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Film

Von der Berlinale 2010: 'Kinshasa Symphony' von Claus Wischmann und Martin Baer

Wieso, weshalb, warum?

Die Leidenschaft, mit der Menschen Musik machen, ist immer guter Stoff für einen Film. Weitab von den Befindlichkeiten und Konflikten, die in "Trip to Asia" verhandelt wurden, zeugt "Kinshasa Symphony" von der Leidenschaft, mit der Menschen alle Widrigkeiten überwinden, um klassische Musik von Beethoven, Händel, Mozart und Verdi zu spielen. Auch im Kongo.


Trailer "Kinshasa Symphony"

Warum sollte man 'Kinshasa Symphony' gesehen haben?

Um überkommene Stereotypen von Afrika loszuwerden. Um es einfach mal hinzunehmen, dass ein afrikanisches Orchester Beethoven spielt. Über ein japanisches Symphonieorchester wundert sich ja auch keiner mehr.

Kinshasha Symphony poster

Schwächen:

Die Filmemacher Claus Wischmann und Martin Baer folgen den acht ausgesuchten Protagonisten manchmal zu beiläufig in heruntergekommene Wohnungen, zu teuren Eierverkäufern und anstrengenden Proben. Mehr Kontroverse – zum Beispiel, was die Beziehung zwischen Religion und Musik betrifft – wäre schön gewesen.

Sterne: 4/5

Klassische Musik erzeugt immer positive Emotionen, dazu der undbedingte Wille der Menschen trotz absurder Widerstände zu musizieren – ein ermutigender, hoffnungsvoller Film, weitab von europäischen Stereotypen über Afrika.

Kurz nach der Premiere:

Beim anschließenden Q&A gab es Standing Ovations für den Dirigenten und zwei seiner Musiker, die extra aus dem Kongo angereist waren.

Watching this film will make you want to

Die alte Querflöte aus der Kommode kramen und nach vergangenen traumatischen Situationen im Schulorchester endlich wieder “Eine kleine Nachtmusik” spielen. Alles ist möglich!

Text von Christiane Lötsch (live von der Berlinale 2010)

Von der Berlinale 2010: "Shutter Island" von Martin Scorsese

Warum sollte man Shutter Island gesehen haben?

Wegen Martin Scorsese, sagen die einen, wegen Leonardo DiCaprio die anderen. Doch nicht nur der Herren wegen: Einmal im Kinosaal angekommen, wird man mitgerissen auf eine ferne Insel, die weit davon entfernt ist paradiesisch zu sein. Und man wird sich ziemlich schnell fragen, wie es um den geistigen Zustand unserer Welt bestellt ist.

martin.jpg

Martin Scorcese

































Stärken/ Schwächen

posterStärken: Auf jeden Fall das Drehbuch, das auf dem gleichnamigen Buch von Dennis Lehane beruht. Innerhalb von 2 Stunden zieht es Euch in seinen Bann. Die Berliner wussten außerdem einen Deutsch sprechenden Leonardo DiCaprio zu schätzen.

Schwächen: Scorsese bringt uns zwar während des Films an den Rande des Wahnsinns, nimmt uns dann aber in den letzten Filmminuten an die Hand, um den Ausweg zu zeigen. Das ist unerwartet und schade. Obwohl Scorsese alle Zutaten eines guten Thrillers kennt, ist es dieses Mal vielleicht etwas zu viel des Guten.

Sterne: 4/5

Drei Sterne für den Film und einen für die schauspielerische Leistung von Leonardo DiCaprio – ich bin zwar kein großer Fan, aber seine Hauptrolle macht den Film erst richtig sehenswert.


"Shutter Island" Trailer

Publikumsreaktionen

Shutter Island war einer der meisterwartesten Filme auf der Berlinale. Am Ende der Vorstellung töste der Applaus. Auch wenn Kritiker mit einigen Details nicht vollkommen zufrieden waren.

Und wenn der Vorhang fällt?

Sollte man den Film so schnell es geht noch einmal sehen.

Text: Sébastien Vannier; Übersetzung: Linn Selle; Fotos: ©Katarzyna Swierc

Bilder von der Premiere auf der Berlinale 2010:

Der Reihe nach: Mark Ruffalo, Michelle Williams, Ben Kingsley, Mama DiCaprio und die Shutter Island Crew vereint auf der Berlinale 2010!

Mark Ruffalo

Michelle Williams

Ben Kingsley

Mrs DiCaprio

cast

"Alle Anderen" - Wilde Tiere im Zweisamkeitsdschungel

Alle Anderen


Everyone else
Deutschland, 2009, 119 min
Regie: Maren Ade
Darsteller: Birgit Minichmayr, Lars Eidinger, Hans Jochen Wagner, Nicole Marischka
Sektion: Wettbewerb 

Von Ole Skambraks

Alle Anderen Liebe in Gefahr! In der psychologischen Studie "Alle Anderen", dem deutschen Berlinale-Wettbewerbsbeitrag der jungen Regisseurin Maren Ade, geht es um die Fragilität der Liebe. Ein junges Paar um die 30, Chris und Gitti, fährt in den Uralub nach Italien. An Handlung passiert nicht viel: Die beiden relaxen, albern rum, kochen, haben Sex, treffen Leute. Unter der bunten Oberfläche des Urlaubsalltags wird aber so manches emotionale Erdbeben ausgelöst. Zum Beispiel, wenn Chris eine berufliche Absage, von der er im Urlaub erfährt, dem ungeliebten Nachbarn unter die Nase reibt, sie aber Gitti verschweigt. Oder wenn Gitti Chris' schwache Seiten kritisiert und ungefragt Ratschläge austeilt, obwohl Chris einfach nur jemanden zum Zuhören braucht. Kurz: Kleine Katastrophen und dann vorschnelle Versöhnungen, die im Gefüge der Liebesbeziehung ihre Spuren hinterlassen.

Wenn wir uns auf diesen Psycho-Dschungel einlassen, sehen wir folgendes: Gitti will für Chris "anders" sein, und Chris fühlt sich selbst als Versager. Ein paar Identitätsprobleme junger Erwachsener, möglicherweise typisch weiblicher und männlicher Prägung, die jeder von uns mehr oder weniger kennt. Soweit, so gut. Das Problem ist dann aber, dass die beiden vom anderen Partner jeweils Verständnis und Bestätigung erwarten: "Der andere" soll sozusagen das eigene bodenlose Loch auffüllen genau wie "die anderen" (in diesem Fall auch noch Chauvinisten und Masochistinnen) auf einmal der Prüfstein für die angeknackste Beziehung sein sollen. Diesen Zusammenhang zeigt der Film auf unterhaltsam bis grausame Weise. Fallöcher und Knotenpunkte der Beziehung werden sichtbar gemacht und der absurde Exibitionismus der beiden (wieso die Trampeltiere überhaupt in den Porzellanladen lassen?) ad absurdum geführt.

Ich habe mich dann gefragt, ob die Identitätsverwirrung des Paares nicht repräsentativ für eine ganze Generation ist. Die Regisseurin sagte in der anschließenden Pressekonferenz, sie habe in ihrem Film das "In-Beziehung-Sein" in den Mittelpunkt gestellt und sich dabei auf viele Situationen aus ihrem eigenen Leben bezogen. Bei den Protagonisten ihres Films gehen innere Unreife und nach außen gekehrte Selbstreflektion (die beiden reden entweder zu viel oder aneinander vorbei) Hand in Hand. Ich habe Ades Film als Warnung verstanden: "Die anderen" sind die Fäden der Ego-Marionette, die plappernden Papageien im sozialen Käfig, die wilden Tiere im Zweisamkeitsdschungel. Und - Achtung! - sie schlagen zu, wenn wir es zulassen.

Fotos: Berlinale

Mehr von der Berlinale, den Filmen und dem roten Teppich hier im Magazinteil

Winter adé - Frauen in der Ex-DDR

Winter adé



After Winter Comes Spring
Deutsche Demokratische Republik, 1988, 115 min
Regie: Helke Misselwitz
Sektion: Winter adé

Von Ole Skambraks

Die Berlinale-Sonderreihe "Winter adè" zeigt in fünfzehn abendfüllenden Programmen deutsche und osteuropäische Spiel-, Dokumentar-, und Experimentalfilme, die im letzten Jahrzehnt des Kalten Krieges entstanden sind. Einer dieser Filme ist die DEFA-Produktion "Winter adè" (1988) von Helke Misselwitz, ein wunderbarer Dokumentarfilm, der Frauen verschiedenen Alters und unterschiedlicher sozialer Prägung in der ehemaligen DDR porträtiert. Die Reise beginnt in der Industrie- und Bergarbeiterstadt Zwickau in Sachsen, aus deren Nähe Misselwitz stammt, und führt bis an die Ostsee. Die willkürlichen und zufälligen Begegnungen mit den Frauen ihres Films sind für die Filmemacherin auch eine Reise zu sich selbst: Misselwitz mischt sich unter ihr Volk und ihr gelingen dadurch Beobachtungen, die der Blick „von außen“ nie zustande bringen würde. Mit anderen Worten: Nur wer sich selbst bewegt, reist wirklich.

Es sind keine Intellektuellen oder Künstlerinnen, sondern Frauen, die "normalerweise nicht gesehen wurden und sich kein Gehör verschafften", so die Regisseurin im Publikumsgespräch am 13. Februar. Da ist zum Beispiel eine Werbeökonomin aus Berlin, die in einer modernen „Patchworkfamilie“ lebt und offen über weibliche Solidarität, Liebe und Beruf redet. Oder da sind zwei blutjunge Punkerinnen, die gegen Schule und Familie rebellieren und deren kreativer Style heutige Punks (wie soll man sie nennen?) fast schon blass aussehen lässt. Oder da ist diese unglaubliche 85jährige Dame, die im Rückblick auf ihr Leben so manches an Ehe und Familie kritischer sieht, als die Fassade der idyllischen Großfamilie es zunächst vermuten lässt.

„Winter adè“ ist ein vielstimmiger Film über weibliche Erinnerungen, Sehnsüchte und Enttäuschungen, der die DDR ein Jahr vor ihrem Zusammenbruch plastisch beschreibt und heute immer noch eine solche Kraft ausstrahlt, dass man Lust bekommt, zu reisen und Filme zu drehen.

photos: Berlinale

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"The Golden Klo" oder: Auch Stars müssen mal

Von Ole Skambraks

Es heißt ja, dass wichtige Dinge oder Begegnungen oft dann passieren, wenn man nicht damit rechnet. So auch gestern in der Warteschlange auf der Damentoilette nach der Pressevorführung von "Happy Tears" im Berlinalepalast. Eine lange Reihe von Frauen hatte sich gebildet. Vor einigen schwarzen Wintermänteln und roten Berlinaletaschen steht eine hochgewachsene androgyne Dame mit knabenhaftem Gesicht, ganz in weiß, mit kurzem blonden Haar. Groß und von rauher Schönheit, eine diamantene Erscheinung im dämmrigen Flurlicht. Wir kennen sie aus "Caravaggio" und "Orlando", als Erzengel Gabriel oder Mime in "Female Perversions". Vor dem Vorführungssaal des Berlinale Palastes hängt sie als signiertes Poster an der Wand, gestern flimmerte sie noch über das Berlinale-Tv und schritt über den roten Teppich: Tilda Swinton, die berühmte schottische Schauspielerin und Jurypräsidentin des diesjährigen Festivals. Jetzt steht sie da, kramt nach dem Puder und quatscht mit einer Freundin, bis sie schließlich eine der kleinen Kabinen ergattert. Gefolgt von neugierigen Blicken der Wartenden, die Tratsch und Filmgeflüster für einen Augenblick einstellen: Ein Star auf dem Klo?! Die Kabine neben Tilda wird jetzt frei. Eine Journalistin belegt sie mit siegessicherem Lächeln und schließt sich dort schnell ein. Zwar kein Interview, aber sie kann sagen: Ich habe neben Tilda Swinton gepinkelt!

photos: Monastic toilets (pontedapedra/flickr), Tilda Swinton (dalekhelen/flickr)


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Human Zoo

Human Zoo

 

Frankreich, 2008, 110 min
Regie: Rie Rasmussen
Darsteller: Rie Rasmussen, Nikola Djuricko, Nick Corey, Vojin Cetkovic, Hiam Abbass, Said Amadis
Sektion: Panorama  

Von Ole Skambraks

Bonny & Clyde im Kosovo - so kommt das Spielfilmdebut der Dänin Rie Rasmussen daher, das das diesjährige Panorama der Berlinale 2009 eröffnete und schon bei der ersten Vorführung im Kinosaal das Publikum spaltete: Lachen und Entsetzen wechselten sich ab und einige Zuschauer verließen während der Vorstellung den Saal. Der Film, der von der Regisseurin und Hauptdarstellerin Rasmussen am Donnerstag abend lapidar als "Liebesgeschichte" angekündigt wurde, entpuppte sich als beinharter Streifen: Auf der Folie des Kosovo-Krieges inszeniert er die Geschichte des lebenshungrigen Kriegsopfers Adria (Rie Rasmussen), die zur Hälfte Serbin, zur anderen Hälfte Albanerin ist, und des Deserteurs Srdjan (Nicola Djuricko). Beide fliehen aus der Region des damals umstrittenen serbischen Kosovo und schlagen sich als Waffenschieber und Gauner durch. Der andere Teil der Handlung spielt in Marseille, wo Adria später und unabhängig von Srdjan als illegale Einwanderin lebt. Beide Ebenen - die traumatische Kriegsvergangenheit und Adrias Suche nach Alltäglichkeit und Liebe in Frankreich - werden im Film mit Flash-Back-Sequenzen verknüpft. Die harte Konfrontation von Trauma und Liebe, Leiden und Leidenschaft geht jedoch im Unterschied zu den zahlreichen im Film zum Einsatz kommenden Messern nicht wirklich unter die Haut: Der Film ist keine authentische Aufarbeitung der serbischen Kriegvergangenheit noch ist er eine psychologische Studie. Adria ist ein "Freak", die das Spiel der Gewalt und des Überlebens zwar perfekt gelernt hat, es aber in keinem Moment zu ihrem eigenen macht oder daran verzweifelt. Und wenn die ästhetisierte Heldin dann irgendwann in Highheels über Leichen steigt, fragt man sich: Ist das "Human Zoo" oder "Human Hell"?

photo: Berlinale

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