, aber kein herausragender Film, nicht anklagend, sondern begreifbar machend, das ist Michail Aviad mit „Lo Roim Alaich“ gelungen. Etwas mehr von den Momentne, die einem den Atem stocken lassen, hätte der Film vielleicht noch gebraucht. Als sich Lilys One-night-stand-Bekanntschaft von hinten in der Dusche an sie nähert ist die Spannung, ob dadurch Pandoras Box geöffnet wird und sich Lilys stilles Trauma zu einer akuten Panikreaktion verwandelt, kaum auszuhalten. Lily lässt ihren Liebhaber gewähren. „I hatte Sex gestern Nacht,“ erzählt sie Nira anschließend, „es war großartig.“ „Invisible. Man sieht es ihr nicht an.“ Lässt man den übersetzten Filmtitel und die abschließende Statistik, dass eine von fünf Frauen in ihrem Leben mit Vergewaltigung oder versuchter Vergewaltigung konfrontiert wird, setzt die Betroffenheit dann doch ein – die Message ist angekommen.

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Berlinale: filmische Reisen ins Ich

von Christiane Lötsch

Wer bin ich? Wo komme ich her? Diese Fragen beschäftigen die beiden starken jungen Charaktere Sajid in den Filmen „West is West“ (Andy De Emmony) und Cenk in „Almanya – Willkommen in Deutschland“ (Samdereli Schwestern). Beide Filme antworten mit einer Reise der Protagonisten in ihr Ursprungsland, die das Selbstbild und das Leben ihrer Familien verändert. Lediglich der Erzählton ist unterschiedlich.

Multikulti ist tot? „Almanya – Willkommen in Deutschland“ spielt auf sehr intelligente Art und Weise mit allen erdenklichen Klischees, die Türken von Deutschen haben. Er erzählt ausschließlich aus türkischer Perspektive und so kommt es, dass Axel Milberg als wild stempelnder Beamte folgende Bedingungen an den Erhalt des deutschen Pass knüpft: Mitglied in einem Schützenverein werden, zweimal die Woche Schweinefleisch essen, jeden Sonntag „Tatort“ gucken und in den Sommerferien nach Mallorca fahren. Großvater Hüseyin Yilmaz schreckt aus seinem Alptraum auf.

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Filmstill Almanya - Willkommen in Deutschland
In der Grundschule sagt Cenk, dass sein Opa aus Anatolien komme; doch die Europakarte geht nur bis Istanbul, was der Lehrerin einen bitterbösen Blick von dem kleinen Jungen einbringt. Sein Vater wurde in Deutschland geboren, spricht besser deutsch als türkisch, fühlt sich aber als Türke. „Was sind wir denn nun?“ Durch diese Ausgangsfrage wird ihm die humovolle Geschichte vom Großvater Hüseyin und seiner Frau in Rückblenden an verschiedenen Momenten des Films erzählt. Wie der Großvater dem Ruf (aus den Lautsprechern der Moschee) der deutschen Regierung folgte und mit seinen Hoffnungen und Wünschen nach Deutschland kam - in der nächsten Einstellung sieht man ihn voll bepackt aus dem ALDI kommen. Wie er am Anfang kein Wort von dem versteht, was die anderen ihm sagen („Müh schkul pratti pring klonk wa.“) Wie er seine Familie nach Deutschland holt, die den Jesus am Holzkreuz als Erschreckungsutensil für den kleinen Bruder verwendet. Die Familienreise nach Anatolien – der Großvater hat ein Haus gekauft – verändert Cenks Leben, denn der Großvater stirbt auf dem Beifahrersitz, inmitten seiner Angehörigen. Der Wechsel zwischen Rückblenden und der aktuellen Filmerzählzeit löst sich am Ende des Films auf: alle Generationen sitzen beim Picknick zusammen. Der, der man ist, ist man durch diejenigen, die vor einem, mit einem und nach einem sind.

West is West

Filmstill West is West
Auch Sajid muss eine Lektion lernen. Er ist ein Teenager, wohnt in Nordengland, flucht ständig und wird wegen seines pakistanischen Vaters in der Schule für seine Herkunft gehänselt. Seinen Frust lässt er an seinem Vater aus, so dass dieser beschließt, mit ihm nach Pakistan zu reisen, damit er Respekt und Disziplin lernt. Sajid lernt, aber auf andere Weise, wie der Vater es vorhatte. Er freundet sich mit einem älteren Mann an, der ihm die Geheimnisse und Schätze des Landes zeigt. Sein Sohn ist in Sajids Alter und ein treuer Begleiter durch das farbenfrohe Land. Nach einiger Zeit legt er den englischen Schulanzug für traditionelle Gewänder ab. Zum ersten Mal fühl er sich wohl in seinem Körper. Sajid fädelt sogar die Hochzeit seines Bruders ein, weil dieser wegen seines Vaters, der seine Familie für die Reise nach England verließ, keine Frau bekam. Die langen Kameraeinstellungen auf die magische Landschaft wechseln sich von Zeit zu Zeit mit einer schnellen Handkamera und einem dynamischen Schnitt ab, zum Beispiel, wenn die beiden Jungen den Mädchen auf den Dächern des Dorfes hinterher rennen oder sie von einem Büffel ins Wasser springen. Pakistanische Musik belebt Sajids Suche nach sich selbst auf gefühlvolle Weise.

Dass eine Integrationsgeschichte nicht immer mit Konflikten und Problemen beladen sein muss, beweisen die Schwestern Samdereli in „Almanya – Willkommen in Deutschland“ auf berührende, warme und humorvolle Art und Weise. Sie beenden den Film mit dem Ausspruch von Max Frisch „Wir riefen Arbeitskräfte und es kamen Menschen.“, ein Spruch, der an die Menschlichkeit im Umgang miteinander appelliert und noch immer Gültigkeit besitzt. Auch „West is West“ stimmt versöhnliche Töne an; das Lernen über sich selbst hört nie auf, egal woher man kommt.

Filmstills @ Internationale Festspiele Berlin

Berlinale: Politische Prominenz

Politiker lassen sich auch gern bei der Berlinale feiern. Eine kurze Übersicht der Glamour-Wannabee.


Bettina und Christian Wulff mit Dieter Kosslick



Bettina und Christian Wulff



Claudia Roth und Dieter Kosslick



Angela Merkel und Bernd Neumann




(c) Katarzyna Swierc

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