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Berlin

Von der Berlinale 2010: 'Kinshasa Symphony' von Claus Wischmann und Martin Baer

Wieso, weshalb, warum?

Die Leidenschaft, mit der Menschen Musik machen, ist immer guter Stoff für einen Film. Weitab von den Befindlichkeiten und Konflikten, die in "Trip to Asia" verhandelt wurden, zeugt "Kinshasa Symphony" von der Leidenschaft, mit der Menschen alle Widrigkeiten überwinden, um klassische Musik von Beethoven, Händel, Mozart und Verdi zu spielen. Auch im Kongo.


Trailer "Kinshasa Symphony"

Warum sollte man 'Kinshasa Symphony' gesehen haben?

Um überkommene Stereotypen von Afrika loszuwerden. Um es einfach mal hinzunehmen, dass ein afrikanisches Orchester Beethoven spielt. Über ein japanisches Symphonieorchester wundert sich ja auch keiner mehr.

Kinshasha Symphony poster

Schwächen:

Die Filmemacher Claus Wischmann und Martin Baer folgen den acht ausgesuchten Protagonisten manchmal zu beiläufig in heruntergekommene Wohnungen, zu teuren Eierverkäufern und anstrengenden Proben. Mehr Kontroverse – zum Beispiel, was die Beziehung zwischen Religion und Musik betrifft – wäre schön gewesen.

Sterne: 4/5

Klassische Musik erzeugt immer positive Emotionen, dazu der undbedingte Wille der Menschen trotz absurder Widerstände zu musizieren – ein ermutigender, hoffnungsvoller Film, weitab von europäischen Stereotypen über Afrika.

Kurz nach der Premiere:

Beim anschließenden Q&A gab es Standing Ovations für den Dirigenten und zwei seiner Musiker, die extra aus dem Kongo angereist waren.

Watching this film will make you want to

Die alte Querflöte aus der Kommode kramen und nach vergangenen traumatischen Situationen im Schulorchester endlich wieder “Eine kleine Nachtmusik” spielen. Alles ist möglich!

Text von Christiane Lötsch (live von der Berlinale 2010)

Blog Action NIGHT /Berlin/

Wenn das Berlin-Team ausgeht:

What is the best place to go out in your city? 

Sébastien: Das ist nicht sehr originell, aber ich würde für die Kulturbrauerei in Prenzlauer Berg plädieren. Tolles Kino mit einem guten Programm. Der Konzertsaal Kesselhaus ist auch hervorragend, besonders jetzt nach dem Rauchverbot und selbst die Diskothek ist ziemlich gut. Wenn die Nacht zu lang war, kann man noch in der „Franzz-Bar“ wunderbar brunchen; leider ist der Brunch ein bisschen teuer.

Sergio : Als Friedrichshain-Fan wurde ich empfehlen, abends zum Kulturzentrum RAW-Tempel in der Revaler Str. zu gehen. Dort ist entweder ein Rock, Funk oder Hardcore Konzert zu sehen oder es steigt eine Electro- oder Reggae-Party, sei es im Cassiopeia oder im Astra, zwei Clubs des RAW-Tempels. Vorglühen kann man ein bisschen nördlicher im Kiez: in der Rigaer Str. 105, einem angenehmen Tee-Laden, wo man nicht unbedingt Tee trinken muss. Falls man etwas besonderes sucht, kann man auch einen Blick in den Stress Faktor, ein Veranstaltungskalender für alternative Kultur, werfen: Viele politische Veranstaltung aber auch ab und zu ein paar nette Ska-Parties werden da angekündigt.

Christiane: Prenzlauer Berg und Friedrichshain sind out, zu viele Touristen. Kreuzberg und Neukölln sind die Bezirke mit dem höchsten Partyfaktor. An der Grenze zwischen beiden Bezirken in der Schlesischen Strasse liegt das LUX, eine ehemalige Glühbirnenfabrik, in der heute Konzerte und Performances im achtziger Jahre Gay Crazy Disco Pop Stil zu sehen sind. Drum herum gibt es Bars zum Vorglühen, wie zum Beispiel „Die fette Ecke“.

 
What do you use to drink when you go out?

Sébastien: Das mexikanische Restaurant Que Pasa in der Skalitzer Strasse hat ganz tolle und billige Cocktails (3,50 €). Die Auswahl ist auch ziemlich groß. Ich trinke nur die alkoholfreien Cocktails und kann sie alle empfehlen. Etwas zu essen dazu (Buritos, Fajitas) und der Abend ist perfekt.

Sergio : Bier, Bier und mehr Bier: Becks, Berliner, Jever, Flensburger, Staropramen. Einen guten Abend muss man am besten mit ein paar Vertretern dieser Bierchen-Arten verbringen. Wobei alles leider in Maßen gehalten werden muss: Die Gefahr des Bierbauchs ist allgegenwärtig. Meine Empfehlung: Am Tag danach sich die Mühe geben und Kais Fitness-Studio in der Rigaer Str.  besuchen. Kompetent, zuverlässig, preiswert!

Christiane : Kommt darauf an, wo man ist. Bier ist in Clubs am besten, weil man die Flasche in der Hand halten kann, während man tanzt. Leider hinterlässt Bier immer einen so faden Geschmack im Mund, was beim anderen Geschlecht meistens nicht so gut ankommt. In einer Bar trinke ich deswegen meistens Wein, Merlot oder Cabernet Sauvignon.

 
Did you have encountered problems using public transportation at night? If yes, tell us your experience!

Sébastien: Die Frage wäre eher: wann habe ich KEIN Problem mit den öffentlichen Verkehrsmitteln in Berlin gehabt. Obwohl Berlin generell gut ausgestattet ist, ist es oft ziemlich chaotisch. Letztes Beispiel: ich fliege abends zurück aus Freiburg zum Flughafen Schönefeld. Wie jedes Wochenende fährt die S-Bahn von Schönefeld nicht mehr. Toll. Ich würde gern den Ersatzbus nehmen, aber ein anderer Busfahrer kann mir nicht sagen, ob man für diesen Ersatzbus mehr zahlen muss. Ich will nicht mehr zahlen, weil die Deutsche Bahn unfähig ist, ihre S-Bahn zu reparieren. Ich nehme also den normalen Bus zur nächsten U-Bahn Station. Natürlich ist diese Station wegen einer Baustelle zu, es wäre auch zu einfach. Also, 40 Minuten Busfahrt durch Neukölln bis zu Hermannstrasse. Die nächste U-Bahn kommt in 12 Minuten. Es gibt einfach blöde Tage. Ich habe insgesamt 1h40 von Schönefeld bis nach Hause gebraucht. Genau so viel wie von Freiburg bis nach Schönefeld.

Sergio : Ehrlich gesagt habe ich abends kaum Probleme mit der BVG gehabt: Alle Verkehrsmittel fahren am Wochenende die ganze Nacht durch. Ok, sie fahren seltener und man ist länger unterwegs. Aber eigentlich habe ich nur tagsüber Probleme mit der BVG gehabt: Auf dem Weg zum Flughafen (wie Sébastien) z.B.

Christiane: Die BVG fährt dich überall hin, leider dauert es immer so verdammt lange. Ich nehme immer das Fahrrad, außer es schüttet, brauche durchschnittlich 15 Minuten weniger und muss mich nicht mit pöbelnden Jugendlichen oder Bauarbeiten in der U-Bahn herumschlagen.

Bilder: (c) Jesus Presley/flickr und (c) Inszenierter Raum

Das Berlin-Team analysiert den deutschen Europawahlkampf

Von Sébastien Vannier

Vom 4. bis 7. Juni werden 375 Millionen Wähler in die Wahlkabinen gerufen, um das europäische Parlament zu wählen. Unter den 736 Abgeordneten, die auf diese Weise gewählt werden, stellt Deutschland mit 99 Vertretern einen wichtigen Anteil. Die Wahlkampagne wird sich bis zum Wahltag noch weiter verstärken.Das Berliner Team von Cafebabel.com hat die Programme der wichtigsten deutschen Parteien analysiert. 

Das europäische Parlament, das 1979 zum ersten Mal nach dem allgemeinen direkten Wahlrecht gewählt wurde, ist das demokratische Organ der Europäischen Union. Als Repräsentant von 500 Millionen Einwohnern aus 27 Mitgliedstaaten haben sich seine Machtbefugnisse seit dreißig Jahren schrittweise ausgedehnt. Er hat die Funktion eines Kontrollorgans, verabschiedet das Budget und nimmt an einer großen Mehrheit der legislativen Entscheidungen teil. Auch wenn die Europaabgeordneten meist in Brüssel sind, befindet sich der offizielle Sitz des Parlaments in Straßburg.

Deutsche in der ersten Reihe

Die Europawahlen, die als solche eine einzigartige demokratische Erfahrung darstellen, laufen in allen Ländern gleichermaßen ab: nach Verhältniswahlrecht, geheimer Wahl und ab 18 Jahren. Dennoch wird die Wahl an die Besonderheiten jedes einzelnen Landes angepasst. So wählen die Engländer ab Donnerstag, 4. Juni, während die Franzosen und Deutschen am 7. Juni wählen. Österreich hat das Wahlrecht ab 16 Jahren eingeführt. Wenn sie in ihrem Land gewählt sind, werden die 736 Abgeordneten auf das Parlament in politische Gruppen verteilt. Die zwei wichtigsten sind die Gruppe der europäischen Volkspartei unter dem französischen Vorsitz von Joseph Daul und die sozialistische Gruppe unter dem deutschen Vorsitz von Martin Schulz. Auch der Vorsitzende des Parlaments ist ein Deutscher: Hans-Gert Pöttering, aus den Reihen der CDU. 

Die Jugendlichen im Mittelpunkt aller Aufmerksamkeit

Eine der Hauptsorgen dieser Wahl ist die Wahlbeteiligung. Denn bei der Wahl 2004 hatten sich die Stimmberechtigten nur zu durchschnittlich 46% beteiligt (43% in Deutschland und Frankreich). Die Ergebnisse in der Slowakei (17%) und in Polen (29%) waren noch alarmierender. Die europäischen Institutionen versuchen daher dieses Jahr, die Bevölkerung zur Teilnahme an der Debatte zu motivieren. Die Lieblingsmedien der Jugendlichen, wie der Musiksender MTV oder die Plattformen Facebook und Twitter wurden daher hinzugezogen, um im Vorfeld Videoclips, Debatten oder Foren einzurichten, die die Jugendlichen dazu bewegen, am kommenden 7. Juni wählen zu gehen.

Schwerpunkte der Parteien

Die Partei der Kanzlerin Angela Merkel, die CDU, engagiert sich in ihrem Programm für die EU als Antwort auf die Globalisierung und setzt sich damit für ein stärkeres europäisches Gewicht in der Welt ein. Der bayerische Zweig der Partei, die CSU, möchte außerdem auch ein Europa mit klaren Grenzen in den Bereichen Erweiterung und Zuständigkeit. Der Koalitionspartner der CDU in der Bundesregierung, die SPD, kämpft in der Wahlkampagne für ein soziales Europa sowie für ein qualitatives Wachstum. Für die Grünen sollte die Klimapolitik die Basis der Politik stellen. Für die andere Oppositionspartei, die FDP (Liberalen), wäre dies eher der Wettbewerb. Ganz im Gegensatz dazu engagiert sich Die Linke für eine strengere Kontrolle der Wirtschaft sowie für den Antimilitarismus.  

Mit diesem Dossier über die Europawahl in Deutschland wird das Berliner Team von Café Babel die verschiedenen Positionen dieser 6 deutschen Parteien in wichtigen Bereichen vorstellen, wie z.B. Wirtschaft, Gesundheit, Bildung. Damit sollen die Leser einen besseren Einblick in die Hauptpunkte der Programme der Parteien für die Europawahl bekommen, um für die Wahl am 7. Juni besser vorbereitet zu sein.


Parteivergleich zu den Themen:


Bildung Erweiterung/ Großbaustellen Finanzen/ Wirtschaft Umwelt/ Energie
EU in der Welt Sicherheit Soziales


Schwerpunkte der jeweiligen Programme


CDU
Jan Peter meint:

Der Slogan des CDU-Programms für die Europawahl könnte lauten: „Keine Experimente“. Im Kern ist Europa für die CDU ganz gut so, wie es ist. Veränderungen werden, wenn überhaupt, im Detail gefordert. Insofern passt der ernüchternd einfallslose Slogan der deutschen Wahlplakate ganz gut: „Wir in Europa“. Stimmt, wir sind in Europa. Und was jetzt? Darauf gibt das CDU-Programm viele kleine, aber keine große Antworten.“

CSU
Nils meint:

Das Programm der CSU folgt einem klaren Prinzip: So viel Europa wie nötig, so wenig Europa wie möglich. Aber auch in den Bereichen, wo Europas Engagement begrüßt wird, ist die Haltung eher defensiv. Die EU wird vor allem als Instrument zum Schutz vor Gefahren aus dem Ausland definiert, weniger als Institution die Chancen im Inland eröffnet. Schade.

FDP
Christiane meint:

Die FDP verlässt sich zu sehr auf den „Wettbewerb der Systeme“ und schlägt wenig Konkretes vor, besonders in den Bereichen Soziales und Gesundheit. „Alles, was Arbeit schafft, ist auch sozial“ ist die FDP-Lösung. Im ganzen Programm steht außerdem kein einziges Wort zur Gleichstellung der Geschlechter oder Schutz von Minderheiten bzw. benachteiligten Gruppen. Die Umweltpolitik ist in manchen Punkten innovativ, aber die wirtschaftsliberale Umsetzung stellt den Erfolg der Maßnahmen wieder in Frage.

Die Grüne
Matthias meint: 

Die Grünen haben sich wirklich alle Mühe gegeben. 91 Seiten Wahlprogramm, so viel hat sich keine andere Partei einfallen lassen. Wer die Grünen wählt, will mehr Verbraucherrechte und stellt ALLES unter das Primat des Klimaschutzes. Ein hehres Ziel. Ob die stark subventionierten Erneuerbaren Energien aber die Jobs von Morgen schaffen, das sei dahingestellt. Und: So viel Europa hat keine andere Partei. Die Schwerpunkte der Grünen, das wissen sie selbst, können nur auf europäischer Ebene gelöst werden.

Die Linke
Sébastien meint:

Angesichts der Wirtschaftskrise engagiert sich Die Linke in ihrem Programm für eine strengere Kontrolle der Wirtschaft von Seite der Europäischen Union, um die Arbeitnehmer zu schützen. Ein Teil der Lösung wäre das Ende der Privatisierung bzw. die Rekommunalisierung von Netzwerkinfrastrukturen. Einsparmöglichkeiten sieht die Linke bei der Entmilitarisierung und Abrüstung der EU. Schwachpunkte dieses Programms sind die Möglichkeiten einer realistischen Umsetzung hinsichtlich der Kompetenzen der EU. Das Energiekonzept der Linken zum Beispiel ist fragwürdig: Wo sollte Europa die 75%  an Energie, die nicht aus den erneuerbaren Energien kommen, finden, wenn sie Atom- und Kohlekraftwerke gleichzeitig ablehnt?

SPD
Sergio meint:

Die Finanzkrise bietet der SPD die Möglichkeit sich im Bereich der Finanzpolitik links darzustellen und dadurch ihre Unterschiede zur FDP zu betonnen. Die SPD hat eine ausgewogene Mischung aus soziale-, umwelt- und finanzpolitischen Maßnahmen präsentiert. Leider fehlen manchmal konkrete Erläuterungen der gezielten Maßnahmen, wobei der Wähler den Eindruck bekommt, eine Sammlung schöner Wahlparolen zu lesen. Einige Widersprüche sind dabei auch zu erkennen: Die SPD engagiert sich gleichzeitig für Abrüstung und Umsetzung des Lissabonvertrages, dessen Artikel 42 eine Verbesserung der militarischen Fähigkeiten der EU-Länder fordert. Meiner Meinung nach ist der Hauptfehler dieses Programmes, die Flexicurity als sozialdemokratische Forderung und mögliche Lösung der Krise zu missachten.

"Alle Anderen" - Wilde Tiere im Zweisamkeitsdschungel

Alle Anderen


Everyone else
Deutschland, 2009, 119 min
Regie: Maren Ade
Darsteller: Birgit Minichmayr, Lars Eidinger, Hans Jochen Wagner, Nicole Marischka
Sektion: Wettbewerb 

Von Ole Skambraks

Alle Anderen Liebe in Gefahr! In der psychologischen Studie "Alle Anderen", dem deutschen Berlinale-Wettbewerbsbeitrag der jungen Regisseurin Maren Ade, geht es um die Fragilität der Liebe. Ein junges Paar um die 30, Chris und Gitti, fährt in den Uralub nach Italien. An Handlung passiert nicht viel: Die beiden relaxen, albern rum, kochen, haben Sex, treffen Leute. Unter der bunten Oberfläche des Urlaubsalltags wird aber so manches emotionale Erdbeben ausgelöst. Zum Beispiel, wenn Chris eine berufliche Absage, von der er im Urlaub erfährt, dem ungeliebten Nachbarn unter die Nase reibt, sie aber Gitti verschweigt. Oder wenn Gitti Chris' schwache Seiten kritisiert und ungefragt Ratschläge austeilt, obwohl Chris einfach nur jemanden zum Zuhören braucht. Kurz: Kleine Katastrophen und dann vorschnelle Versöhnungen, die im Gefüge der Liebesbeziehung ihre Spuren hinterlassen.

Wenn wir uns auf diesen Psycho-Dschungel einlassen, sehen wir folgendes: Gitti will für Chris "anders" sein, und Chris fühlt sich selbst als Versager. Ein paar Identitätsprobleme junger Erwachsener, möglicherweise typisch weiblicher und männlicher Prägung, die jeder von uns mehr oder weniger kennt. Soweit, so gut. Das Problem ist dann aber, dass die beiden vom anderen Partner jeweils Verständnis und Bestätigung erwarten: "Der andere" soll sozusagen das eigene bodenlose Loch auffüllen genau wie "die anderen" (in diesem Fall auch noch Chauvinisten und Masochistinnen) auf einmal der Prüfstein für die angeknackste Beziehung sein sollen. Diesen Zusammenhang zeigt der Film auf unterhaltsam bis grausame Weise. Fallöcher und Knotenpunkte der Beziehung werden sichtbar gemacht und der absurde Exibitionismus der beiden (wieso die Trampeltiere überhaupt in den Porzellanladen lassen?) ad absurdum geführt.

Ich habe mich dann gefragt, ob die Identitätsverwirrung des Paares nicht repräsentativ für eine ganze Generation ist. Die Regisseurin sagte in der anschließenden Pressekonferenz, sie habe in ihrem Film das "In-Beziehung-Sein" in den Mittelpunkt gestellt und sich dabei auf viele Situationen aus ihrem eigenen Leben bezogen. Bei den Protagonisten ihres Films gehen innere Unreife und nach außen gekehrte Selbstreflektion (die beiden reden entweder zu viel oder aneinander vorbei) Hand in Hand. Ich habe Ades Film als Warnung verstanden: "Die anderen" sind die Fäden der Ego-Marionette, die plappernden Papageien im sozialen Käfig, die wilden Tiere im Zweisamkeitsdschungel. Und - Achtung! - sie schlagen zu, wenn wir es zulassen.

Fotos: Berlinale

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Winter adé - Frauen in der Ex-DDR

Winter adé



After Winter Comes Spring
Deutsche Demokratische Republik, 1988, 115 min
Regie: Helke Misselwitz
Sektion: Winter adé

Von Ole Skambraks

Die Berlinale-Sonderreihe "Winter adè" zeigt in fünfzehn abendfüllenden Programmen deutsche und osteuropäische Spiel-, Dokumentar-, und Experimentalfilme, die im letzten Jahrzehnt des Kalten Krieges entstanden sind. Einer dieser Filme ist die DEFA-Produktion "Winter adè" (1988) von Helke Misselwitz, ein wunderbarer Dokumentarfilm, der Frauen verschiedenen Alters und unterschiedlicher sozialer Prägung in der ehemaligen DDR porträtiert. Die Reise beginnt in der Industrie- und Bergarbeiterstadt Zwickau in Sachsen, aus deren Nähe Misselwitz stammt, und führt bis an die Ostsee. Die willkürlichen und zufälligen Begegnungen mit den Frauen ihres Films sind für die Filmemacherin auch eine Reise zu sich selbst: Misselwitz mischt sich unter ihr Volk und ihr gelingen dadurch Beobachtungen, die der Blick „von außen“ nie zustande bringen würde. Mit anderen Worten: Nur wer sich selbst bewegt, reist wirklich.

Es sind keine Intellektuellen oder Künstlerinnen, sondern Frauen, die "normalerweise nicht gesehen wurden und sich kein Gehör verschafften", so die Regisseurin im Publikumsgespräch am 13. Februar. Da ist zum Beispiel eine Werbeökonomin aus Berlin, die in einer modernen „Patchworkfamilie“ lebt und offen über weibliche Solidarität, Liebe und Beruf redet. Oder da sind zwei blutjunge Punkerinnen, die gegen Schule und Familie rebellieren und deren kreativer Style heutige Punks (wie soll man sie nennen?) fast schon blass aussehen lässt. Oder da ist diese unglaubliche 85jährige Dame, die im Rückblick auf ihr Leben so manches an Ehe und Familie kritischer sieht, als die Fassade der idyllischen Großfamilie es zunächst vermuten lässt.

„Winter adè“ ist ein vielstimmiger Film über weibliche Erinnerungen, Sehnsüchte und Enttäuschungen, der die DDR ein Jahr vor ihrem Zusammenbruch plastisch beschreibt und heute immer noch eine solche Kraft ausstrahlt, dass man Lust bekommt, zu reisen und Filme zu drehen.

photos: Berlinale

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"The Golden Klo" oder: Auch Stars müssen mal

Von Ole Skambraks

Es heißt ja, dass wichtige Dinge oder Begegnungen oft dann passieren, wenn man nicht damit rechnet. So auch gestern in der Warteschlange auf der Damentoilette nach der Pressevorführung von "Happy Tears" im Berlinalepalast. Eine lange Reihe von Frauen hatte sich gebildet. Vor einigen schwarzen Wintermänteln und roten Berlinaletaschen steht eine hochgewachsene androgyne Dame mit knabenhaftem Gesicht, ganz in weiß, mit kurzem blonden Haar. Groß und von rauher Schönheit, eine diamantene Erscheinung im dämmrigen Flurlicht. Wir kennen sie aus "Caravaggio" und "Orlando", als Erzengel Gabriel oder Mime in "Female Perversions". Vor dem Vorführungssaal des Berlinale Palastes hängt sie als signiertes Poster an der Wand, gestern flimmerte sie noch über das Berlinale-Tv und schritt über den roten Teppich: Tilda Swinton, die berühmte schottische Schauspielerin und Jurypräsidentin des diesjährigen Festivals. Jetzt steht sie da, kramt nach dem Puder und quatscht mit einer Freundin, bis sie schließlich eine der kleinen Kabinen ergattert. Gefolgt von neugierigen Blicken der Wartenden, die Tratsch und Filmgeflüster für einen Augenblick einstellen: Ein Star auf dem Klo?! Die Kabine neben Tilda wird jetzt frei. Eine Journalistin belegt sie mit siegessicherem Lächeln und schließt sich dort schnell ein. Zwar kein Interview, aber sie kann sagen: Ich habe neben Tilda Swinton gepinkelt!

photos: Monastic toilets (pontedapedra/flickr), Tilda Swinton (dalekhelen/flickr)


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Willkommen zwischen den Welten

Welcome


Frankreich, 2008, 116 min
Regie: Philippe Lioret
Darsteller: Vincent Lindon, Firat Ayverdi, Audrey Dana
Sektion: Panorama Special

Von Ole Skambraks

Ein Körper treibt im Meer, verloren zwischen den Ländern. Diese Szene aus Philippe Liorets Film "Welcome" beschreibt wohl am besten die Situation der unzähligen Flüchtlinge, die fast täglich an den Stränden und Grenzen Europas ankommen. Jamal, ein 17jähriger junger Mann kurdischer Herrkunft, hat eine monatelange, strapaziöse Flucht aus dem kriegsgeschüttelten Irak hinter sich, als er im französischen Calais ankommt. Er hat nur ein Ziel: England. Dort will er einen Freund und dessen Schwester treffen, die er liebt. Nach gescheitertem Versuch, sich illegal per Lastwagen einzuschleusen, fasst er einen verzweifelten Entschluss: Er nimmt Schwimmunterricht, um den Ärmelkanal zwischen Frankreich und Großbritannien schwimmend zu überqueren. Sein französischer Schwimmlehrer wird sein Freund und muß deshalb Mißtrauen, Vorurteile und schließlich Probleme mit den französischen Behörden in Kauf nehmen. Es sind nicht nur die Entbehrungen und Leiden des Flüchtlings Jamal, die diesen Film so traurig machen. Es sind auch die unmenschlich erscheinenden Gesetze der französischen Asylpolitik. Diese verbieten den Einheimischen zum Beispiel, den Flüchtlingen in irgendeiner Form zu helfen. Denn das könnte ja weitere anlocken, und eigentlich sind sie alles andere als "willkommen". Anhand einer persönlichen Leidensgeschichte wird in diesem Film das schwierige Thema der europäischen Asylpolitik vorgeführt - ein Thema , mit dem sich die Europäische Union und jeder, der sich "allzu sehr zu Hause fühlt", beschäftigen muß.

Foto: Berlinale

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Schule mit Rock und Revolver

La journée de la jupe

 

Frankreich, Belgien, 2008, 87 min
Regie: Jean-Paul Lilienfeld
Darsteller: Isabelle Adjani, Denis Podalydès, Yann Collette, Jackie Berroyer, Khalid Berkouz, Yann Ebongé, Sonia Amori, Kévin Azaïs, Sarah Douali, Hassan Mezhoud, Karim Zakraoui, Fily Doumbia, Salim Boughidene, Mélèze Bouzid
Sektion: Panorama

von Ole Skambraks

Ähnlich wie der Film „La classe“ (Laurent Cantet, Goldene Palme Cannes 2008) nimmt auch der Film „La journee de la jupe“ des französischen Regisseurs Jean-Paul Lilienfeld ein aktuelles gesellschaftliches Thema in den Fokus: Die schier unerträglichen Bedingungen an französischen Schulen, die unter Personalmangel, verhaltensauffälligen Schülern und ethnischen Konflikten leiden. Die Schule ist ein sozialer Brennpunkt, an dem unterschiedliche soziale Klassen, Religionen und Kulturen aufeinanderprallen. Doch sie ist auch die Bühne, auf der Probleme der Gesellschaft wie Rassismus, religiöse Konflikte, Sexismus und Vorurteile ausgetragen werden. Dass guter Wille und Kampfgeist von Seiten der Lehrer nicht unbedingt mehr ausreichen, um die Schüler in Schach zu halten, stellt der Film anhand der völlig überforderten Lehrerin Sonia Bergerac (Isabelle Adjani). Diese greift angesichts ihrer tyrannischen Klasse eines Tages zur Pistole und führt radikale neue Unterrichtsmethoden ein. Die sonst so engagierte Lehrerin findet sich auf einmal in einer handfesten Geiselnahme wieder: Mit aufgeregten Polizisten und Politikern, panischen Eltern, einem hilflosen Schulleiter und voyeuristischen Medien, die sowohl entscheidend zum Verlauf der Handlung beitragen als auch als effektives politisches Druckmittel eingesetzt werden. Als die Situation schließlich eskaliert, sind es nicht nur die Revolverschüsse, sondern auch die vielen emotionalen Zusammenstöße aller Beteiligten, die den Film „Heute trage ich Rock“ zu einer ergiebigen psychologischen und sozialkritischen Studie werden lassen. Obwohl Lilienfelds Drama als extreme Zuspitzung zu sehen ist und die zahlreichen Nebenhandlungen streckenweise ablenken, ist er doch keine einfache Schuldzuweisung an die Schule als Institution. Denn in dieser Geschichte werden Bildungspolitiker, Lehrende und Schüler gleichermaßen in die Mangel genommen. Die Botschaft: Auch wenn die besagte Lehrerin mit Rock und Revolver nicht unbedingt besser unterrichtet – alle müssen dazu beitragen, die Schule wieder zum Ort des Lernens und nicht des Kampfes werden zu lassen.

photo: Berlinale

Babel-Journalismusakademie

In Anknüpfung an die erfolgreiche Akademie 2006 veranstaltet cafebabel.com Berlin vom 17. bis 20. Januar 2008 erneut eine Journalismusakademie.

Sie richtet sich an Journalisten zwischen 18 und 30 Jahren, die für cafebabel.com schreiben bzw. Interesse daran haben und ihre journalistischen Fähigkeiten verbessern wollen.

Voraussetzung für die Einladung zur Akademie ist die Teilnahme an unserem Journalistenwettbewerb "Im Osten was Neues – Impulse für Europa?".

Mehr Informationen finden Sie im Anhang.

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