Über tief sitzende Ängste und neue Hoffnungen der kommenden EU Erweiterung diskutierten Piotr Buras (Autor & Journalist) aus Polen, Marijana Cosic (Theaterautorin) aus Serbien und Anel Spahovic (Doktorand) aus Bosnien mit Karolina Golimowska (Café Babel Berlin), den Orient Express Journalisten aus Kroatien, Türkei und Serbien und vielen Besuchern. Das Kino der Regenbogenfabrik bot eine entspannte Atmosphäre, um Analysen und persönliche Erfahrungen der Redner zu hören und anschließend die gemeinsame Diskussion zu starten.
Wie ist nun die aktuelle Lage in den Balkan-Ländern? Anel wies auf das fehlende bürgerschaftliche Engagement in Bosnien hin, das die Menschen aus ihrer politischen Lethargie aufwecken könnte, die vorangegangene totalitäre Systeme und der Balkan-Krieg hinterlassen hätten. Der Beitritt zur Europäischen Union würde angesichts der momentanen Krise nicht mehr so attraktiv erscheinen; eventuelle Vorteile in ferner Zukunft liegen.
Piotr analysierte, wie der EU Beitritt von Polen ablief und welche Ängste sich als völlig unbegründet erwiesen haben. Zum Beispiel, dass westliche Europäer billiges Land aufkaufen würden, dass die Bauern durch Überflutung von Billigprodukten nichts mehr verkaufen würden oder dass sich die polnische Identität angesichts einer übermächtigen EU auflösen würde. Im Endeffekt sei der polnische Beitritt eine Erfolgsgeschichte gewesen. Vor allem die Fördergelder hätten die Wirtschaft angekurbelt. Laut einer Studie der Bertelsmann Stiftung sind 65% der Polen von der EU begeistert.
Als Autorin wußte Marijana, wie es mit den Ängsten um die kulturelle Identität in Serbien aussieht. Nach den traumatischen Erfahrungen während des Balkan-Krieges bedauert sie nun die wiederkehrenden nationalistischen Einstellungen von Politikern und Menschen. Der "braindrain" von Künstlern und Intellektuellen sei eine Folge. Auch dass die junge Generation trotz Reisefreiheit die Möglichkeit nicht wahrnehmen würde, durch eigene Auslandserfahrungen ihre Perspektive zu verändern. Von stereotypen Vorstellungen zweier junger Serben, die nach Holland reisen, handelt auch ihr aktuelles Theaterstück.
Anel fügte hinzu, dass der Identitätsverlust mit der Befürchtung um politischen Machtverlust einhergehe. Er persönlich erhofft sich vom EU Beitritt weniger bürokratische Hürden für seine Promotion und zukünftige Karriere. Marijana wünscht sich, dass ihre Generation die Welt bald auch ohne Grenzen wahrnehmen könne.
Diese Hoffnungen wurden von einem fulminanten Konzert der Silly Circus Band weiter in den Abend getragen. Papierherzchen flogen durch den Raum, Badeanzüge und Fliegerbrillen betonten die Körper einzelner Bandmitglieder und alle zusammen sangen: "Yes, you can!"
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In Deutschland leben fast 16 Millionen Menschen mit Migrationshintergrund, also Menschen von denen mindestens ein Elternteil oder sie selbst nach Deutschland eingewandert sind. Während die Bundesregierung in vielen Fällen eine Verbesserung der sozialen Lage von Menschen mit Migrationshintergrund verkündet, sind sie absolut gesehen häufig aber schlechter gestellt als Menschen ohne Migrationshintergrund – egal ob nach der Arbeitslosigkeit, dem Bildungsabschluss oder den politischen Beteiligungsmöglichkeiten gefragt wird. Gleichzeitig werden in Deutschland immer weniger Kinder geboren und die Wirtschaft klagt, aufgrund des Fachkräftemangels nicht mehr alle offenen Stellen mit qualifiziertem Personal besetzen zu können. Verschwendet Deutschland also ein enormes Potenzial? Bei einer Podiumsdiskussion im Rahmen des Café Babel-Projekts „Multikulti on the Ground“ nahmen zu dieser Frage am 24. Mai im Berliner taz Café Experten und Bürger Stellung, berichteten von Studien und eigenen Erfahrungen.
Was tun gegen Diskriminierung? Auf dem Podium (von links nach rechts): Integrationsbeauftragte Gün Tank, Café Babel-Redakteurin Christiane Lötsch, Kulturwissenschaftler Gernot Wolfram, Unternehmer Nihat Sorgec
Diskriminiert würden Menschen mit Migrationshintergrund nicht nur von Rechtsextremisten, erklärte Gün Tank, Integrationsbeauftragte des Bezirks Tempelhof-Schöneberg. Probleme gebe es oft auch im Alltag, beim Besuch einer Behörde, oder wenn Menschen trotz gleicher Bildungsabschlüsse keinen Job oder Praktikumsplatz finden, nur weil sie einen fremder klingenden Namen haben. Dabei sei zu beachten, dass die Diskriminierung nicht immer in bösartiger Absicht geschehe, ergänzte Esra Küçuk, Projektmanagerin der Jungen Islamkonferenz. So seien beispielsweise in der Schule Lehrer manchmal mit der Vielfalt in ihren Klassen überfordert. Etwa dann, wenn ein Lehrer in gutgemeinter Absicht beim Thema Islam im Religionsunterricht einen muslimischen Schüler auffordere, islamische Bräuche zu erklären, obwohl dieser unter Umständen gar nicht religiös ist. Hier werde pauschal davon ausgegangen, dass alle Schüler aus einem muslimischen Elternhaus auch religiös seien – während der einzelne Schüler in seiner Individualität nicht mehr gesehen wird.
Warnt vor Begriffskosmetik: Autor Deniz Utlu
Doch was tun gegen Diskriminierung? Der Autor Deniz Utlu warnte vor oberflächlicher Begriffskosmetik: Einfach die Wörter „Ausländer“ oder „Gastarbeiter“ durch das häufig – mangels Alternative auch hier – genutzte Begriffsungetüm „Menschen mit Migrationshintergrund“ zu ersetzen, bringe gar nichts. Denn es bestehe die Gefahr, dass damit auf eine politisch korrekte Weise doch nur die Begriffe „Türke“ oder „Araber“ umschrieben würden. Außerdem enthalte der Begriff keinerlei zeitliche Begrenzung mehr. Nach wie vielen Jahren oder Generationen wird ein Bürger mit Migrationshintergrund zu einem ohne? In eine ähnlich Richtung argumentierte der Kulturwissenschaftler Gernot Wolfram: Gerade bei der Diskussion um soziale Probleme sei Bildung der entscheidende Schlüsselbegriff – nicht der Migrationshintergrund.
Scheinbar chancenlose Jugendliche – viele von ihnen mit Migrationshintergrund – durch mehr Bildung für den Arbeitsmarkt fit zu machen ist auch die Mission von Nihat Sorgec, dem Geschäftsführer des Bildungswerks in Kreuzberg (BWK). „Gerade bei mittelständischen Unternehmen gibt es oft Vorbehalte“, hat er beobachtet. Das BKW reagiert unter anderem mit einem speziellen Praktikumsangebot. Sechs Monate lang arbeiten junge Menschen in Unternehmen mit, während das Bildungswerk in engem Kontakt mit den Betrieben steht. Von dort gemeldete Bildungsdefizite werden gezielt bearbeitet. An erster Stelle steht oft die Sprachkompetenz. „Anders als manchmal gedacht sind viele Jugendliche nicht bilingual kompetent, sprechen also zum Beispiel deutsch und türkisch, sondern doppelt Halbsprachler, weil sie keine Sprache richtig beherrschen“, erklärte er. Der erste Schritt: Mit speziellem Unterricht die Kenntnisse der deutschen Sprache verbessern. Viele Jugendliche würden nach dem Intensiv-Praktikum einen Ausbildungsplatz finden.
Auch innerhalb der Europäischen Union ist der freie Zugang zum Arbeitsmarkt nicht überall gesichert, berichten Zuhörer - etwa, wenn Ausbildungszeugnisse nicht anerkannt werden.
Während Bildungsbarrieren ein Problem besonders der unteren sozialen Schichten sind, leiden bisweilen auch Akademiker. Selbst innerhalb der Europäischen Union ist der freie Zutritt nicht überall gestattet. Eine Zuschauerin, die ursprünglich aus Italien kommt, berichtete, dass dort ihr deutscher Universitätsabschluss nicht anerkannt werde – einem halben Jahrhundert europäischer Einigung zum Trotz.
Foto: Sandra Wickert (1,2) und Maria Halkilahti (3,4,5)
Obwohl sich viele gesellschaftliche Diskussionen in Europa ähneln – vom Umgang mit Migration über die Euro-Krise bis zur prekären Situation vieler Berufsanfänger – halten sich die manchmal hitzigen Debatten erstaunlicherweise oft ziemlich genau an die nationalen Grenzen. Das Transeuropa-Festival will das ändern.
Eine Berliner Legende, auch beim Transeuropa-Festival: Aydin Akin setzt sich für das Ausländerwahlrecht ein. (Foto: Soeren Jonssen)
Damit die Europäer mehr miteinander reden, und weniger aneinander vorbei, organisieren die Festival-Macher von European Alternatives und dem Transeuropa Network in 14 europäischen Städten gleichzeitig das Transeuropa-Kulturfestival. Die lokalen Festivals spulen dabei nicht jeweils ihr eigenes Programm ab, sondern sind eng miteinander verbunden. Wie das aussehen kann, zeigte am vergangenen Mittwoch gleich die erste Veranstaltung des Festivals in Berlin, der Transnational Walk. Rund 80 Teilnehmer spazierten dabei auf einer geführten Tour durch Kreuzberg und Neukölln. An allen Ecken und Enden dieser Tour ließen sie sich Geschichten erzählen, jeweils eine aus den 14 Festivalstädten. Dieselben Anekdoten bekamen die Spaziergänger auch bei den anderen 13 Transnational Walks zu hören. Während also beispielsweise in Berlin eine kurze Geschichte aus Warschau von polnischen Schauspielern vorgeführt wurde, hörten die Spaziergänger in Warschau, Barcelona oder London die Geschichte des Berliner Aktivisten Aydin Akin, der sich auf seinem mit Plakaten vollgehängten Fahrrad seit Jahren für die Einführung des Ausländerwahlrechts einsetzt. „Der Spaziergang hat gut geklappt und war ein super Auftakt“, freut sich Daphne Büllesbach, die das Festival in Berlin koordiniert.
Was kommt?
Auch die kommenden Veranstaltungen haben stets einen Fokus, der über Ländergrenzen hinaus reicht. Am Samstag wird zum Beispiel auf einem Forum über politische Beteiligung und Protest diskutiert. Damit die Diskutanten nicht nur im eigenen Saft schmoren, haben die Veranstalter nacheinander in mehreren Städten zu diesem Thema eingeladen. Einige der Berliner Teilnehmer waren zuvor in anderen Städten selbst dabei. „So können wir sehen: Wie wurde das Thema in Rom diskutiert, oder in Belgrad?“, erklärt Daphne.
Während der transnationale Spaziergang eine Art Warm-Up zum Festival darstellte, beginnt das eigentliche Veranstaltungsprogramm heute. Um 19:15 Uhr gibt’s im Kino Arsenal Kurzfilme zu Arabien vor dem arabischen Frühling zu sehen, anschließend wird mit lateinamerikanischer Musik in der Lupita (Skalitzer Straße 134) gefeiert. Weitere Veranstaltungen stehen dann am Freitag und Samstag auf dem Programm. Wer nach all den Festivaltagen hungrig ist, kann sich auf den Abschluss freuen: Der Künstler Hiwa K telefoniert via Skype mit seiner Mutter, die im Irak lebt. Die beiden kochen gemeinsam mit den Festivalbesuchern ein irakisches Gericht. Und wer mitgeschnippelt hat, darf natürlich auch mitessen.
Transeuropa-Festival, noch bis zum 19. Mai in verschiedenen Locations.
Das Team Märchenbrunnen startet für Café Babel Berlin und wird über die witzigsten Aufgaben, die fiesesten Konkurrenten und neuesten Einsichten schreiben.
Foto: Michał Grelewski
Das Organisationsteam bastelt schon fleissig an den verschiedenen Stationen in Berlin und Lodz, damit ihr in polnisch-deutschen Teams gemeinsam Verstecke suchen, Rätsel lösen und Herausforderungen meistern könnt. All das, ohne dass Ihr Euch aus der eigenen Stadt fortbewegen müsst! Dabei gewinnt ihr nicht nur Einblicke in die jeweils andere Stadt, sondern lernt auch deren Einwohner kennen.
Jeder spricht über den Arabischen Frühling. Die Akademie der Künste ließ in Zusammenarbeit mit dem Instituto Cervantes und der Bundeszentrale für politische Bildung KünstlerInnen aus dem arabischen Raum selbst zu Wort kommen.
Festivaltrailer
Faten Rouissi spannt eine Wäscheleine über die Bühne und hängt auf: Die Liste der 145 politischen Parteien, die sich seit dem Sturz Ben Alis in Tunesien gegründet haben, einen aufgemalten, zugenähten roten Mund, um auf die weiterhin bestehende Zensur und mangelnde Meinungsfreiheit hinzuweisen, vergrößerte Fotografien von Menschen auf der Straße, die mit ihrem Engagement den Arabischen Frühling ausgelöst haben.
Die Lecture Performance „Sprachen der Revolte“ verfolgt den persönlichen Werdegang der Bildenden Künstlerin zur engagierten Bürgerin – mit künstlerischen Mitteln und einer Prise Ironie. Über facebook rief sie zu Happenings im öffentlichen Raum auf. Nachbarn, Freunde und Künstler bemalten ausgebrannte Autowracks auf einem abgelegenen Parkplatz, verkleidete Frauen bügelten die „herrschaftliche Schmutzwäsche“ und umdekorierte Straßenschilder formulierten absurde Verbote: „Zeitgenössische Kunst - für Fußgänger verboten!“. Im Interview betont die energiegeladene Künstlerin, dass die Sprache der Kunst für jeden verständlich sein sollte. „Ich möchte die Bürger Tunesiens aus ihrem Alltag reißen, so dass sie ihre Forderungen an die Zukunft des Landes formulieren können“. An der modernen Kunst würde sie die Augenblicklichkeit und ihr sofortiges Reaktionsvermögen auf die politischen Umbrüche schätzen. Künstler hätten die Aufgabe, Energien zu bündeln, um das Land beim Wiederaufbau zu unterstützen. Eine Art „SOS Culture“ sozusagen.
Ein Jahr nach dem Arabischen Frühling haben sich nicht nur neue Parteien, sondern auch eine Reihe von Künstlerinnen und Künstlern zu Wort gemeldet. Teilweise schon vor der Revolution aktiv, bekamen sie nun mehr Gehör. Die Dokumentarfilme aus Ägypten, Tunesien, Algerien, Syrien und den palästinensischen Gebieten, die in der Akademie der Künste und im Instituto Cervantes gezeigt wurden, vermittelten das Lebensgefühl der Menschen vor und nach der Revolution. Den Künstlern fällt in diesem Prozess eine besondere Rolle zu. Einerseits Teil oder sogar Auslöser der Ereignisse, andererseits außenstehende Beobachter mit ihren Kameras.
Die tunesische Regisseurin Nadia El Fani zum Beispiel geht mit ihrer Kamera an Orte, zu denen sie sonst keinen Zutritt bekommt. In einem Männercafé, dessen zeitungsverklebte Fenster Schutz vor fremden Blicken spenden, filmt sie vermeintlich gläubige Männer, die trotz Ramadan reichlich essen und trinken. Diese alltägliche Scheinheiligkeit möchte sie mit ihrem Film „Ni Allah, ni Maître“ (2011) aufdecken. Die religiöse Praxis könne ihrer Meinung nach im Privaten stattfinden und sollte das öffentliche und politische Leben nicht dominieren. Ein laizistisches Gesellschaftssystem wie in Frankreich könnte sie sich vorstellen und trifft damit den Nerv der Islamisten, die eine Auflösung der islamischen Identität und Nation befürchten. Für ihren Film wird Nadia El Fani in Tunesien angefeindet, aus dem Ausland jedoch unterstützt.
Kritik kommt auch von ihrem Landsmann Ben Hichem Ammar, der dazu aufruft, ein spezifisch tunesisches Modell zu entwickeln und weder amerikanische noch französische Systeme zu kopieren. Die islamische Religion und Tradition als auch die Infrastruktur einer modernen Gesellschaft müssten in diesem Modell integriert werden, damit keine „Gesellschaft mit zwei Geschwindigkeiten“ entstünde. Für seine Filmreportage „La Tunisie vote“ (2011) reiste Ben Hichem Ammar durch das Land, um am Tag der ersten freien Wahlen die Stimmungen, Hoffnungen und Emotionen von jungen und alten, gläubigen und nicht-gläubigen, gebildeten und ungebildeten Menschen in berührenden Nahaufnahmen einzufangen. Allen gemeinsam ist die Freude über die neu gewonnene Freiheit, aber auch die Sorge, wie es mit ihrem Land ökonomisch und politisch weitergehen wird.
Als Amal Ramsis 2010 begann, ihren Film „Forbidden“ (2011) in Kairo zu drehen, war an freie Wahlen noch nicht zu denken. Die ägyptische Regisseurin kämpfte gegen die alltäglichen Verbote, mit denen sie sich nicht abfinden wollte: Küsse und Zärtlichkeiten in der Öffentlichkeit, der Verkauf von digitalen Abspielgeräten oder das Drehen in den Straßen Kairos waren untersagt. Die energische junge Frau drehte trotzdem, als Touristin verkleidet, und fing mit viel Empathie das Leben und die Menschen auf der Straße, aber auch die ständige militärische Präsenz und die endlosen Stahlzäune ein, die alltägliche Wege zu einem labyrinthischen Unterfangen machen. In Privatwohnungen führte sie Interviews mit befreundeten Aktivisten, Journalisten und ihrer Putzfrau, um dem durch Verbote geprägten Lebensgefühl mit viel Ironie und Galgenhumor nachzuspüren. Amal Ramsis wollte sich nicht mit den allgegenwärtigen Verboten arrangieren, wie viele es taten, um ein halbwegs normales Leben führen zu können. In der Mitte des Films wendet sie sich offen an ihren Zensor, der den Film ohnehin verbieten würde. Doch der letzte Tag des Schnitts fiel mit den ersten Demonstrationen auf dem Tahrir Platz zusammen– der Film wird nun ein Denkmal für das Lebensgefühl vor der Revolution.
In moderierten Gesprächen, in Workshops und Podiumsdiskussionen kamen die Künstlerinnen und Künstler während des Festivals selbst zu Wort. In ihren Antworten auf die nicht enden wollenden Fragen des Publikums kamen ihre Wut, ihr Ärger, ihre Sorgen um die Zukunft, aber auch ihr (schwarzer) Humor und außergewöhnliches Engagement zum Vorschein. Viele arbeiten noch immer unter widrigen Bedingungen, mit finanziellen und inhaltlichen Einschränkungen. Neben den Bildern aus Fernsehen und Internet erlaubten die vorgestellten Filme einen tiefer gehenden Einblick in die gesellschaftlichen Umwälzungen im arabischen Raum. Fast alle anwesenden Filmemacher betonten, dass die Regierungen zwar gewechselt haben, Verwaltung und Bürokratie aber weiterhin nach alten Mustern funktionieren würden. Für sie hat der Prozess der Demokratisierung gerade erst begonnen, der alltägliche Kampf geht weiter – mit künstlerischen Mitteln.
Krimitheaterimprovisation beim deutsch-französischen Theaterfestival __La Ménagerie__ im Acud. Christiane Lötsch
Das Prinzip ist kämpferisch: Zwei Teams - die blauen Wasistas und die gelben Bull-dos-sehr - treten auf der Bühne gegeneinander an. Sie spielen in unterschiedlicher Besetzung spontan für einige Minuten lang Szenen, die sie zu wild assoziierten Orten, Situationen und Themen spielen müssen, die sich das Publikum ausgedacht hat. Was sich die jungen Menschen aus Deutschland und Frankreich zu den Überbegriffen "Dem Bären geht ein Licht auf", "Die Toiletten im Schwimmbad" oder "Lidl in Marzahn" ausgedacht haben, kann man nur schwer beschreiben.
Der Abend im Theatersaal des ACUD war ausverkauft und variierte passend zum Sonntag das Thema Krimi "T'as tort!" / "Tatort"; die Teams leiteten den Abend mit einem gemeinsamen Tanz zur Tatort-Melodie ein und spielten die verschiedenen Buchstaben nach. Die Schiedsrichterin - die strenge Marjorie Nadal - und ihr beflissener Praktikant gaben so schwierige Kategorien wie Marionettenkrimi oder gesungener Krimi vor. Meistens starben die Opfer durch Zahnstocher oder Kartoffelmonster.
Eine weitere Herausforderung waren die Sprachen, mit denen die Teams operieren mussten. Nicht nur Deutsch und Französisch, auch die Wüstensprache "Grumelot" oder andere Fantasiesprachen wurden im Wechsel gesprochen und behinderten manchmal die Dynamik des Spiels. Auch fehlte zuweilen die Aufmerksamkeit für die anderen Spieler, so dass einige Szenen aneinander vorbei gespielt wurden. Womöglich hätte es auch geholfen, den Teams eine kurze Phase für die Absprache untereinander zu geben, damit auch nach einer Stunde die Ideen nicht ausgehen.
Am Ende kürte das Publikum die "Wasistas" zum Sieger und eine extrovertierte Jury, die sich hauptsächlich durch Federboas, Vogelohrringe und andere wunderschöne Accessoires auszeichnete, vergab die "Goldene Kralle" und bestimmte die zwei besten Schauspieler. Es sei ihnen gegönnt. Wer so viel Lust und Freude am Spielen hat und keine Schamgrenze kennt, der hat die "Goldene Kralle" verdient.
Eine CaféBabel-Berlin Podiumsdiskussion, am Freitag den 21. Mai, 17 Uhr
im tazcafé, Rudi-Dutschke-Straße 23.
"Arbeit macht arm - prekäre Arbeitsverhältnisse für junge Menschen in
Europa"
Begrenzte Zeitverträge, wenig Kündigungsschutz, zahllose Praktika vs.
Selbstverwirklichung, flexible Arbeitszeiten und kreative
Nischenexistenz: Prekäre Arbeitsverhältnisse sind für junge Menschen in
Berlin und Europa an der Tagesordnung - warum ist das so? Ist Berlin
eine Ausnahme?
Teilnehmer der Podiumsdiskussion sind: Jessica Heyser (politische
Referentin DGB Bundesvorstand, Bereich Jugend), Michael Popp (Team
Europe Deutschland), Philip Eggersglüß (Unternehmer, Songbeat), Lea Chalmont (Chefredakteurin, Berlin Poche), Moderation: Café Babel e.V.
11 Städte, 11 Reportagen, 11 Debatten – das Programm Europe Crisis on
the Ground ermöglicht jungen Journalisten aus ganz Europa die
Auswirkungen der Krise in den europäischen Hauptstädten zu analysieren.
Finanziert von der Europäischen Kommission werden 3 Journalisten, 1
Videojournalist/in und ein/e Fotograf/in vom 20.-24. Mai nach Berlin
reisen und ihre Eindrücke auf der Europäischen Onlinezeitung www.cafebabel.com
veröffentlichen.
Über zahlreiches Kommen freuen wir uns!
Cafe Babel Berlin
„Die Europäische Union hat keine konkrete Grundlage. Sie ist nichts weiter als ein politisches Gebilde, das von elitären Bürokraten regiert wird (die uns nebenbei auch noch die Souveränität wegnehmen).” Soweit ungefähr das Urteil des durchschnittlichen Euroskeptikers. Die Stiftung Alinari aus Florenz, die seit 1852 alle Arten von Fotografie sammelt, will ihn vom Gegenteil überzeugen. Ihre Ausstellung „Europa in Bildern – L’Europa delle immagini” unter der Schirmherrschaft der italienischen Republik und der Europäischen Kommission versucht zu zeigen, dass Europa auf einer großen Zahl verschiedener Kulturen basiert, alle verbunden durch gemeinsame Werte und mit einer gemeinsamen Zukunft. Als Zeugen führen sie 150 Jahre europäische Fotografie an.
Von Sergio Marx
Der erste Teil der Ausstellung besteht aus „Visitenkarten” der 27 Staaten der Europäischen Union. Je vier Fotos sollen die Geschichte und die Kultur eines Landes symbolisieren. Die Bilder, ausgewählt von der jeweiligen Botschaft, zeigen zum Beispiel den Fall der Berliner Mauer, den spanischen König nach dem Tod Francos oder eine Schule der dritten französischen Republik. Der zweite Teil beschäftigt sich mit dem täglichen Leben. Dort sieht man zum Beispiel entspannte Spaziergänger beim Eisessen oder ein klassisches Konzert. Im starken Kontrast dazu erinnert ein lebloser Körper an einem Mittelmeerstrand an die hässlichen Gesichter der Realität, hier das tragische Ende eines gefährlichen Einwanderungsversuches.
Der Besucher kann sich daneben auch in originellen Landschaftsaufnahmen, Bildern von Schauspielern, Intellektuellen oder sonstigen Berühmtheiten verlieren. Die Künstler, von denen die Fotografien stammen, reichen von Eugène Atget bis Brassai, von Henri Cartier Bresson zu Gustave Le Gray oder August Sander. Die Präsentation ist sehr gelungen und ist vor allem wegen der Assoziationen interessant, die sie produziert: Ein Bild von Griechischen Ruinen hängt beispielsweise gleich neben einem Foto von Pablo Picassos „Guernica”. Beide Ruinen trennen Jahrtausende, aber sie gehören doch gleichermaßen zum kollektiven europäischen Gedächtnis.
Die Entscheidung allerdings, die Fotos nur mit ihrem Titel und dem Namen des Künstlers zu versehen, ohne Hinweise auf die Biographie des Portraitierten oder den Kontext des fotografierten Ereignisses, sorgt zwar einerseits für unterschiedliche Assoziationen und Gefühle bei verschiedenen Besuchern, lässt sie aber manchmal auch ratlos zurück. Kennt wirklich jeder die englische Schriftstellerin Virginia Woolf oder die Geschichte der Europäischen Integration gut genug, um zu erkennen, wer sich hinter vier Männern beim Unterschreiben eines Vertrages verbirgt? Immerhin hatte Berlins Parlamentspräsident Walter Momper zur Eröffnung der Ausstellung besonders den pädagogischen Charakter der Ausstellung hervorgehoben. Ohne Kontext erfüllt die Ausstellung diesen Anspruch nicht ganz.
Wo sind Norwegen und die Ukraine?
Mehr noch: Warum musste man die „Visitenkarten” auf die 27 Mitgliedsstaaten der EU beschränken? Damit geht doch die Vorstellung einher, dass die nationalen Kulturen überhaupt erst in der Europäischen Union eine europäische Dimension haben. Es scheint, als würde Europa vor den Toren der EU aufhören. Wäre die Ausstellung 2006 zu sehen gewesen, hätten Rumänien und Bulgarien noch nicht dazugehört, obwohl sie natürlich auch schon damals Teil der geistigen Gemeinschaft Europa waren. Und wo sind Norwegen, die Schweiz, Kroatien, die Ukraine und, ohne den Rahmen des Artikel sprengen zu wollen, die Türkei?
Letztlich verlieren die Bilder selbst aber nichts von ihrem Charme. Falls man also gerade in Kreuzberg unterwegs ist und nichts vorhat, ist ein Abstecher in das Willy-Brandt-Haus durchaus zu empfehlen. Die Ausstellung ist kostenlos, und man kann im gleichen Gebäude noch die Picasso-Ausstellung besuchen.
Willy-Brandt-Haus, Stresemannstr. 28, (U-Bhf. Hallesches Tor) Bis zum 30. März, dienstags bis sonntags, 12 bis 18 Uhr. Eintritt frei, Ausweis erforderlich.
Robert-Bosch-Stiftung, 1. Stock, Plenarsaal. 35 Nachwuchsjournalisten aus elf Ländern kamen hier zusammen. Vom 17. bis 20. Januar wurden sie während der 2. Berliner Babel Akademie von hier aus in Bewegung gebracht. Reportage-Workshop im 3. Stock, Schreibwerkstatt im 4. Stock, Veranstaltungen in ganz Berlin. Vom Weg kam aber niemand ab. Im Gegenteil: Der Weg in den Journalismus sollte mit Tipps von Medienprofis gefestigt werden.
„Journalismus ist eben auch Handwerk“, sagte Georg Baltissen von der „tageszeitung“ (taz) aus Berlin. Und Handwerk lässt sich lernen. Neben Baltissen, der in seinem Workshop die Textsorten „Reportage“ und „Kommentar“ behandelte, vermittelten auch weitere Dozenten ihr Wissen: Meike Dülffer von der europäischen Presseschau im Internet „eurotopics“, Andreas Metz vom Journalistennetzwerk „N-ost“, Inga Majer von „United Visions“ sowie die „tageszeitung“ (taz)-Journalisten Barbara Oertel, Thomas Eyerich und William Totok.
Feilten in Berlin zwei Tage lang an ihrem Können: 35 Nachwuchs-Journalisten aus ganz Europa.
Für manche Einblicke mussten die Teilnehmer größere Distanzen als nur ein paar Stockwerke überwinden. Der polnische Botschafter Marek Prawda empfing sie im äußersten Westen Berlins, im Stadtteil Grunewald. Die weite Anreise belohnte er mit seiner Offenheit. Zu Zeiten der Kaczynski-Brüder hätten ihm die Türen in Berlin offengestanden, weil Polen ständig im Fokus der Öffentlichkeit war. Dafür habe seine Arbeit allerdings mehr aus Schadensbegrenzung bestanden.
Nicht nur der polnische Botschafter machte sein Land mit den Journalisten bekannt. Auch untereinander lernten sie sich und ihre Länder besser kennen. „Die Akademie hat meinen internationalen Freundeskreis erweitert“, zog Stephanie Lehner aus Österreich ihr persönliches Fazit. Sie wird bald eine Teilnehmerin aus Brno besuchen. Gemeinsames Tanzen und Trinken, zum Beispiel im Restaurant „Hell oder Dunkel“ oder im „Roten Salon“ machten den internationalen Kontakt einfacher. Damit wurde auch eines der Ziele von „Jugend für Europa“ erfüllt: Den Austausch unter jungen Europäern zu fördern. Mit den Mitteln der deutschen Agentur für das EU-Programm „Jugend in Aktion“ wurde die Akademie finanziert.
Selbst noch nach dem Ende der Akademie machen sich zwei Teilnehmer auf ihren Weg: Christiane Lötsch aus Berlin und Pim de Kuijer aus Brüssel gewannen den Journalisten-Wettbewerb, zu dem 27 Artikel eingereicht wurden. Der Preis ist ein Recherchekostenzuschuss. Christiane wird in Lodz die Filmhochschule porträtieren, die auch schon Roman Polanski besuchte. Pim berichtet über die Abstimmung zur Unabhängigkeit des Kosovo. Beide Artikel werden demnächst auf Café Babel erscheinen.
Ob Pim dabei auch über Orangen schreiben wird? „Ich wusste nicht, dass Orangen so inspirierend sein können“, sagte er nach der Schreibwerkstatt mit Andreas Metz. Metz platzierte mehrere Orangen auf seinem Tisch. Dann war die Kreativität der Nachwuchsjournalisten gefragt. Das schult die Schreibe - auch wenn Orangen im Berufsalltag eine eher untergeordnete Rolle spielen.
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