Warum deutsche Männer nicht flirten
By Karsten on Saturday, 5.04.2008, 23:16 - Berlin aber sexy - Permalink
This post is also available in: English FrenchIch lebe bereits seit einem Jahr in Deutschland. Jedoch waren die mit viel Lager Bier angeregten verbalen Beschimpfungen, denen ich mich eines Abends ausgesetzt sah, so ziemlich das einzige, was einem Annäherungsversuch nahe kam. Ich hoffe nur, sie waren nicht als Anmachsprüche gedacht.
von Anna Patton
Natürlich wäre ich bereit zu glauben, das Problem läge bei mir – ich bin schließlich keine Angelina Jolie und ich besitze nicht mal einen Push-up-BH. Ich habe wirklich angenommen, dass die Schuld bei mir liege. Bis ich herausfand, dass ich nicht die einzige bin, die so eine unverfrorene Gleichgültigkeit gegenüber den eigenen femininen Reizen erlebt.
Es zeigt sich sogar, dass jede Frau die ich in Berlin kenne, unter dem gleichen männlichen Desinteresse leidet. Fiona, die bereits seit zwei Jahren hier lebt, war überhaupt nicht überrascht, als ich befand, dass es schwierig sei, Männer in Berlin kennen zu lernen: „Ja absolut, du musst hier richtig aufdringlich werden – deutsche Männer machen niemals den ersten Schritt.“ Und Carola erzählte mir, dass sie in ihrem ganzen Leben nicht einmal von einem deutschen Mann charmant angesprochen worden sei: sie ist gebürtige Berlinerin. Männer hier machen einfach keine Annäherungsversuche.
Dabei verlange ich noch nicht einmal viel. Schließlich stammen meine Maßstäbe aus Erfahrungen mit der charmanten doch meist hoffnungslosen britisch-irischen Kultur, wo Flirten selten mehr als ein ungeschicktes Heranrutschen an die Auserwählte an der Bar gefolgt von einem unverständlichen Gestotter ist. Zu späterer Stunde könnte es auch zu einem betrunkenen Überfall auf sie mitten auf der Tanzfläche kommen.
Meine koketten Begegnungen waren demnach bislang eher undenkwürdig und selten romantisch. (Der Tiefpunkt war: „Ich mag die Art wie dein Haar in der Briese weht.“ Wir saßen zu dem Zeitpunkt im Wohnzimmer.) Aber selbst diese albernen Zeilen oder ungeschickten Gesten - so peinlich, dass man automatisch zusammenzuckt - geben dir trotzdem etwas, und wenigstens lassen sie dich wissen wo du stehst. In Deutschland könnte dieser ernst dreinschauende Mann, der da drüben sitzt, leidenschaftlich in dich verliebt sein und du wirst es niemals wissen.
Opfer der Venustraphobie
Also was ist hier eigentlich los? Wollen deutsche Männer nicht flirten – oder sind sie in der Tat physisch nicht in der Lage dazu? Ein genetisches Ding, so in der Art – weiße Menschen können nicht rappen und Europäer können nicht tanzen? Hat das Erscheinen des italienischen Hengstes und des französischen Charmeurs vor vielen Jahrhunderten zur Ursache gehabt, dass die deutsche Spezies sich in die andere Richtung entwickelte – Mutter Naturs Weg um das Gleichgewicht für die Frauen Europas herzustellen?
Wie zum Beweis der deutschen Unfähigkeit zu flirten sind Flirtschulen und Kurse wie Pilze aus dem Boden geschossen und heute weit verbreitet. Sie könnten kaum einen Geschäftstag in der Mediterranen Welt überleben. Ein vor kurzem veröffentlichter Bericht der Times Online verglich Flirtgewohnheiten in verschiedenen Kulturen. Deutsche Männer, so war dort zu lesen, “sehen die Eroberung einer deutschen Frau als einen Extremsport an ... Die Komponente Charme ist nicht so wichtig.“ Es scheint eindeutig, dass deutsche Männer nicht sehr an Hochrisiko-Sportarten interessiert sind. Laut Autor des Artikels sind sie sogar Opfer der „Venustraphobie“ – der Angst, schöne Frauen anzusprechen. Manche glauben, diese Furcht wurde durch eine übermäßig emanzipierte weibliche Bevölkerung ausgelöst, welche nun die Jäger-Rolle im sexuellen Räuber-Beute-Spiel übernommen hat.
Flirten auf Deutsch
Aber könnte es auch einfach sein, dass Männer sich so verhalten wie die Gesellschaft es vorgibt? Deutsche Frauen, so sagt man, erwarten von ihren Männern Beherrschung. Spiegel Online hatte im Vorfeld zur Weltmeisterschaft 2006 in Deutschland einige Flirt-Richtlinien für ausländische Fans veröffentlicht, welche befolgt werden sollten, wenn Mann bei deutschen Frauen punkten wollte. Potentielle Verführer sollten vorsichtig sein, warnte der Artikel, da selbst ein einfaches "Hallo" einer deutschen Frau „zu direkt erscheint.“ Hallo? Befinden wir uns etwa im 19. Jahrhundert?
Die Deutsche Welle, die internationalen Studenten gute Ratschläge zum Thema Flirten erteilt, riet ebenso zur Vorsicht. Ihrer Meinung nach sollten dich „Augenkontakt und gutes Benehmen“ weiter bringen als „übertriebenes Machogehabe.“ Es scheint, als ob die Definition von Flirten auf Deutsch weiterhin auf ein unbewegtes, emotionsloses Starren von der anderen Seite des Raumes reduziert bleibt. Aber ich kann mir nicht vorstellen, dass irgendeine deutsche Frau einen verständlichen Grund finden könnte, warum der freundliche Annäherungsversuch eines Fremden sie beleidige – das ist nur eine Entschuldigung.
Es ist eigentlich so, dass Männer Angst haben sich lächerlich zu machen, und das ist genau das Risiko beim Flirten. Deutsche sind nicht risikofreudig. Sie mögen es, die Dinge genau und sorgfältig zu tun, nicht spontan und irrational. Vergiss genetische Erbanlagen oder kulturelle Gegebenheiten. Deutsche mögen einfach keine Extremsportarten.
Obwohl, wo ich gerade davon spreche, Ich fand auch noch nie etwas Besonderes am Adrenalinkick. Vielleicht wird es Zeit, dass ich einen der Flirtkurse besuche?*Alle Namen wurden geändert.
Comments
Woran mag das nur liegen? Ihr erntet jetzt nicht zufällig das, was ihr gesät habt?
Mein Bedarf an verteilten Körben durch weibliche (deutsche) Wesen (?) ist mittlerweile gedeckt. Eine Frau anzusprechen ist in D zu einem Akt geworden, der:
a.) fast schon eine vollendete Vergewaltigung darstellt
b.) eine - gelinde gesagt - rüde Reaktion geradezu provoziert und den (deutschen) Mann mit der Gewißheit zurückläßt ein animalisches Monster zu sein.
Es mag mir scheinen, daß die Werbungsversuche ausländischer Männer nicht ganz so kritisch beurteilt werden, wie die Vielzahl binationaler Paare in Gestalt: deutsche Frau - ausländischer Mann auf den Straßen zeigen.
Fazit: Deutsche Männer und flirten? Aber ja! In Kiew, Havanna, Buenos Aires oder Lagos - aber doch nicht in Deutschland! :-)
Ich kann Mensch mit Appendix nur bestätigen. Flirten in DE macht keinen Spaß, die Frauen sind abweisend, kalt und aus ihren Augen spricht der blanke Hass, wenn sie von einem fremden Mann (nett und höflich wohlgemerkt, also keine plumpe Anmache ) angesprochen werden.
Da flirtet Mann besser woanders...Ja sogar in London bekomme ich ein besseres Feedback als in heimischen Gefilden.
Kann natürlich daran liegen, dass ich die falsche Flirttechnik anwende. Möglicherweise stehen deutsche Frauen mehr auf türkische "Flirtkunst" *gg*
Ich bin auch recht schüchtern was Frauen angeht, und erkenne mich in den Erkenntnissen der Autorin durchaus wieder. Aber warum sollen denn immer Männer den ersten Schritt machen? Wenn einer Frau ein Kerl gefällt kann sie sich doch auch mal zu ihm setzen oder ist das verboten?
Ich kann mich meine Vorrednern in mancher Hinsicht anschliessen. Deutsche Fräuleins sind tendenziell nicht leicht zu handhaben, vor allem bei der Balz - hier muss man schon ein dickeres Fell haben, als bei Frauen anderer Nationalitäten und der Umgang mit den Germaninnen erfordert auch eine grosse Frustrationstoleranz - nicht nur beim Ansprechen, sondern auch oder vor allem in der Beziehung. Mein Gott, was musste ich da schon für sinnlos lächerliche Diskussionen führen....
In D. trifft das Klischee "Frauen wollen den netten Mann als platonischen Freund und mit dem Arschloch gehen sie ins Bett" auf eine Menge Wahrheitspotential.
Aber einfach zu sagen: "deutsche Frauen sind schuld allein, warum müssen die auch so zickig sein....?" - damit machen wir Herren es uns viel zu einfach.
Meiner Meinung nach könnten die Männer hierzulande mal mehr für ihr Selbstbewusstsein tun - einen Korb zu kriegen ist vll.frustrierend (in den 5 Minuten danach...), aber er ist auch wirklich kein Weltuntergang - oder schmerzt irgendjemanden die Abfuhr von vorgestern noch immer? Schlimmer ist es für mich, wenn ich mir im Nachhinein eingestehen muss, daß ich nicht den Mut gehabt habe und es erst gar nicht versucht habe. Darum muss man seine Sicht der Dinge beim Werben etwas verändern:
Das Ritual des "um eine Frau werben" ist für mich ein Spiel und genauso spielerisch sollte es auch genommen werden. Man kann gewinnen und man kann verlieren, aber dieses Spiel hat doch nichts mit meinem Ego zu tun - ich lass mir doch von keiner Frau meine Laune verderben oder gar mein Ego kränken - ich bin hier der Chef! Ein Anfang wäre es, sich folgendes zu verinnerlichen: "Ich bekomme keine Abfuhr mehr, ich stelle nur fest daß die Frau einfach keinen Geschmack hat." Ausserdem kann man FRauen bei einer Abfuhr noch lustige Sprüche reindrücken, mit der Männer einen Teil ihrer Verunsicherung direkt zurückgeben können: "Oh, die Prinzessin auf der Erbse hat grad keine Audienz....auf Wiedersehen Aschenputtel" oder -etwas gröber - "Du hast da einen dicken Popel in der Nase, das sieht ziemlich eklig aus...". Damit habe ich es schon geschafft, daß die Perle später VON SICH AUS auf mich zukam, ein Gespräch mit mir anfing und sich für ihre Grobheit entschuldigte.
Allerdings sollte man sich als Mann nach einem Korb auch fragen, ob sein Anmachversuch wirklich so casanovahaft und unwiderstehlich war. Mann muss die Frau verstehen, die nicht wirklich darauf steht, daß manche Männer sich erst 8 Gläser Mut antrinken müssen, um dann ein gelalltes "Ey Du, bisse öfters hier" herauszustammeln - sowas kommt häufiger vor als Mann denkt und darauf hätte ich, wenn ich eine Frau wäre, auch keinen Bock.
Sehen wir den Dingen mal ins Auge: Die Anmache ist eine der wenigen sozialen Situationen in der die Frau eine gewisse Machtposition einnehmen und dem Mann überlegen sein kann. Ich würde mich als Frau auch nicht direkt dem erstbesten dahergelaufenen Typen hingeben, bloss weil er den Mut hat, mir gegenüber den Mund aufzumachen. Er muss schon damit fertig werden, daß ich ihm vll. die kalte Schulter zeige oder reserviert bin, diesen Test muss er bestehen, wenn er mich haben will. Frauen finden es sehr attraktiv wenn ein Mann sich nicht so leicht ins Bockshorn jagen lässt. Erinnert euch an den Ausdruck "eine Frau will erobert werden" - eine Eroberung, bei der es keine Hindernisse gibt ist, keine Eroberung.
Es ist besser zu kämpen und keinen Erfolg zu haben, als es gar nicht versucht zu haben.
So jetzt ist Freitag abend - jetzt gehe ich raus und lerne ein paar Frauen kennen....nur MUT!!!!