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Was'n dit!?

Berliner fragen andere Europäer ... und die Europäer fragen zurück.

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Saturday, 8.03.2008

Was'n dit!? Warum Deutsche gerne Rot sehen

In dieser Serie auf Babel Berlin fragen sich Deutsche und andere Europäer in Berlin regelmäßig in bestem Berliner Dialekt gegenseitig: "Was'n dit!?" Dabei spüren sie die kleinen und großen Merkwürdigkeiten der Stadt auf und versuchen herauszufinden, was es eigentlich damit auf sich hat.
von Karsten Marhold

Wir erinnern uns: In der letzten Folge fragte unser französischer Redakteur Sébastien Vannier die Berliner, ob wir Deutsche nicht ein bisschen zu obrigkeitshörig seien. Erstaunt hatte er nämlich festgestellt, dass deutsche Fußgänger offenbar auch dann an einer roten Ampel stehen bleiben, wenn an der entsprechenden Stelle nie ein Auto kommen kann.

Ich wollte es wissen und habe versucht, in Berlin möglichst immer bei Rot zu gehen. Das Ergebnis des Selbsttests: Es ist ganz schön schwierig, an einer „normalen“ Berliner Fußgängerampel nicht bei Grün zu gehen. Die deutschen Ampeln sind einfach besser als ihre französischen oder italienischen Pendants. Meistens sind sie nämlich nur dann rot, wenn auch wirklich Verkehr ist. Versucht man wie ich, absichtlich bei Rot die Straße zu überqueren, macht einem das grüne Männchen regelmäßig einen Strich durch die Rechnung. Fast könnte man denken, es würde wachsam und fürsorglich die Straße beobachten und seinen roten Kollegen ablösen, sobald die Unfallgefahr gebannt ist.

Doch nicht nur die Ampelmännchen sind fürsorglich und wachsam. Die Deutschen sind es auch. Sie gehen nämlich auch deshalb fast nie bei Rot, weil Kinder zuschauen könnten. Und angesichts der beschriebenen Übereinstimmung zwischen Verkehr und Ampelphasen ist die Sorge um die Kleinen wohlbegründet. Während unsere europäischen Nachbarn ihren Dreijährigen vermutlich in langen Monologen beibringen, zwischen dem Wert des eigenen Lebens, der Maxime „Zeit ist Geld“ und ihrem persönlichem Stolz abzuwägen gilt bei uns die einfache Regel: „Rot“ heißt stehen bleiben. Das müssen wir zwar vorleben, aber können dafür den Nachwuchs schon früh alleine den Schulweg bewältigen lassen. Von wegen obrigkeitshörig - dadurch werden die Kleinen ziemlich früh ziemlich selbständig.

Ideenhilfe: Der Ampelmann, hier zu sehen in der ostberliner Variante.

Ideen bei "Rot"

Nein, wir haben uns schon einiges bei unserem Ampel-Verhalten gedacht. Denn gedacht wird in Deutschland, dem Land der Dichter und Denker, gerne und viel. Und wer sagt eigentlich, dass in den kurzen Momenten des Verweilens an einer roten Ampel nicht auch einmal Zeit für den einen oder anderen abschweifenden Gedanken ist? Kommt nicht vielleicht im hektischen Alltag hie und da eine kleine Pause ganz gelegen? Wie viele gute Ideen sind wohl beim Warten auf „Grün“ entstanden?

Wäre das Warten an der roten Ampel gar ein Sinnbild für das moderne Deutschland, dann wäre es um uns sehr gut bestellt. Denn in der Vergangenheit haben wir vielleicht allzu oft überheblich und verantwortungslos alle – im übertragenen Sinne – „roten Ampeln“ auf unserem Weg ignoriert, mal absichtlich und mal nicht. Wir sind vorsichtiger geworden. Selbst wenn wir uns auf der sicheren Seite glauben, wie an der Ampel vor der amerikanischen Botschaft, schauen wir jetzt lieber noch ein- oder zweimal. Und dann ist es meistens wie zur Belohnung sowieso schon lange grün.

Die Frage war nicht einfach zu beantworten. Die Frage an Euch, liebe europäische Freunde, wird nicht einfacher. Denn je nach Tagesform lobt ihr an unserer Stadt Ordnung, Sauberkeit und perfekte Organisation. Aber ihr nennt uns auch obrigkeitshörig und zieht in den Berliner Osten, wo alles noch ein bisschen durcheinander, dreckig und abenteuerlich ist. Ihr nennt uns langweilig und wenig spontan. Aber mit uns feiert ihr die besten Partys. Dabei stellt sich doch die Frage – wie können wir es Euch recht machen? Oder besser, wer und wie müssten sie sein – die perfekten Berliner?

Die Antwort folgt in einer Woche.

Wednesday, 27.02.2008

Was'n dit!? Bei Rot über eine Straße ohne Autos gehen?

In dieser neuen Serie auf Babel Berlin fragen sich Deutsche und andere Europäer in Berlin regelmäßig in bestem Berliner Dialekt gegenseitig: "Was'n dit!?" Dabei spüren sie die kleinen und großen Merkwürdigkeiten der Stadt auf und versuchen herauszufinden, was es eigentlich damit auf sich hat. Heute war Sébastien Vannier in Mitte und hat dort ein ebenso typisch deutsches wie für Auswärtige verstörendes Phänomen beobachtet.
von Sébastien Vannier

Demnächst wird die Botschaft der USA an den Pariser Platz umziehen und damit zwangsweise einem Phänomen ein Ende bereiten, das sich besonders für einen Franzosen in Berlin zu beobachten lohnt. Bekanntermaßen machen unsere Freunde von der anderen Seite des Atlantiks ungern halbe Sachen, wenn es um die Sicherheit geht, und der abgesperrte Bereich rund um das derzeitige Gebäude der Botschaft in der Wilhelmstraße blockiert einen ganzen Häuserblock. Hieraus entsteht eine Situation, die für Berliner anscheinend ein ernsthaftes moralisches Dilemma auslöst.

Der Beobachtungsposten ist folgender: Wir befinden uns an der Ecke Neustädtische Kirchstraße/Unter den Linden, wobei erstere 50 Meter weiter mit den gewaltigen Betonblöcken zum Schutz der Botschaft versperrt ist. Um diese Neustädtische Kirchstraße zu überqueren, muss man eine Fußgängerampel benutzen. Nur zur Erinnerung: Ohne hier jemals mit Autoverkehr rechnen zu müssen. Es wäre zwar falsch zu behaupten, dort käme nie ein Auto. Während meiner aufmerksamen zwanzigminütigen Beobachtung konnte ich immerhin zwei Wagen vermerken. Der erste versuchte in die Straße abzubiegen, drehte aber sogleich wieder um. Der Fahrer hatte mit Sicherheit zu spät gemerkt, dass die Straße ja gesperrt ist und erst im letzten Moment realisiert, dass die Chancen auf ein erfolgreiches Attentat mit einem Polo gegen 4 Betonblöcke wohl eher gering sind. Das zweite Auto kam aus der Botschaft und schob sich unter den Augen der Wachbeamten langsam durch eine schmale Lücke neben den Betonklötzen. Zwei Autos in zwanzig Minuten. Selbst einsame Straßen in Bayern am Sonntagmittag sind belebter. Gleichwohl funktioniert die Ampel ausgezeichnet. Eine Minute Rot, 30 Sekunden Grün, eine Minute Rot, 30 Sekunden Grün… Doch das eigentlich Interessante dabei ist nicht, den Straßenverkehr zu beobachten – oder besser, den nicht vorhandenen Straßenverkehr – sondern vielmehr die erstaunliche Energie, mit der die Passanten der Versuchung widerstehen, bei Rot die Straße zu überqueren.

Ort des Geschehens: Die Kreuzung vor der amerikanischen Botschaft.

In Frankreich ist das Gesetz der Straße folgendes: Ich gehe über die Straße, wenn die Gefahr eines tödlichen Unfalls höchstens 80% beträgt. In Paris dürfen es 90% sein. Ich an meiner Straßenecke beobachte dementsprechend fasziniert, wie gewissenhaft und geduldig die Berliner warten, bis das kleine Männchen auf Grün springt und sie gehen können. Im Namen der Objektivität muss man feststellen, dass es einige Waghalsige gibt, die dem Verbot trotzen. Man sieht, wie sie erst einmal zögerlich einen kleinen Schritt nach vorne machen, sich noch mehrmals vergewissern, dass es auch wirklich kein Autofahrer wagt, in die Betonblöcke hineinzurasen, um dann im Laufschritt die Straße zu überqueren. Dabei versuchen sie, die inquisitorischen Blicke der wartenden Passanten auf der anderen Straßenseite, so gut es geht zu ignorieren. Wenn einer dieser Abenteurer den großen Sprung geschafft hat, sind unterschiedliche Reaktionen zu beobachten. Manche nehmen ihr Herz in beide Hände und sagen sich, wenn mich jemand anmeckert, dann hab’ ich wenigstens nicht angefangen, und machen sich auf den Weg. Andere, neidisch gegenüber diesem selbstvergessenen Mut, machen einen Schritt – trauen sich dann aber doch nicht. Die meisten aber bleiben stoisch stehen und verachten, heimlich oder nicht, die unverbesserlichen Gesetzesbrecher.

Bleibt die Frage: Wie kann man diesen offensichtlichen kulturellen Unterschied zwischen Deutschen und Franzosen, hier fast die Karikatur davon, erklären? Warum sind die Deutschen so obrigkeitshörig und sei es nur gegenüber einer roten Ampel? Die Antwort folgt im nächsten Teil der Serie.